Geschichte des Tages: Brina Stein – Abgehängt Teil I

Geschichte des Tages: Brina Stein – Abgehängt Teil I

26.02.2017

„Abgehängt“ (Teil I) aus dem Buch „Wellengeflüster I Neunzehn Seegänge mit Brina Stein“

Mein Zeiger rückte auf Punkt zwölf Uhr vor. Gong. Es war Mittagszeit und das nicht nur in Berlin, meiner Zeitzone, die ich stolz präsentierte, sondern auch auf unserem Kreuzfahrtschiff, das Kurs auf den Heimathafen Hamburg genommen hatte. Nun war nach langer Fahrt um die Welt endlich wieder meine Uhrzeit dran, aber der Gong kam nicht von mir. Dieser kam über die verkabelte Schiffsanlage und sogleich ertönte die Stimme der charmanten Rezeptionsmitarbeiterin Anna durch das Mikrofon in allen Kabinen und öffentlichen Bereiche des Schiffes. Ich konnte Anna sehen, wie sie sich über das Mikro beugte. Sie kündigte den Beginn des Mittagsessens in den Restaurants an. Sie sah süß aus, die Haare hochgesteckt. Wie immer wackelte sie bei ihrer Durchsage ein wenig mit dem rechten Fuß. Ein Traum von einer Frau, gerade 25 Jahre und eine echte Bereicherung für das Rezeptionsteam. Sie kam vor zwei Monaten in Bali an Bord und neben den alleinreisenden Herren war nahezu die ganze männliche Crew in sie verliebt, ich eingeschlossen. Lange, blonde Haare und eine Figur wie Heidi Klum, ein messerscharfer Verstand und ein Umgang mit den Gästen, der seinesgleichen suchte.
Ich schielte nach links. Anstatt dass mein Nachbar auf der Zahl 14 stand, der aktuellen Zeit für Moskau, war er wieder verreckt und sein Zeiger stand unbeweglich auf 13 Uhr. Bis vor einem halben Jahr war er noch die „Tokio-Uhr“ gewesen, doch seitdem die Reederei beschlossen hatte, den osteuropäischen Markt zu erschließen, war er kurzerhand in eine „Moskau-Uhr“ umgewandelt worden. Er kam mit der Umstellung nicht zurecht und aus lauter Angst, die alte Zeit nicht einholen zu können, blieb er ständig stehen. Genervt schaute ich nach rechts zu meinem Kumpel, der New York-Uhr. Er gähnte, es war gerade erst sechs Uhr morgens seiner Zeit.
„Wie immer, gleich kommt der Techniker Peter mit der Leiter und macht einen großen Aufstand“, flüsterte er mir mit müder Stimme zu. Eifersüchtig nickte ich. Peter war ein gut aussehender Bursche von knapp dreißig Jahren und flirtete ständig mit „meiner“ Anna. Dabei war ich ihr doch am nächsten. Mich strahlte sie jeden Morgen an und sagte:
„Guten Morgen, Berlin.“
Passend zu meiner Uhrzeit begann Leben in die Passagiere zu kommen. Sie alle gingen strammen Schrittes an der Rezeption vorbei in Richtung Speisesaal. Das Fünf-Gänge-Menü wollte auch bei gutem Wetter keiner verpassen. Wie erwartet erschien Peter, grinste Anna an und baute seine Leiter auf. Anstatt sie vor die Moskau-Uhr zu stellen, platzierte er sie direkt vor der Uhr ganz rechts außen, der San Francisco-Uhr. Diese erschrak, zeigte sie doch drei Uhr nachts und war grausam aus dem Tiefschlaf gerissen worden.
„Es ist Moskau, wie immer“, lächelte Anna den Techniker an. Geschmeidig, mit einem Hüftschwung, näherte er sich ihr und gab zurück: „Weiß ich. Wollen wir nicht erst einen Kaffee zusammen trinken? Jetzt sind eh alle zu Tisch.“
Ich wollte gerade laut aufschreien vor Empörung, als der Hoteldirektor, Klaus Rieser, direkt auf die Rezeption zukam.
„Mist“, murmelte Peter und begann seine Leiter zu versetzen und machte sich an der Moskau-Uhr zu schaffen. „Hallo Anna“, grüßte Klaus charmant, „ich habe gerade ein Fax der Reederei bezüglich der Uhren erhalten.“
Interessiert drehte sich Peter auf seiner Leiter um. „New York“ und ich blickten einander verständnislos an. „San Francisco“ wurde langsam munter und starrte misstrauisch auf den Hoteldirektor herunter.
Eine schrille Stimme tönte plötzlich durch die Rezeption.
„Ach, da sind Sie ja, mein Lieber.“
Auf den Arm des Hoteldirektors Klaus legte sich eine nicht mehr ganz junge Hand, die einer unermüdlichen Vielfahrerin gehörte. „New York“ und ich grinsten uns hämisch an. Wir kannten die Dame von vielen Reisen auf unserem Schiff. Sie war um die 60 und wurde regelmäßig von ihrem beruflich eingespannten Mann allein auf Reisen geschickt. Dabei war ihr einziges Ziel, sich für die Dauer der Reise mit den schmucken Offizieren zu vergnügen. Klaus war bisher tapfer davongekommen, aber heute, am letzten Tag dieser Kreuzfahrt, galt es noch mal alles zu versuchen. Während die Vielfahrerin Klaus befragte, wie es sein konnte, dass der Salat nach Tagen auf See so knackig aus der Küche käme, machten wir Uhren uns Sorgen, was der eigentliche Besuch des Hoteldirektors an diesem Mittag an der Rezeption zu bedeuten hatte. Schließlich gelang es Klaus, den Gast freundlich abzuwimmeln. Mit einem „wir sehen uns heute Abend noch“,
entschwand sie, nicht ohne noch neckisch zu zwinkern, Richtung Speisesaal. Klaus schüttelte den Kopf, als er ihr nachsah, und wandte sich dann wieder Anna zu.

„Also, Anna, die vier Uhren werden Morgen in Hamburg demontiert. Die Reederei hat geschrieben, dass stattdessen ein moderner Flachbildschirm mit einem umfangreichen Infoprogramm installiert wird.“
Wir Uhren schrien auf. Leider hörte uns niemand, es war eher ein innerer Schrei und mein Ticken setzte beinahe aus. Anna drehte sich um, als ob sie uns doch gehört hätte, und schaute mitfühlend hinauf, wie es mir schien. An Klaus gewandt sagte sie:
„Aber viele Gäste lieben die alten Uhren und den Vergleich der Zeitzonen.“
Wir nickten eifrig und mit offenem Mund. Ich wusste, Anna liebte uns und speziell mich. Der Hoteldirektor studierte das Fax und gab zur Antwort:
„Es wird eine digitale Uhrzeitanzeige geben, die als Banner durch das Bild läuft. Da werden sogar noch mehr Zeiten als jetzt angezeigt.“
Wir hatten ausgedient. Ich war entsetzt. Was würde man mit uns tun? Seit über zwanzig Jahren hingen wir an diesem Platz. Bei jedem Werftaufenthalt waren wir liebevoll gereinigt und neu aufgehängt worden. Das alles sollte vorbei sein?

(c) Brina Stein

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