Rita Schäfer

Autoreninterview Rita Schäfer

13.4.2017

 

Das Autoren_Netzwerk freut sich, die Autorin Rita Schäfer interviewen zu dürfen.

Rita Schäfer wurde 1971 als viertes Kind eines Offiziers und Ausbilders der Luftwaffe und einer Hausfrau in Teheran geboren. Sie wuchs in einem gepflegten und nach außen hin abgeschotteten Bezirk für Luftwaffenpersonal auf. Den jungen Leuten fehlte es dort an nichts. Im Jahr 1979 folgte die Revolution. Nach dem Sturz des persischen Schahs glaubt die damals Achtjährige, das Schlimmste überstanden zu haben. Aber mit den politischen Veränderungen im Land begann für das junge Mädchen ein fremdbestimmtes Leben, das nur noch aus Unterdrückung bestand. Mit dem im Jahr 1980 beginnenden ersten Golfkrieg erreichten die Angst um das eigene Leben, Unsicherheiten und schlechte Lebensbedingungen ihren Höhepunkt. Sieben Jahre lang lebte sie im Krieg und seinen verheerenden Folgen, bis sie im Jahr 1987, im Alter von 16 Jahren und ein Jahr vor dem Schulabschluss, nach Deutschland flüchtete.

Ab 1988 besuchte Rita Schäfer das private Mädchengymnasium „St. Ursula“ in Aachen; 1993 machte sie dort Abitur. Im selben Jahr begann sie eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Laborassistentin (MTLA). Von 1995 bis 1998 arbeitete Rita Schäfer als MTLA an der Uniklinik Aachen – und zwar in der wissenschaftlichen Abteilung Placentologie. Neben ihrem Vollzeitberuf begann sie ein Medizin-Studium. Seit 2002 arbeitet sie in der Pharmaindustrie. Dort ist sie unter anderem als Key-Account-Managerin für die Abbott und Co. KG sowie als Gebietsmanagerin für Dermapharm-Mibe tätig. Im Jahr 2007 erhielt Rita Schäfer die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihren iranischen Pass behielt sie, weil sie von der iranischen Regierung nicht als Staatsangehörige entlassen wurde.

Ab 2010 arbeitete sie an ihrer Autobiografie. Im Jahr 2011 heiratete Rita Schäfer den Geschäftsführer des in Frankfurt am Main ansässigen Verbandes IKW, Peter Schäfer. Seit 2013 lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Remagen. Neben ihrer Tätigkeit als Buchautorin engagiert sich Rita Schäfer als Schriftführerin im Förderverein Goethe-Knirpse e.V. Remagen.

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Hallo Rita, danke, dass Du Dich unseren Fragen stellst. Da hast Du in jungen Jahren ja schon einiges mitmachen müssen. Bist Du inzwischen endgültig in Deutschland angekommen? Oder sehnst Du Dich zurück?

Ja, sieht so aus. Ich habe einiges in meinen jungen Jahren erlebt. In mir schlagen zwei Herzen. Ich liebe Deutschland. Ich habe hier meine Jugend verbracht. Und ich denke schon, dass ich mittlerweile angekommen bin, aber manchmal sehne ich mich sehr nach meinem Geburtsland. Eine Heimat sind sie beide nicht. Das ist eher Loyalität und Liebe.

Dabei bist Du auch schon viel in der Welt herum gekommen und hast eine Menge, sicher nicht nur schöne Erfahrungen gesammelt.

Ja, das ist richtig. Ich bin viel herum gekommen. Wahrscheinlich, weil ich noch innerlich etwas suche. Das nennt sich für mich Geborgenheit.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen, und was macht es für Dich aus?

Im Jahr 2009 befand ich mich in einer REHA- Maßnahme. Im Zuge des Reha-Aufenthaltes wurde mir bescheinigt, dass ich unter anderem in meiner Kindheit traumatische Erlebnisse hatte. Es war zu dem Zeitpunkt der Grünen Revolution in Teheran, wo auch auf der offenen Straße eine junge Studentin erschossen wurde. Die behandelnde Ärztin empfahl mir, meine Erlebnisse zu einer besseren Verarbeitung niederzuschreiben. Ich habe es gemacht und daraus wurde ein Buch.

Wie siehst Du Deinen entscheidenden Schritt, den Iran zu verlassen aus heutiger Sicht. Würdest Du Dich heute wieder so entscheiden?

Ja würde ich. Wenn man sich die Frauenrechte im Iran anschaut und die Unterdrückung der Frauen. Es wäre immer noch nichts für mich. Ich würde es wieder tun.

Hast Du selbst veröffentlicht oder über einen Verlag?

Über BOD. Ich wollte es herausbringen, das war der kürzeste Weg.

Warum arbeitest Du nicht mit großen Verlagen zusammen?

Ich glaube, es ist schwierig unter einen Vertrag zu kommen. Als junger Autor ist es schwierig. Würde aber sehr gerne.

Lebst Du heute noch nach einigen Traditionen aus Deinem Geburtsland? Werden Deine Kinder Deine Muttersprache auch erlernen?

Ja. Wir feiern neues Jahr. Das ist am 20. oder 21. März. Es ist ein wunderbares Fest. Und ich behielt auch viele Werte, die mir meine Eltern mitgegeben haben.

Schreibst Du an einem neuen Buch?

Ja, ich bin am Organisieren. Es ist ein Sachbuch über Frauen und Mütter.

Was würdest Du mit ins Packeis oder in die Wüste mitnehmen? Drei Dinge, keine Personen.

Mein Smartphone, ein Lieblingsbuch und meine Sonnenbrille, sehr wichtig.

Du bist ja beruflich sehr aktiv, schreibst nebenbei. Was macht die Autorin denn in ihrer mickrigen Freizeit. Hast Du Hobbys?

Früher bin ich geritten und habe Volleyball gespielt. Heute als Mami? Meine zwei süßen Mäuse. Ich lese viele Dinge, die mit Kindern und Familie zu tun haben und unternehme viel mit meinen Kindern. Reisen, Reisen und wieder Reisen.

Machst Du heute noch irgendeine Art von Sport?

Fahrrad fahren, und das nur für die Kinder. Ich gehe ab und an schwimmen. Ich nehme Rücksicht auf meinen Rücken und Knien.

Was würdest Du angehenden Autoren raten?

Schreibt mit Leidenschaft, nur Gefühle können überzeugen. Und schreibt was ihr wollt, selbst wenn es über eure Zimmerpflanze ist.

Unterstützt Dich jemand aus der Familie, Freunde, Bekannte?

Nein. Manchmal die Klavierlehrerin von meiner Tochter, die auch im Haus wohnt, ansonsten organisiere ich alles selber und habe Freude daran.

Stehst Du noch in Kontakt zu Menschen in Deinem Geburtsland? Wie würden sie wohl auf Dein Buch „Fremdbestimmt“ reagieren?

Ja, Viele. Ich habe durch Facebook alle meine Sandkasten- Freundinnen gefunden. FB sei Dank. Es ist überwältigend. Die Meisten von denen leben noch im Iran. Sie finden es toll, dass ich meine Autobiografie herausgegeben habe. Und fragen immer wieder „Gibt es das Buch auch in Persisch?“.

Hast Du noch einen Traum, den Du Dir unbedingt erfüllen möchtest? Bestsellerautorin gilt nicht, das wollen wir alle werden.

Ja, ich möchte sehr gerne wieder in den Iran reisen, ohne Angst zu haben, eine Frau zu sein. Ich möchte Freiheit und Gleichberechtigung für alle Menschen insbesondere für unterdrückten Frauen.

War es für Dich emotional schwierig, Dein Leben noch einmal vor Dir zu sehen, als Du Deinen Roman geschrieben hast? War es vielleicht auch ein wenig Befreiung?

Ja, ich habe nur einmal das Buch gelesen, und sehr oft dabei geweint. Es war schrecklich, aber es war gut so, denn ich fühle mich freier und erleichtert. Die Ärztin hatte Recht behalten. Es wunderte mich, wie lebendig noch alles für mich war. Ich habe alles wieder erlebt, und bei manchen Passagen bin ich tagelang stehen geblieben, weil ich mich emotional nicht genug distanzieren konnte.

Was brauchst Du zum Schreiben unbedingt? Hast Du spezielle Rituale?

Ich schreibe nachts lieber. Es muss ruhig sein. Sehr ruhig. Und eine Tasse Kaffee muss immer dabei sein, selbst wenn es kalt wird.

Was ist für Dich der größte Unterschied zwischen dem heutigen Iran und Deutschland, von der Religion einmal abgesehen?

In Deutschland haben Frauen ihre Rechte. Hier ist alles umgekehrt – natürlich im positiven Sinne. Im Iran bist Du eine Frau, bist ein Nichts. Wenn es darauf ankommt, hast Du keine Rechte. Im Iran gibt es auch Todesstrafe und die Gesetze orientieren sich nur nach Scharia. Das ist für mich katastrophal.

Ich werfe mal die drei Wünsche Frage in den Raum. Was würdest Du der guten Fee antworten?

Also, ich mir würde sehr gerne Frieden, mehr Liebe und Verständnis wünschen und wenn ich noch einmal die Chance hätte, einiges in meinem Leben besser zu machen.

Wie betrachtest Du die Frauen in Deutschland? Bist Du als Frau sensibler in der Wahrnehmung der eigenen Rechte, nachdem Du erfahren musstest, wie die Freiheit der Frauen im Iran massiv eingeschränkt ist?

Die Frauen in Deutschland sind sehr selbstbewusst. Die Frage mit der Sensibilität muss ich mit einem klarem „Ja“ beantworten. Zwar ordnen Frauen sich gerne in manchen Situationen unter, und es ist gut so, aber es ist gut zu wissen, dass sie auch 16 Jahre als Kanzlerin regieren können.

Könntest Du Dir vorstellen, auch in einem anderen Genre zu schreiben?

Ja, ich liebe Sachbücher. Politik, Das Berufsleben in Deutschland. Soziologie. Obwohl ich nie was drüber gelernt habe, aber ich liebe Menschen und Gesellschaften zu studieren und Psycho Thriller würde ich gerne schreiben.

Gibt es Genres, die Du Dir gar nicht vorstellen kannst?

Sciencefiction.

Was sagt Deine Familie zu Deinem Buch?

Eine super Frage. Erstmal „Wow, Toll, Super, gratuliere“. Dann waren schon einige Punkte an Kritik da. Meine Mutter war enttäuscht über meine Erzählungen meiner ersten Liebe.

Auch wenn Du Deine eigene Geschichte geschrieben hast … hast Du vorher geplottet oder hast Du einfach drauflos geschrieben, wie es raus musste?

Einfach drauflos. Keine Struktur. Und den Epilog habe ich als allererstes geschrieben.

Wie sind die bisherigen Reaktionen auf Dein Buch?

Super. Ich bin überrascht. Ich habe bis jetzt fast 100 Bücher verkauft. Ist nicht zu viel, aber jeder der das liest, bewundert meinen Mut  und mag nicht glauben, dass mein Leben so heftig war.

Hattest Du schon Lesungen? Oder Kontakte zu den Medien, Radio, Fernsehen, Tageszeitungen?

Danke Dir für diese Frage. Ja, man hat über das Buch viermal in den regionalen Zeitungen berichtet. Zuletzt war ich im Genaralanzeiger Bonn. Und meine erste Lesung ist organisiert für den 28. April von der Bibliothek Remagen. Die zweite Lesung ist für die Kinder der Zugewanderten in Bad Godesberg. Darauf freue ich mich sehr.

Wie findest Du nach einem Schreibabend wieder zurück in die Realität/Gegenwart?

Ich weiß nicht. Meistens durch die Kinder. Sie machen auf sich aufmerksam, dann bin ich wieder da. Aber ich bin immer, sogar im Schlaf, bei meinen Projekten. Du weißt ja, wir Frauen können Multitasking.

Eine Frage, die sich ja ganz viele stellen: Wie sieht für Dich geeignetes Marketing aus?

Fünf bis sechs Bücher sofort bestellen. Redaktionen anrufen, sich die richtige Person geben lassen, ein Rezensionsexemplar zuschicken und direkt auf Feedback bestehen.

Wie bist Du auf uns, das Autoren_Netzwerk gestoßen? Da bin ich neugierig.

Ich mache das Marketing selber und habe sofort nach der Veröffentlichung der Biografie im FB nach Stichwörter wie Lesen, Bücher, Autoren gesucht und Euch gefunden. Das war super.

Lektorat, Korrektorat – ein Muss? Auch in einer Biografie? Wobei Lektorat sich ja mehr auf den Handlungsstrang, die Logik etc. bezieht – daher stelle ich es mir bei einer Biografie schwierig vor.

Ich bin ein sehr natürlicher Mensch und dazu sehr wirtschaftlich. Mein Mann hat die Korrektur übernommen. Ansonsten hat die nette Journalistin vom Generalanzeiger Bonn einige Fehler rausgefunden. ABER es kommt auf den Kern der Botschaft an, und nicht auf die fehlerfreie Rechtsschreibung. Lektorat bei einer Autobiografie? Ich würde zwei Testpersonen das fertige Manuskript in die Hand drücken und nach Verständnis und Logik fragen. Aber ich bin immer noch der Meinung, dass bei einer Biografie manchmal durch Lektorat ganz andere Dinge rauskommen können.

Dass es auf den Kern der Botschaft und nicht auf die Rechtschreibung ankommt, stört mich ein wenig. Gerade Selfpublisher sollten auf Qualität achten, ihr Ruf ist schlecht genug. Aber es ist natürlich Deine Entscheidung, ich bezweifle nicht, dass Dein Buch gut geschrieben ist. Aber ich weiß, was ein Lektorat aus einem Buch noch herausholen kann. Und dass einige Leser den Unterschied durchaus erkennen können.

Ich habe viele Bücher von den großen Verlagen gelesen. Und keins war lupenrein, fehlerfrei. Natürlich, das kritische Auge eines Journalisten sieht die Fehler, aber glaube mir das ist eine persönliche Sache. Wenn die Geschichte stimmt, dann stört es keinen. Ich habe bis jetzt von keinem Leser große Enttäuschung und Kritik gehört.

Ich möchte an der Stelle noch mal betonen, dass Korrektorat und Lektorat zwei verschiedene Dinge sind. Stimmt, viele Verlagsbücher sind auch nicht fehlerfrei. Es gibt ja sogar eine Toleranzgrenze, nach der das Buch noch als fehlerfrei gilt.
Gegen sein eigenes Werk ist man schlicht einfach blind, und dadurch gehen Dinge unter, die einem Lektor auf jeden Fall auffallen.
Ein gutes Buch kann so durchaus ein sehr gutes Buch werden. Warum ich das hier betone, hat einfach folgenden Grund: Insbesondere im Bereich SP gibt es immer wieder Klagen über die Qualität. Und es ist schade, dass so viele auf ein Lektorat verzichten, weil es zunächst zu teuer erscheint. Die Konsequenz? Irgendwann bemerkt doch jemand, dass da kein Lektorat stattgefunden hat, und dann heißt es wieder kollektiv: Ach ja, natürlich, Self Publishing.
Und was die Wirtschaftlichkeit angeht: Jeder Verlag, der einem unbekannten Autor Chancen gibt, investiert erst einmal in ihn, in Lektorat und auch in Korrektorat. Wenn die alle in Wirtschaftlichkeit denken würden, würde es kaum noch Lektorate geben.

Ich bin überzeugt, dass es noch einiges aus den Texten herauskitzeln kann und mit jedem Buch kann der Autor nur lernen.

Wie erging es Dir, als Du Dein Buch „Fremdbestimmt“ zum ersten Mal in den Händen gehalten hast?

Toll, das war unbeschreiblich. Vor allem, als ich einen Stapel bei der Buchhandlung im Ort gesehen habe. Absolut klasse.

Wie findest Du Deine Leser?

Toll. Das sind 90% Frauen, aber sie kommen und erzählen über ihr Leben und die Bewertungen sind toll. Eine Leserin hat mir einen persönlichen Brief geschrieben. Da kamen mir die Tränen.

Liebe Rita, vielen Dank für das offene, ehrliche Interview. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und hoffe, dass sich Dein Traum irgendwann erfüllt und Du in Teheran frei und ohne Angst spazieren gehen kannst.

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