Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Olympia

Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Olympia

08.03.2017

Olympia

Was muss mit einem Menschen passieren, damit er Olympionike wird. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären das und jemand fragt Sie: „Guten Tag, was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Olympionike.“
„Aha, und was haben Sie gelernt?“
„Nichts, ich bin Olympionike.“
Wer es schafft das Wort Olympionike fünfmal schnell hintereinander zu sagen, ohne einen Knoten in der Zunge zu bekommen, ein Stimmbandödem, oder einen Lachanfall, der soll sich mal eben melden.
Was treibt die Leute nur zu einer solchen Großveranstaltung? Ich würde mir noch nicht einmal eine Eintrittskarte für diesen Jahrmarkt der kuriosesten Körper kaufen. Auch nicht für die Sommerspiele, obwohl da so viele fast nackig sind. Diese auf ihre Sportdisziplin angepassten, hochgeshapten Körper sieht man über die Mattscheibe in HD, bei einer Tüte Chips auf dem Sofa doch besser, als von einem weit entfernten Zuschauerrang.
Was bringt Menschen dazu, sich so sehr zu quälen, um dort teilnehmen zu können?
Nur allein die Abhängigkeit von den Trainern ist mir total suspekt. Immer dieses sich anschreien lassen. Wenn das einer mit mir machen würde, da wäre der Bock aber fett! Und am Ende der Höchstleistungen japsen die armen Sportsklaven ins Mikrofon des gierigen Journalisten, dass ein Traum in Erfüllung gegangen ist und, dass der größte Dank dem Trainer gilt. Wofür? Für´s Anschreien? Ist scheinbar so eine Art Domina-Komplex.
Einmal habe ich im TV rum gezappt und bin bei einer Leichtathletik-WM hängengeblieben. Es gab gerade Hochsprung der Frauen. Das finde ich ganz nett. Es sind kurze Darbietungen, innerhalb von Sekunden ist entschieden über Hopp oder Topp und die Sportler fallen weich auf eine dicke Matte.
Eine Springerin hatte die Latte gerissen (was für ein Satz! Da kneifen alle Männer sofort den Schwanz ein!). Sie lief ganz aufgelöst zur Bande und sah hoch in die Ränge, wo ihr Trainer saß, alles von Kameras mit Megazoom festgehalten. Der Trainer gab doch tatsächlich den klugen Rat: „Du musst höher springen!“
Das magersüchtige Fähnchen im Winde nickte und bereitete sich auf den nächsten Versuch vor. Ich habe dann umgeschaltet. Hätte sie wieder die Latte gerissen (Waaahahahhah!), hätte sie mir leid getan. Womöglich hätte sie noch nicht mal diese einfache Anweisung des Trainers, dem sie doch so viel zu verdanken hat, umsetzten können. Das hätte mich erschüttert.
Ich kann auch nicht glauben, dass solche Leistungen ohne Doping möglich sind. Nur allein die Handvoll Ibuprofen 800, die die Sportler schon zum Frühstück einwerfen, lässt ja mit der Zeit die Nieren ziemlich alt aussehen. Kein Wunder also, wenn bei der Pipiprobe nichts Wesentliches im Becher auftaucht, weil nichts mehr ausgefiltert wird.
Vollgepfropft wie eine Mastgans mit Anabolika und Steroiden hetzten die Athleten von Wettkampf zu Wettkampf, sollen ihre Nation stolz machen und berauschen sich an der Atmosphäre im Stadion. Erinnert mich eher an Discojunkies auf Extasy.
Ich kann mir den Werdegang eines Olympioniken nur mit einer erlernten Hilflosigkeit erklären, die durch Showabhängigkeit und Medikamentenmissbrauch umgesetzt wird.
Als Kinder in den Kaderschulen lernen sie schon die Hörigkeit, damit sie später im körperlichen Erwachsenenalter ihrem Trainer dankbar sind, geistig auf der Höhe eines guten Mammutjägers.
Die Zeit wo man als Sportler Früchte erntet ist kurz. Nur wer ganz toll Fußball spielt und einen Werbevertrag hat, kann mit Mitte-Ende Zwanzig in Rente gehen. Alle anderen sollten lieber Tennis spielen. Da gibt es auch noch ein bisschen Zaster für die Schinderei. Pech für die Turner, Läufer, Schützen und Kugelstoßer, Schwimmer und wer nicht alles noch.
Wofür machen die das? Und was machen die danach?
Geschrottet, kaputt operiert, nicht gut genug für den Wettkampf des Circus Maximus, für einen Strauß Blumen, der welkt und eine Medaille, die man noch nicht mal beim Pfandleiher teuer beleihen kann.
Es ist eine seltsame Gruppe junger Menschen, von Eltern gefördert, oder aufgegeben, abgekippt in der Kaderschmiede, bewundert im TV.
Olympionike! Dabei sein ist alles. Die größte Lüge ever. EVER!

(c) Ellen Wolff

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