Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Ganz in Weiß, Teil 1

Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Ganz in Weiß, Teil 1

Es ist schon einige Jahre her, da hatte ich den Auftrag, eine Wohnung zu verkaufen, die komplett in Weiß ausgestattet war: weiße Wände, weiße Türen, weiße Fenster, weiße Bodenfliesen, die diagonal verlegt waren, eine weiße Einbauküche, ein schickes, weiß gefliestes, Tageslichtbad mit weißer Dusche und Wanne. Sogar alle Jalousien an den Fenstern waren weiß. Auf dem großen Balkon, mit einem schönen Blick in den Garten, standen hochwertige weiße Holzmöbel und weiße Blumenkübel, die mit weißen Hortensien bepflanzt waren. Alle Türgriffe waren in Mattsilber, genauso wie alle Armaturen in der Küche und im Bad.
Die Wohnung hatte insgesamt drei Zimmer, ein Bad und ein Gäste-WC, die Küche war offen in den Wohnraum integriert, und auf dem Balkon konnten gut vier bis sechs Personen sitzen.

Der Eigentümer, Designer bei Opel, hatte die Wohnung vor zehn Jahren erworben und wollte die Wohnung aus beruflichen Gründen verkaufen, da er einen neuen Arbeitsplatz im Ausland angenommen hatte, wo er als Designer bei einer Möbelfirma angefangen hatte.
Als ich mich mit Herrn Sänger traf, um die Wohnung anzusehen, trug er einen schwarzen Pullover, darunter ein weißes Hemd mit hochgestelltem Kragen, dazu eine weiße Jeans und originelle, schwarze-rote Schuhe. Er war groß, schlank und hatte etwas längere, große Locken, die sein markantes Gesicht umrahmten. Seine tiefe Stimme war sehr wohlklingend. Ich fand, er sah gut aus, er war mir sofort sympathisch.
Das Haus war von außen unscheinbar, auch das Treppenhaus machte nicht viel her. Ich dachte zu mir, na, bin ja mal gespannt, was mich hier erwartet!

Die Wohnung war bereits ausgeräumt, da Herr Sänger recht schnell eine Wohnung in der Nähe seines neuen Arbeitsplatzes gefunden hatte. Als er mir die Tür öffnete und mich nach einer kurzen Begrüßung hinein bat, stand ich in einer hellen, offenen, modernen Wohnung. Draußen regnete es, bei den meisten Wohnungen hätte man das Licht anschalten müssen, hier war das aber nicht nötig.
„Wow“, sagte ich, „das sieht ja mal geil aus!“
Obwohl viele der Meinung sind, dass eine komplett weiße Gestaltung steril aussieht, konnte ich das bei dieser Wohnung wirklich nicht sagen.
Die unterschiedlichen Materialien, die verschiedenen, gut kombinierten Weißtöne, präsentierten die Wohnung großzügig und hell… trotz des schlechten Wetters. Ich fand, sie sah edel aus.

In jungen Jahren hatte ich eine Ausbildung zur Dekorateurin gemacht, daher konnte ich mir auch schnell vorstellen, wie die Wohnung eingerichtet aussehen könnte. Ich selbst liebe Weiß, besonders, wenn es mit Schwarz kombiniert wird. Mit ein paar schönen Farbtupfern unterstrichen, sieht es eigentlich immer elegant aus. Man kann mit wenigen Änderungen, schicken, farbigen Accessoires, der Wohnung schnell ein neues Aussehen verleihen.

Herr Sänger zeigte mir die ganze Wohnung. Als wir mit der Besichtigung fertig waren, ging er noch einmal kurz an sein Auto, um alle Unterlagen hoch zu holen, die ich für den Verkauf brauchen würde. Darüber hinaus brachte er seinen Laptop mit, um mir Fotos davon zu zeigen, wie die Wohnung möbliert ausgesehen hatte.
Ich war von der ehemaligen Einrichtung total begeistert: sehr eigenwillig, mit nur wenigen Möbeln.
„Die wenigsten Möbel habe ich gekauft“, fing er das Gespräch an. „Es sind überwiegend Möbelstücke, die andere nicht mehr wollten. Teilweise habe ich sie geschenkt bekommen, manche habe ich auch auf dem Sperrmüll gefunden. Sehen Sie den quadratischen Esstisch? Den habe ich aus zwei Tischen selbst zusammengebaut.“
Der Tisch war in einem dunklen, fast schwarzen Holz, mit grober Maserung, und unten an den vier Tischbeinen waren knallrote große Rollen. Um den Tisch standen sechs verschiedene alte Stühle mit schwarz bezogenen Sitzflächen, die alle im gleichen Rotton lackiert waren, wie die Rollen am Tisch.
Anhand der Bilder war zu sehen, dass er Pflanzen liebte. Die Übertöpfe waren überwiegend in Hochglanz-Weiß, wodurch das Grün der Pflanzen besonders schön zur Geltung kam.
„Die Übertöpfe habe ich nicht gekauft, sie standen teilweise an der Straße oder ich habe sie von Freunden geschenkt bekommen. Ich habe alle in Weiß gespritzt, um so ein einheitliches Bild zu haben. Eigentlich habe ich fast alles selbst gebaut, bis auf die Küche und die weißen Möbel auf dem Balkon.“
Neugierig, wie ich nun mal bin, sah ich ihn fragend an und meinte: „Herr Sänger, das müssen Sie mir aber jetzt erzählen, warum Sie die nicht selbst gebaut haben. Bei Ihrem Talent kann ich das aber nicht verstehen.“
„Das kann ich Ihnen sagen“, antwortete er. „Ich habe hier mit meiner Lebensgefährtin gewohnt, sie hat die Küche einbauen lassen und auch die weißen Gartenmöbel sind noch von ihr.“ Er machte eine kleine Pause. „Sie ist vor vier Jahren an einer schweren Krankheit verstorben und seitdem wohne ich hier alleine.“ Danach machte er eine längere Pause, bis er weiter sprach: „Nach ihrem Tod habe ich versucht, mich abzulenken. Ich habe mich daher sehr viel mit Möbeln und Einrichtungen beschäftigt. Manch ein Stück habe ich umfunktioniert, aus zwei eins gemacht und das eine oder andere Teil um gestrichen. Wissen Sie, was mir dabei aufgefallen ist? Für schönes Wohnen braucht man nicht unbedingt viel Geld auszugeben. Das ist auch der Grund, warum ich als Designer bei einer Möbelfirma angefangen habe.“
„Das sage ich schon lange“, gab ich ihm zur Antwort. „Ich habe schon so schöne Wohnungen gesehen, die nicht mit teuren und wertvollen Möbeln eingerichtet waren, dafür aber mit Liebe. An den Wänden hingen teilweise selbst gemalte, kreative Bilder, überall standen schöne Pflanzen und einige nette Accessoires als Hingucker. Die waren sowas von knuffig, es waren Wohnungen in denen man sich auf Anhieb wohlgefühlt hat.“

Er zeigte mir noch mehr Bilder, und ich konnte sehen, dass die Wohnung komplett ausgefallen eingerichtet gewesen war. Klar, vieles war sehr eigenwillig, aber jedes Stück war ein Unikat. Gerade dadurch, dass die Wohnung komplett weiß war, kamen die einzelnen Teile super zur Geltung.
„Warum nehmen Sie die weißen Möbel vom Balkon nicht mit?“ fragte ich ihn.
„Ich musste einfach ein neues Leben anfangen, denn so konnte es nicht weitergehen. Ich habe meine Lebensgefährtin sehr geliebt, sie wird auch immer in meinem Herzen bleiben, aber ich muss ein neues Kapitel aufschlagen“, antwortete er mit einer müden, traurigen Stimme.
Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, er tat mir unwahrscheinlich leid. Ich konnte seinen Schmerz spüren und wie sehr er seine Lebensgefährtin geliebt hatte.

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