Geschichte des Tages: Brina Stein – Abgehängt Teil II

Geschichte des Tages: Brina Stein – Abgehängt Teil II

27.02.2017

„Abgehängt“ (Teil II) aus dem Buch „Wellengeflüster I Neunzehn Seegänge mit Brina Stein“

Der Hoteldirektor verließ die Rezeption. Peter wandte sich wieder der „Moskau-Uhr“ zu. Wie von selbst hatte sie plötzlich zu laufen begonnen. Er klappte seine Leiter zusammen und schaute Anna an.
„Die Uhren“, begann er vorsichtig, „haben mich oft aus dem Maschinenraum hinauf zu dir geführt.“ Anna lächelte verlegen und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ja, und ich habe mich gefreut“, gestand sie. Er lächelte.
„Musst Du sie morgen früh abhängen?“, fragte sie traurig. Er kramte in seiner Hosentasche nach dem Arbeitsplan für den kommenden Tag.
„Ja, erwiderte er, es wird meine letzte Amtshandlung sein, morgen Mittag steige ich aus und gehe in den Urlaub.“
Sie schaute noch trauriger als zuvor und murmelte „ach so.“
„Aber, ich komme wieder. In acht Wochen steige ich in Singapur auf“, versprach er eifrig. Ich fasste es nicht, wir waren mitten drin in einer beginnenden Liebesgeschichte. So muss es wohl im Kino sein, nur das Popcorn fehlte. „New York“ verteilte unterdessen Taschentücher. Wir heulten um die Wette und selbst „San Francisco“ wollte jetzt nicht mehr schlafen. Warum wir weinten? Zum einen, weil unser Schicksal ungewiss war, zum anderen, weil eine anscheinend beginnende Romanze durch menschliche Planungen im Keim zu ersticken drohte. Ganz eifersuchtsfrei ging diese Sache nicht an mir vorüber, aber ich war intelligent genug zu verstehen, dass es neben mir für Anna einen realen Partner geben musste. Dann am besten diesen Peter, der sich mit unserem Uhrwerk auskannte und wusste, wie wir ticken. Gäste, die auf die Rezeption zukamen, setzten dem Gespräch zwischen den zweien ein Ende. Als Anna gegen drei Uhr in der Frühe endlich Feierabend hatte, schaute sie noch mal liebevoll zu uns hinauf und winkte uns traurig zum Abschied.

Als sie am nächsten Nachmittag ihren Dienst an der Rezeption antrat, waren wir Uhren weg. Ich stellte mir vor, wie sie unglücklich seufzen und angewidert das moderne Infoboard betrachten würde. Peter war schon eine Stunde vor seinem regulären Arbeitsbeginn bei uns am Morgen erschienen. Zu Helmut, dem alten Nachtportier, sagte er nur knapp:
„Je eher ich hier fertig bin, desto besser, ich steige heute ab.“
Dieser nickte und verstand, auch er freute sich auf seinen letzten Arbeitstag an Bord, der aber erst in zwei Wochen in Lissabon sein würde. Liebevoll packte Peter uns in eine Kiste und verschwand. Anstatt uns auf Deck 1 zur Müllstation zu bringen, pfiff er seelenruhig ein frohes Lied und schlug den Weg zur Lido-Lounge ein. Wir Uhren schauten uns ratlos an. Die Lounge war leer um diese Zeit. Er stellte die Kiste auf den Tisch und erklärte uns:
„Anna wird euch vermissen, aber sie wird euch finden, wenn sie heute Abend einen Rundgang über das Schiff macht, um sich die Einsamkeit zu vertreiben. Für jeden von euch habe ich einen besonderen Platz ausgesucht, Ihr werdet auf eurem Schiff bleiben.“
Wir Uhren strahlten uns an, New York und ich tauschten einen gedanklichen Gongschlag aus. Hauptsache an Bord, wenn auch getrennt. Ich würde Anna weiterhin sehen können. In der Lido-Lounge wurde San Francisco platziert. Hier hatte er es schön ruhig und auch sein penetrantes Schnarchen würde keinen Gast stören, denn die Lounge war einer der ruhigen Rückzugsräume des Schiffes. New York war als Nächster dran. Er bekam seinen Platz in der Disko, wo das Leben auf diesem Schiff niemals schlief. Begeistert winkte er mir zum Abschied zu. Tokio fand im Ruheraum vor der Sauna eine neue Heimat, wo die Passagiere nach einem Gang ruhen konnten und sich nicht daran störten, dass er andauernd stehen blieb. Nun war ich gespannt, welchen Platz Peter für mich auserwählt hatte. Am Restaurant Berlin, auf welches ich heimlich getippt hatte, ging er vorbei. Er betrat mit mir die Crew-Bar.
„Dich Berlin, hat sie besonders lieb“, flüsterte Peter mir leise zu, „und daher wirst du einen ganz besonderen Platz und zudem eine Aufgabe von mir erhalten.“

Glücklich wartete ich den ganzen Tag auf Anna. Endlich, gegen spätabends betrat sie die Crew-Bar. Sie sah müde und frustriert aus. Sie ließ sich an der Bar nieder und schaute direkt in mein Gesicht.
„Berlin“, sie schwang sich vom Hocker, kam um den Tresen herum und streichelte mich zärtlich. Auch ohne mein Ortsschild, hatte sie mich sofort erkannt. Ich strahlte. Mein altes Uhrenherz klopfte aufgeregt. Wir waren wieder vereint. Sie hatte mich wirklich vermisst, da war ich mir jetzt ganz sicher. Weil „meine“ Anna ein schlaues Mädchen war, entdeckte sie, dass an meinem rechten Uhrenrand ein Stück Papier herauslugte. Sie hängte mich ab. Ihre Hände zitterten leicht, als sie den Zettel gespannt herauszog, den ich sorgsam verborgen und bewacht hatte. Auf dem Zettel stand:

„Liebste Anna, ich bin mir sicher, dass Du noch vor dem Hafen von Le Havre meine Nachricht finden wirst. Unsere Uhren habe ich sorgsam auf dem Schiff verteilt. Sie sollen dich daran erinnern, dass die Zeit weiterläuft und somit auch die Zeit, bis wir uns wiedersehen, kürzer wird. Berlin habe ich dir bewusst in die Crew-Bar gehängt, denn da haben wir uns am Tresen das erste Mal unterhalten. Ich freue mich auf dich in Singapur, dein Peter.“

Innig drückte Anna mich. Ich war im siebten Uhrenhimmel. Von ihrem herzhaften Kuss beschlug meine ganze Scheibe. Aber das machte mir nichts

(c) Brina Stein

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