Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Ganz in weiß, Teil 2

Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Ganz in weiß, Teil 2

20.02.2017

Seine Augen sahen ganz traurig und matt aus, als fiele er in sich zusammen.
Ohne zu sprechen standen wir beide eine ganze Weile einfach da und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Herr Sänger unterbrach das Schweigen mit den Worten: „Das Leben muss weitergehen, sorry, ich weiß auch nicht, warum ich Ihnen das alles erzählt habe.“ Plötzlich hatte er es ganz eilig, er musste zum Flughafen, da seine Maschine bald gehen würde. Er gab mir noch seine Kontaktdaten und den Schlüssel der Wohnung.
Wir verabschiedeten uns und gingen beide zu unseren Autos. Bevor er mit seinem Wagen wegfuhr, ließ er die Fensterscheibe runter und rief mir zu: „Was ich Ihnen noch sagen wollte, die weißen Hortensien auf dem Balkon gießen meine Nachbarn, die haben auch einen Schlüssel von der Wohnung. Die sind noch von meiner Lebensgefährtin, ich habe sie gehegt und gepflegt. Wenn die Wohnung verkauft ist, werde ich die Hortensien auf ihr Grab pflanzen. Es wäre aber auch schön, wenn sie dem zukünftigen Eigentümer gefallen würden und er sie weiter hegt und pflegt. Meine Lebensgefährtin hat hier sehr gerne gewohnt, ihr würde es bestimmt gefallen wenn sie hier bleiben würden.“

Es ist von Vorteil, wenn man eine Immobilie im Internet so inseriert, dass die Überschrift schon direkt etwas über das Objekt aussagt. Ich entschied mich für den folgenden Text:

„Großzügig, hell, „GANZ IN WEISS“, extravagant, nichts für jedermann.“

Ich hatte für das Exposé einen aussagekräftigen Text geschrieben und passend dazu jede Menge Fotos. Schnell hatte ich Anfragen von Interessenten, die sich die Wohnung ansehen wollten.
Unter anderem rief mich eine Frau an, die sich am Telefon schon etwas älter anhörte. Ich erzählte ihr noch einiges zu der Wohnung, erwähnte noch einmal, dass die Wohnung komplett in Weiß sei, dass es keine großen Wände gebe, an die man große wuchtige Schrankwände in Nussbaum oder Eiche-Rustikal stellen könne, denn das würde nicht zur Wohnung passen.
„Neiiin, wo denken Sie denn hin?? Sooowas habe ich doch nicht“, meinte sie in einem ganz vornehmen Ton. Ihre Stimme hatte sich vor lauter Vornehmheit fast überschlagen. „Ich habe nuuuur schöööne, alte, wertvolle Erbstücke, die noch von meinen Großeltern und meinen Eltern sind. Ich bin Oberstudiendirektorin, sooowas würde ich mir niiiiie in die Wohnung stellen.“
Ich betonte noch einmal, dass die Küche offen im Wohnraum integriert ist, da ich aus Erfahrung wusste, dass gerade etwas ältere Leute eine separate Küche bevorzugen.
„Nein, nein… Eine offene Küche finde ich sehr schön“, säuselte sie ganz vornehm weiter. „Ich habe mir die Beschreibung zweimal durchgelesen und alle Bilder mehrmals angesehen. Darf ich Ihnen was sagen? Die Wohnung haben Sie sehr nett beschrieben!“
Sie sprach in einer so hohen Tonlage, dass man hätte meinen können, Gräfin Rotz persönlich sei am Telefon.
„Wann können Sie mir denn einen Termin zur Besichtigung anbieten?“, fragte sie. „Ach, und das wollte ich Ihnen noch sagen: ich kann die Wohnung bar bezahlen.“ Ich vereinbarte mit ihr einen Termin und wir trafen uns drei Tage später vor dem Haus.

Schon als ich sie sah, war sie mir auf den ersten Blick äußerst unsympathisch. Sie sah so kotzdusselig aus, genau wie ihre Stimme hatte vermuten lassen. Nett und professionell, wie ich halt bin, begrüßte ich sie trotzdem freundlich und ging mit ihr ins Haus.
Die Wohnung war in der 1. Etage, ich ging voran und hinter mir säuselte sie: „Wie schön, dass der Termin so schnell geklappt hat.“
Ich schloss die Wohnungstür auf, öffnete die Tür weit und bat sie herein.
„Die Wohnung ist ja gefliest und auch noch in Weiß“, meinte sie, als sie gerade eintreten wollte.
„Ja die Wohnung ist gefliest und alles ist in Weiß“, antwortete ich, drehte mich zu ihr um und fragte „Suchen Sie etwas mit Parkett?“
„Ja, selbstverständlich suche ich eine Wohnung mit Parkett. Fliesen, und dazu auch noch weiße, sehen ja aus wie im Krankenhaus.“
So schnell konnte sie gar nicht gucken, da zog ich die Tür wieder zu und sagte zu ihr: „Frau Oberstudiendirektorin, an Ihrer Stelle würde ich nach Wohnungen schauen, bei denen die Überschrift lautet, GANZ IN BRAUN… FÜR OTTONORMALVERBRAUCHER. Wissen Sie was, unser Termin ist hiermit beendet, Sie sind eine fürchterliche Zeitstehlerin.“ Ohne großartige Verabschiedung drehte ich mich auf dem Absatz um und ging.
Ich hörte sie noch hinter mir ganz vornehm schimpfen, nach einiger Zeit hatte sie dann wohl auch kapiert, dass die Tür zu war und sie die Wohnung nicht besichtigen würde.

Mensch…, Mensch, dachte ich bei mir, wenn so jemand wie diese Schrappnelle die Wohnung kaufen würde, würde sich die Lebensgefährtin von Herrn Sänger im Grab `rumdrehen und die weißen Hortensien gingen garantiert schlagartig ein.

Die schicke Wohnung hatte kurze Zeit später eine ganz sympathische junge Frau gekauft. Sie hatte von ihren Großeltern geerbt und konnte die Immobilie problemlos zahlen. Von Anfang an war sie von GANZ IN WEISS total begeistert. Als ich mit ihr die Wohnung angesehen hatte, schien die Sonne, die Räume waren lichtdurchflutet, dadurch kam die weiß gestaltete Wohnung noch viel mehr zur Geltung. Nachdem ich ihr den Keller und den Waschraum gezeigt hatte, fragte sie mich, ob wir noch einmal in die Wohnung gehen könnten, sie wolle alles noch einmal auf sich wirken lassen.
Gerne kam ich ihrem Wunsch nach. Ich ließ sie alleine durch die Zimmer gehen und hielt mich im Eingangsbereich auf. Von hier aus konnte ich sehen, wie sie auf den Balkon ging, sich auf die weiße Bank setzte und liebevoll mit der Hand über das Holz strich. Dort blieb sie dann auch eine Weile sitzen und streckte ihr Gesicht in die Sonne. Als sie wieder aufstand, machte sie einen Schritt zu den weißen Blumenkübeln, nahm die Blüte einer Hortensie in die Hand und steckte ihre Nase hinein. So verweilte sie einen kleinen Moment, dann kam sie wieder herein und fragte mich: „Bleiben die weiße Holzbank und die weißen Blumenkübel auch in der Wohnung? Das gefällt mir so gut, ich liebe Hortensien und weiße finde ich besonders schön.“

Nach der Protokollierung des Kaufvertrages wusste ich zu 100%, die Wohnung hatte die richtige Bewohnerin gefunden. Eigentlich kann es einem egal sein, wer die Wohnung kauft, letztendlich muss er den Kaufpreis zahlen können. Allerdings glaube und weiß ich es auch aus Erfahrung: bei Immobilien, die nichts für JEDERMANN sind, gibt es garantiert auch den passenden Käufer.

Wie sagt man so schön: „Zu jedem Dippchen gibt es das passende Deckelchen.“

(c) Angelika Weckbach

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.