Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Haus TEIL 1

Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Haus TEIL 1

Allein zu Haus TEIL 1

Mir wurde der Auftrag erteilt, eine Unternehmer-Villa aus den Neunzigerjahren in einem Wiesbadener Vorort zu verkaufen. Die Villa hatte sechs Zimmer, zwei Bäder und ein großes Grundstück von 1400 Quadratmetern.

Zunächst wollte ich mir die Villa gerne alleine ansehen, um den Verkäufern einen realistischen Verkaufspreis nennen zu können, bevor wir diese auf den Markt bringen würden. Für einen Mittwochvormittag hatte ich einen Termin ausgemacht, um mir das Anwesen in Ruhe anzusehen.
Die Villa befand sich in einer ruhigen Seitenstraße. Als ich in diese einbog, fiel mir sofort auf, dass dort überwiegend exklusive Autos standen. Die Vorgärten sahen sehr gepflegt aus, waren mit schönen Mauern eingefasst und hatten zumeist elegante Eingangstore. Der Baustil der einzelnen Häuser war völlig unterschiedlich, dabei war es egal, ob es ein Bungalow, eine Altbauvilla oder ein ganz modernes Haus war, alle sahen top gepflegt aus.
Das Haus von Familie Becker stand zwischen zwei eleganten Neubauten, eingefasst von einem edlen Edelstahlzaun. Ein breites elektrisches Tor öffnete sich, als ich auf den Klingelknopf drückte. Der Weg zum Haus war mit hochwertigem Schiefer gepflastert, links und rechts waren wunderschöne Blumenbeete angelegt, mit duftenden Rosen, schönen, ausgefallenen Gräsern und Lavendel. Ich musste circa 15 Meter bis zur Haustür gehen, dann hörte ich durch die Sprechanlage eine Stimme, die sagte: „Kommen Sie rein.“

Eine breite Glasschiebetür öffnete sich wie von Geisterhand, ich ging hinein und stand in einer großen Eingangsdiele, in deren Decke eine Lichtkuppel eingefasst war. An den Wänden hingen farblich abgestimmt zeitgenössische Kunstwerke, die scheinbar alle vom gleichen Künstler stammten. An einer Wand hing ein großer Spiegel, schräg davor stand ein futuristisches, zweisitziges, rotes Ledersofa. Rechts und links gingen breite Flure ab, die, gleich der Eingangshalle, mit großen hochglänzenden weißen Fliesen gefliest waren. Alles sah so aus, als hätte die gute Fee gerade erst das Haus verlassen.
Ich verweilte einen kleinen Moment dort, als eine Frauenstimme rief: „Kommen Sie bitte durch, ich bin hier hinten.“
Ich folgte der Stimme, ging durch die Tür, aus der der Ruf kam und stand in einer großen Wohnküche. Die Frau begrüßte mich freundlich und lächelte mich herzlich an. „Entschuldigen Sie, dass ich nicht an die Tür gekommen bin“, sagte sie. „Ich konnte Sie über die Videoüberwachungskamera sehen und habe Ihnen mit der Fernbedienung geöffnet.“
Frau Becker saß in einem Rollstuhl und hatte um den Brustbereich einen breiten Gurt, der sie in diesem aufrecht hielt. Ihre Hände lagen fast leblos auf den breiten gepolsterten Lehnen, an denen vorne rechts und links mehrere Metallhebel zu sehen waren.
Ich ging auf sie zu, wollte ihr gerade instinktiv die Hand geben, als sie meinte: „Leider kann ich Ihnen keine Hand reichen.“
Als sie das ausgesprochen hatte, habe ich sie erst einmal groß angesehen, streichelte ihr kurz über die Hand und hatte mich aber schnell wieder gefangen.
„Setzen Sie sich doch bitte“, meinte sie, dabei machte sie eine Bewegung mit dem Kopf in Richtung der Stühle, die um den Esstisch standen. Ich nahm Platz, Frau Becker rangierte mit ihrem elektrischen Rollstuhl noch etwas, um gerade an den Tisch zu fahren, so hatte ich einen kleinen Moment Zeit, sie zu betrachten. Sie hatte einen modernen Haarschnitt, war schön frisiert, ihre Nase zierte eine stylische Brille und auf ihren Lippen schimmerte ein dezenter Lippenstift. Ganz besonders fiel mir ihr ganz liebes, ebenmäßiges Gesicht auf. Sie war sehr gepflegt angezogen, um den Hals trug sie eine wunderschöne Kette mit einem großen Kreuz daran, das mit kleinen Edelsteinen verziert war.
Plötzlich riss sie mich aus meinen Gedanken und fragte: „Darf ich Ihnen etwas zum Trinken anbieten?“, dabei lächelt sie mich wieder nett an. „Möchten Sie vielleicht einen Kaffee oder hätten Sie gerne etwas anderes?“
Machen Sie sich bitte keine Umstände, aber wenn Sie so nett fragen, würde ich gerne einen Kaffee nehmen“, antwortete ich.
Schnell antwortete sie: „Das macht keine Umstände, sind Sie nur bitte so gut und gehen an den Kaffeeautomat, der auf der Küchenzeile steht, eine Tasse steht direkt daneben. Sie müssen auf den obersten Knopf drücken, dann kommt der Kaffee. Wenn Sie Milch und Zucker brauchen, beides steht hier auf dem Tisch.“
Ich stand auf, holte mir den Kaffee und setze mich ihr wieder gegenüber.

Mit einem traurigen Blick begann sie wieder zu sprechen. „Wie Sie sicher schon bemerkt haben, bin ich an den Rollstuhl gefesselt. Ich kann nur noch meinen Kopf etwas drehen und meine Finger bewegen.“ Sie machte eine kleine Pause. „Ich habe Multiple Sklerose. Seit einem Jahr ist zwar ein Stillstand eingetreten, und ich hoffe sehr, dass der nächste Schub nicht so schnell kommt.“
Sie machte eine kurze Pause ehe sie fortfuhr: „Ach…, dass ich es nicht vergesse, mein Mann lässt sich entschuldigen, er musste dringend in die Firma. Das Haus hier oben kann ich Ihnen zeigen, in den Keller müssten Sie allerdings alleine gehen.“
„Machen Sie sich keine Gedanken“, antwortete ich ihr, „wir zwei werden das schon hinbekommen“, dabei sah ich sie mitfühlend an. „Es tut mir sehr leid, dass Sie von so einer schweren Krankheit betroffen sind.“ Ich musste mich beherrschen, dass ich nicht anfing zu heulen.
„Ja“, erzählte sie, „vor drei Jahren hätte ich mir das auch nicht vorstellen können. Mein Mann und ich haben gemeinsam unsere Firma aufgebaut, wir haben über 50 Mitarbeiter. Ich habe den administrativen Bereich geleitet und mein Mann hat sich um die Lieferanten und Kunden gekümmert. Jetzt sitze ich hier wie ein Krüppel und kann gar nichts mehr machen.“
Ihre Stimme war ganz belegt und in ihren Augen standen Tränen. Ich konnte einfach nicht anders, stand auf, ging zu ihr hinüber, bückte mich zu ihr `runter und legte den Arm um sie. Ich wusste nicht, was ich zu ihr sagen sollte.
Eine ganze Weile stand ich einfach so bei ihr, als sie dann ganz leise sagte: „Danke für Ihr Mitgefühl, es tut wirklich gut. Es ist wahnsinnig unfair, wie hart das Schicksal zuschlagen kann. Ob man will oder nicht, man muss es einfach ertragen.“
Ich richtete mich wieder auf und setzte mich zurück auf den Stuhl. Als ich ihr wieder gegenüber saß, dachte ich bei mir, sie macht trotz allem keinen verbissenen oder verhärmten Eindruck, aber dadurch, dass sie nur wenige Bewegungen machen konnte, schien sie einer Marionette gleich.
Als ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, meinte sie: „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen jetzt gerne das Haus.“
Ich nickte ihr zu: „Ja, zu gerne, fahren Sie doch vor, ich bin schon ganz gespannt.“
Sie rollte mit ihrem Rollstuhl rückwärts, blieb vor der langen schicken Küchenzeile stehen und sagte: “ Sicherlich haben Sie es schon gesehen, dass ich an meiner Armlehne mehrere Hebel habe. Mein Mann hat den Rollstuhl extra für mich anfertigen lassen, ich kann viele Dinge von hier aus automatisch bedienen. So kann ich auch gut mal für zwei, drei Stunden alleine zu Hause bleiben. Ich mache damit das Radio an, bediene den Fernseher, sowie die Sprechanlage. Auch kann ich das Eingangstor und die Haustür öffnen. Selbst telefonieren ist damit kein Problem, Gespräche annehmen oder selbst anrufen, alles ist über die Hebel möglich.
Erst jetzt sah ich, dass sie einen ganz dünnen Kopfhörer umgelegt hatte, an dem ein kleines transparentes Mikrofon befestigt war.
„Das finde ich ja toll“, warf ich kurz ein, „was man heute so alles machen kann, einfach Wahnsinn. Es freut mich, dass Sie dadurch wenigstens eine kleine Erleichterung haben.“
Frau Becker versuchte zu mir hochzusehen und meinte: „Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich bin, dass ich das habe, es gibt mir wenigstens ein ganz kleines bisschen Selbstständigkeit.“ Sie fuhr vor mir aus der Küche, bog geschickt um die Ecke, es sah so aus, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie etwas anderes gemacht. Sie machte vor einer zweiteiligen Glastür kurz halt, wovon die eine Hälfte geöffnet war. Auch hier fuhr sie mit ihrem Rollstuhl geschickt ins Zimmer, blieb stehen und sagte: „Das ist unser Wohnzimmer.“

(c) Angelika Weckbach

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Haus TEIL 1

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Manchmal ist das Leben verdammt unfair, arme Frau. Aber ich stelle mir auch vor, das man das Leben in diesem Fall ganz neu betrachtet, aus einer anderen Perspektive. Und es bleibt eh nichts anderes übrig, als damit fertig zu werden und das Beste daraus zu machen. Leider …

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