Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Haus Teil 2

Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Haus Teil 2

14.03.2017

Allein zu Hause

Mir war gleich aufgefallen, dass alles so gestellt war, dass sie überall mit ihrem Rollstuhl bequem durchfahren konnte. Das Wohnzimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet, an den Fenstern hingen keine Gardinen und durch große, bodentiefe Fenster konnte man in den Garten schauen, der wie ein Park angelegt war.
„Wenn Sie möchten, können wir gerne `raus auf die Terrasse, dann können Sie sich auch gleich den Garten ansehen“, sagte sie, als sie vor der großen breiten Tür stehen blieb, die nach draußen führte. Sie bediente einen Hebel an ihrer Armlehne und wie von Zauberhand öffnete sich die Tür. Auch hier fuhr sie ganz geschickt voraus, fuhr ein paar kleine Kurven, bis sie so stand, dass sie den Garten komplett sehen konnte.

Der Garten war wirklich wunderschön im japanischen Stil angelegt. Ziemlich in der Mitte war ein kleiner Teich, der mit ausgefallenen Gräsern umrandet war und über den eine kleine Holzbrücke ging. Neben dem Teich stand eine Bank aus weißem Stein und im ganzen Garten standen, gut akzentuiert, weiße Lampen aus Stein mit tempelartigen kleinen Dächern. Auf der Terrasse gruppierten sich schöne Gartenmöbel, alles zusammen vermittelte das ein Gefühl von Urlaub.
„Sie haben ja einen tollen Garten“, sagte ich zu ihr, „der würde mir auch so richtig gut gefallen. Alles ist so liebevoll angelegt, hier steckt so viel Arbeit drin. Mit einem schönen Buch und was Gutem zum Trinken lässt es sich hier sicher stundenlang aushalten.“
Ihre Augen strahlten und man konnte sehen, dass sie den Garten sehr liebte. „Wenn ich hier sitze, vergesse ich oft alles“, entgegnete sie. „Ich beobachte die Eichhörnchen, lausche dem Gezwitscher der Vögel in den Bäumen und freue mich daran, wenn die Schmetterlinge von Blume zu Blume fliegen. Manchmal kommt dann auch noch Nachbars Katze über den Zaun gesprungen und wenn sie mich sieht kommt sie zu mir, schnurrt und streicht mir um meine Beine. Dann schließe ich meine Augen und träume so richtig vor mich hin. Aber wie das so ist, irgendwann holt die Realität mich wieder ein.
„Wie schön Sie das eben beschrieben haben“, sagte ich begeistert zu ihr. “Ich habe gerade so richtig mit Ihnen geträumt.“
Sie lachte laut, ihre Augen funkelten und ich musste herzlich mit ihr lachen. „Wie schön, dass Sie sich das so gut vorstellen können, ich wusste ja gar nicht, dass ich so bildlich erzählen kann.“

Ich ging hinunter in den Garten und bewunderte die Schönheit der einzelnen Bäume und Pflanzen, es war ein traumhaft schönes Grundstück. Vom Ende aus konnte ich auch gut die komplette Rückseite des Hauses sehen. Die Fassade war in einem warmen, zarten Gelbton gestrichen, die großen Fenster hatten graue Rahmen, an keinem der Fenster hingen Gardinen, jedoch standen an einigen Grünpflanzen. Hier passte alles so wunderschön zusammen, alles war mit so viel Liebe gemacht, aber was nützte das, wenn man so krank war, wie Frau Becker. Sie würde garantiert alles dafür geben, wenn sie dadurch nur wieder gesund wäre.
Langsam ging ich wieder zurück Richtung Terrasse. Als ich näher kam, rief mir Frau Becker zu: „Wie gefällt es Ihnen? Wie ich sehen konnte, waren Sie ja bis ganz hinten am Grundstücksende, wo ich schon seit über zwei Jahren nicht mehr war.“
In der Zwischenzeit war ich wieder bei ihr auf der Terrasse angekommen und erzählte ihr, wie begeistert ich war, dass sie und ihr Mann ein ganz besonders schönes Anwesen hatten.
„Ja, das haben wir tatsächlich“, meinte sie etwas stolz, aber auch gleichzeitig ganz traurig. „So schön das alles ist – wenn ich wieder gesund sein könnte, würde ich gerne alles und noch mehr dafür geben.“
So bewahrheiteten sich meine Gedanken von vor wenigen Augenblicken „Das glaube ich Ihnen“, antwortete ich ihr. „Als ich ganz dort hinten stand, habe ich das Gleiche gedacht. Wie wertlos und nichtig alles wird, wenn man krank ist, dann wünscht man sich nur noch eines: dass man wieder gesund sein könnte. Aber leider fragt uns keiner danach, egal ob man wohlhabend oder arm ist, das Schicksal schlägt zu, wo es will.“
Wir waren beide in unsere Gedanken versunken. „Wissen Sie was, Frau Becker? Ich glaube, Sie spüren, wie traurig und schlimm ich es finde, mit welch einem harten Schicksal Sie zu kämpfen haben. Darf ich Ihnen etwas sagen? Aber verstehen Sie es bitte nicht falsch.“
„Ja, ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Sie wollen sagen, dass ich trotz allem dankbar sein kann, dass wir so schön wohnen, dass es uns finanziell gut geht und ich so viele Annehmlichkeiten habe, die viele mit der gleichen Krankheit nicht haben. Stimmt…, das stimmt, da haben Sie auch sowas von Recht, Sie können sich sicherlich nicht vorstellen, wie dankbar ich darüber bin. Wie froh ich bin, einen so guten und wunderbaren Mann zu haben, der alles für mich tut, was in seiner Macht steht. Der mich auch als Krüppel liebt, der teilweise so tut, als hätte ich nichts und der mich liebevoll pflegt und anzieht. Gucken Sie mich doch einmal an, was sieht da denn noch schön aus, was will man mit so einem Wrack noch anfangen? Ich kann rein gar nichts mehr machen, bin eigentlich nur noch ein Krüppel, ein Klotz am Bein.“
Als ihre Worte wie ein Wasserfall aus ihr heraus kamen, begann Frau Becker fürchterlich zu weinen. Ich konnte es kaum ertragen. Nicht mal ihre dicken Tränen, die über ihre Wangen liefen, konnte sie sich selbst abwischen. Ich ging vor ihr in die Knie, legte meine Hände auf die ihren und schaute sie an: „Ich kann Ihren Mann gut verstehen, dass er so liebevoll zu Ihnen ist. Sie haben so eine liebe, charmante Ausstrahlung, da vergisst man ganz schnell, dass Sie im Rollstuhl sitzen und fast nichts mehr tun können. Mit Ihrer sympathischen, melodischen Stimme und Ihrem schönen ebenmäßigen Gesicht sind Sie ein Mensch, der andere in den Bann reißt. Aus Ihren Augen funkelt, trotz allem, Freude und Dankbarkeit. Sie sind eine Frau, die man einfach nur lieb haben muss.“
Als ich zu Ende gesprochen hatte, fragte sie mich: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie mich jetzt einmal ganz fest drücken würden? Leider kann ich Sie ja nicht umarmen, aber in Gedanken tue ich das ganz, ganz feste.“
Ich umarmte sie ganz fest, streichelte ihr danach die Hände und über ihr Gesicht. Sie sah mich mit strahlenden Augen an und hauchte fast: „Das war eben so schön, was Sie zu mir gesagt haben, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen dafür danken kann.“
Wir sind schließlich wieder ins Wohnzimmer gegangen und Frau Becker zeigte mir noch die übrigen Zimmer. Egal, welches wir auch betraten, alle waren hübsch und modern eingerichtet. Familie Becker hatte ein gemeinsames Schlafzimmer, beide Betten standen direkt nebeneinander. Sie erzählte mir, dass ihr Bett zum Hoch- und Runterfahren wäre, man könne es auch problemlos schieben. Ihrem Mann sei es wichtig, dass sie beide nebeneinander liegen und er ihre Hand halten könne.
Auch das Hauptbad war mit allen Schikanen ausgestattet: Frau Becker konnte mit einem elektrischen Sitz in die Dusche oder in die Badewanne gehoben werden, am Sitz war eine Stütze, die ihrem Kopf Halt gab. Das Bad hatte ein großes Fenster und war mit schönen Badmöbeln eingerichtet. Neben dem Waschbecken war ein großer beleuchteter Spiegel, vor den sie problemlos mit dem Rollstuhl fahren konnte.
Als wir dann in die große Diele kamen, von der aus gegenüberliegend der zweite Flur abging, zeigte sie mir noch das Gästezimmer und ein ganz entzückendes zugehöriges Bad.
„So“, sagte sie, „jetzt sind wir da angekommen, wo meine Führung zu Ende ist.“ Sie zeigte auf die Tür: „Hier geht es in den Keller, den müssten Sie sich jetzt bitte alleine ansehen. Mein Mann hat schon alle Lichter angemacht, so dass Sie problemlos alles finden. Ich fahre wieder in die Küche, wenn Sie fertig sind, finden Sie mich dort.“

(c)  Angelika Weckbach

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3 Kommentare zu Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Haus Teil 2

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Ich schließe an gestern an. Man kann sich, wenn man gesund ist, kaum vorstellen, wie sich das anfühlt

  2. Petra Weise sagt:

    Eine wahrhaft zu Herzen gehende Beschreibung. Nun wüsste ich natürlich gern, warum die Erzählerin das Haus besichtigt.

  3. Jakob Gerner sagt:

    „Man kann sich kaum vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man gesund ist“ – ein Zitat von einem früheren Kommentar. Doch mir geht es in der Geschichte um etwas ganz anderes, und nämlich um das erzählirische Können der Autorin, ihre einfühlsame und teilnahmsvolle Art zu berichten, ihre Wärme und aufrichtige Bewunderung, die so gut bei ihrer Protagonistin ankommt.

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