Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Das Land hinter dem Nebel

typewriter-1007298_192023.10.2016

Geschichte des Tages

Ellen Wolff – Das Land hinter dem Nebel

„Komm da weg, Mykthar!“
„Warte, da ist etwas.“
„Ich bitte dich. Geh da weg!“ Lang streckte der alte Nantal seinen Arm aus, um seinen Kolonnenführer zurück zu halten. Die Dunkelheit zog über das flache Land, das sich in eine Senke schmiegte, deren Ende nicht zu sehen war. Dichter Nebel kam von dort hoch, und das war der Grund, weshalb Mykthars Neugier geweckt wurde. Vor der hellen Nebelwand erkannte er einen grauen Klumpen, der kein Fels war und kein Erdhügel.
Unwirsch wedelte er seinen Gefolgsmann weg. „Geh du schon vor, Nantal.“
„Lass gut sein, Mykthar. Der Krieg ist aus, die Kapitulation besiegelt. Wir müssen uns nicht mehr um jeden Scheiß kümmern.“
„Ja ja. Mache ich doch gar nicht. Kannst du erkennen, was das ist?“ Er zeigte auf den grauen Klumpen, der unweigerlich vom Nebel verschluckt werden würde, wenn man nur lange genug wartete.
„Das ist ein Stein, und dahinter kommt der Nebel. Das ist die Grenze zum Bösen. Lass uns zu den anderen in den Gasthof gehen.“
„Geh du vor, ich komme gleich nach“, befahl Mykthar, und Nantal drehte grantig ab. Noch bis zum Gasthof hoch hörte er ihn schimpfen, wie undankbar er sei und uneinsichtig und neugierig und unvorsichtig. Eben typisch für die verzogenen Rotzgören aus dem Königshaus.
Langsam ging Mykthar in die Senke herab, zu dem grauen Klumpen, dessen Umrisse vor der hellen Nebelwand deutlich wurden. Als er schweren Atem hörte, verharrte er. Neben sich, im dichter werdenden Grau, bemerkte er eine Bewegung. Er griff ins Nirgendwo und hatte groben Stoff in der Hand, den er zu sich zog. Es war ein Stück Umhang, wie ihn die Menschen vom Nebelvolk trugen, und in dem Umhang steckte ein Verletzter, der ihn müde ansah.
„Es ist ein Drache. Richtig gesehen, Königskind.“
„Ich bin kein Königskind“, knurrte Mykthar. „Nur ein Verwandter des Königshauses. Ein einfacher Mann, so wie du. – Ein Drache, sagst du? Es gibt sie also wirklich? Sie sind keine Vision des Krieges? Keine Illusion, die ihr herauf beschwören könnt?“
„Sie sind so real, wie du und ich.“
Mit dem Fremden an seiner Seite ging Mykthar näher zu dem Klumpen, hörte den Atem des sterbenden Fabelwesens und spürte die Kühle des herannahenden Nebels. Im schwachen Licht sah er die Farbe des Drachens schwinden, von feuerrot zu erdbraun. Die Schuppen, hart und scharf, hingen ungeordnet an dem Körper, der starb, zugedeckt von geschundenen Schwingen, die wie altes Leder grau und rissig den Rest bedeckten. Aus einer Wunde am langen Hals lief Blut, das braungrün in der Erde versickerte. Und noch etwas sah Mykthar: Narben, die dort entstanden, wo giftiges Drachenblut über Menschenhaut lief. Dicht am sterbenden Wesen lag jemand. Mykthars Herz schlug schneller. Er hatte gar nicht bemerkt, wie der Fremde sich von ihm gelöst hatte und Richtung Nebel gestolpert war.
„Ich rate dir in deine Welt zurück zu kehren, Königskind“, stammelte er. „Der Nebel wird sich seine Wesen holen und alles, was nicht niet und nagelfest ist, nimmt er mit. Lass den Drachen in die große Welt hinübergehen. Verhindern kannst du es nicht, du kannst nur mitgenommen werden. Aber es ist nicht deine Welt. Du hast ein gutes Herz, Königskind. Bewahre es dir und lass uns unsere Welt. Leb wohl.“
Verwirrt guckte Mykthar zu dem Mann, der sich in seinen Umhang hüllte und unweigerlich vom Nebel mitgenommen wurde.
Es wurde kälter und kälter. Die Lichter des Gasthofes waren kaum noch zu erkennen. Aus dem dichten Grau erklang ein letzter Atemzug des Drachens und ein Schluchzen. Dieses leise Schluchzen reichte, damit Mykthar nach vorne griff, dorthin, wo er die Narben, rot und frisch gesehen hatte. Einen Arm packte er und zerrte den dazugehörigen Körper mit sich, aus der Senke herauf zu den Stimmen, die er aus dem Gasthof hören konnte.
Oben in Sicherheit vor dem alles verschlingenden Grau, drehte er sich um und schaute zurück. Als würde er am Ufer eines riesigen hellen Meeres stehen, sah er nichts weiter, als Nebel, der still und ruhig waberte. Als wollte eine Woge der weißen Kühle ihm seine Beute streitig machen, leckte eine Welle an den Beinen des Ohnmächtigen, den Mykthar noch weiter zu sich herauf zog.
Verwirrt von dem eben Erlebten, beugte er sich zu dem Verletzten herab und begann ihn nach Waffen abzusuchen. Einen Dolch, hell wie Kristall und scharf wie eine Drachenschuppe entwand er dem Fremden, dann suchte er nach einem Schwert, fand aber keines. Seine Finger tasteten über Bauch und Brust nach einem Riemen für einen Köcher, nach einem Bogen, aber was er fand war weich und warm. Er schluckte und blieb mit seinen Händen wo er war. Auf dem Körper einer Frau. Er umfasste sie, spürte ihren Atem und ihre Wärme. Irgendetwas in seinem Inneren krampfte sich zusammen.
„Mykthar?“, rief Nantal von der Tür her.
Erschreckt zog er seine Hände zurück.
„Mykthar? Lebst du noch? Scheiße. Dieser verfluchte Nebel.“
So schnell er konnte, zerrte Mykthar die Frau zum Ende des Gasthofes, hinter einen Holzstoß. Er lauschte kurz zu seinem Freund, der nach ihm rief und dabei wie üblich fluchte. Dann sah er hinunter zu der Fremden, die langsam ihre Augen öffnete, gab ihr den Dolch wieder und flüsterte: „Bleib hier. Ich komme gleich zurück. Dir passiert nichts. Bleib. Bitte.“

(c) Ellen Wolff

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