Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Hause Teil 3

Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Hause Teil 3

16.03.2017

Allein zu Hause

Schon der Abgang in den Keller war sehr schön gestaltet. Eine breite, schicke Treppe führte nach unten und wurde von hochwertigen Strahlern beleuchtet. Sie endete in einem großen Vorraum, von dem vier Türen abgingen. Der Boden war mit breiten Holzdielen ausgelegt, die Wände waren mit einer gelblichen, wellenartig abgestuften Tapete tapeziert, die Decke war weiß gespachtelt und mit vielen kleinen Lichtspots versehen. Nichts erinnerte an einen Keller. An der einen Tür stand „WC“, ich entschied mich aber erst einmal für die Tür in der Mitte.
Auch hier war schon, wie versprochen, das Licht an. Wie aus dem Nichts kommend befand ich mich in einer eleganten Bar. „Wow, das ist ja mal sowas von geil, hier hat bestimmt schon die eine oder andere fröhliche Party stattgefunden“, entfuhr es mir. Der Raum hatte eine angenehme, dezente Beleuchtung, in der Mitte war genügend Platz zum Tanzen und die Tanzfläche wurde von einigen kleineren Tischgruppen mit bequemen Sesselchen eingefasst. Hinter der Bar hing ein großes Glasregal, in dem Gläser in allen Variationen standen. An einer Wand standen eine alte Musikbox und direkt nebendran eine große moderne Musikanlage. Der Raum war mindestens 40 Quadratmeter groß.
Ich ging ganz langsam durch die Bar und stellte mir Familie Becker vor, wie sie hier früher garantiert so manch schönes Tänzchen gewagt hatten.

Als ich wieder in den Vorraum ging machte ich „Boooah!“… und sprach mit mir selbst. „Was muss das schlimm sein, wenn man das alles nicht mehr genießen kann.“ Ich schickte ein kleines Stoßgebet zum lieben Gott und bedankte mich bei ihm, dass mich bis jetzt noch nie so ein harter Schicksalsschlag getroffen hatte.
Jetzt öffnete ich die Tür zum WC, hier gab es zwei separate Toiletten, eine für Herren und eine für die Damen. Alles war zwar picobello sauber, aber man konnte sehen, dass hier schon lange keiner mehr gewesen war. Dann schaute ich mir noch die zwei übrigen Räume an, wovon einer ein Vorratskeller war, und in dem anderen befand sich die Heizungsanlage.
Nachdenklich ging ich langsam wieder die Treppe hoch. In der Eingangshalle angekommen, rief ich Frau Becker zu: „Ich bin fertig, ich komme.“

Schon beim Eintreten sagte ich zu ihr: „Das ist unten auch alles ganz toll gemacht. Der schicke Partyraum, der ansprechende Vorraum, die modernen Toiletten, es sieht einfach alles fabelhaft aus.“
„Ja, ja“, meinte sie, „wenn Sie wüssten, was wir da schon alles für tolle Feste gefeiert haben. Egal, ob Silvester oder unsere Geburtstage, wir hatten immer viele Gäste und jede Menge Spaß. Manchmal luden wir auch langjährige gute Geschäftskunden ein, wir hatten immer ein offenes Haus für alle. Sie sind immer sehr gerne gekommen, und wenn wir längere Zeit keine Party gegeben haben, haben sie schon gefragt, wann es denn endlich wieder soweit wäre.“
Plötzlich klingelte das Telefon, sie nahm das Gespräch an und nach einem kurzen Moment sagte sie zu dem Anrufer enttäuscht, ironisch: „Was soll die Frage, wie es mir geht? Was ich mache? Ich sitze im Rollstuhl, ich kann nach wie vor meinen Kopf nicht mehr und nicht weniger bewegen, wie die ganze letzte Zeit, und auch meine Hände liegen immer noch regungslos auf meinen Armlehnen. Ich habe jetzt auch keine Zeit.“ Dann beendetet sie das Gespräch und wandte sich mir ganz traurig zu. „Das war eine Bekannte von uns, die früher mit ihrem Mann bei jeder Party dabei war. Seitdem ich so krank bin, ruft sie manchmal an, fragt mich immer, wie es mir geht, was ich mache und ist dabei immer kurz angebunden. Zu meinem Mann hat sie gesagt, sie könne nicht mehr zu uns kommen, weil sie meinen Anblick nicht ertragen könne. Ein anderes Ehepaar, mit dem wir auch schon zusammen im Urlaub waren und die uns früher öfters besucht haben, kommen jetzt auch nur noch ganz selten vorbei. All die anderen, die früher immer kamen und uns ihre Freunde nannten, von denen meldet sich schon lange keiner mehr. Wir hatten immer ein volles Haus, sie haben hier mit uns gegessen, getrunken und gefeiert.“
Als sie das alles erzählte nahm ihr Gesicht ganz herbe Gesichtszüge an. Sie war so traurig und enttäuscht, sie saß in ihrem Rollstuhl wie ein Häufchen Elend. Bei jedem Wort, das sie sagte, bewegten sich ihre Finger auf und ab, auch ihr Kopf drehte sich ganz aufgeregt hin und her. Ich dachte, wie schlimm es sein muss, wenn man in seinem Körper gefangen ist und die eigenen Worte, die Enttäuschung und den Zorn nicht mit seiner Körpersprache unterstreichen kann. Wir saßen beide eine ganze Weile da ohne ein Wort zu sprechen, jeder ging seinen Gedanken nach.
„Hoffentlich sind Sie mir jetzt nicht böse“, fing Frau Becker wieder an zu sprechen, „so fürchterlich das auch alles ist, es hat mir richtig gut getan, Ihnen das alles zu erzählen. Glauben Sie es mir bitte, das hatte ich nicht vor.“
„Nein, nein, machen Sie sich bitte keine Gedanken“, gab ich ihr zur Antwort. „Ich kann Ihre Enttäuschung und Ihren Frust voll und ganz verstehen. Klar ist es schön, wenn man von vielen Freunden sprechen kann, ich glaube aber, viele verwechseln Bekannte mit Freunden. Wahre Freunde, die mit einem durch dick und dünn gehen, zeigen sich erst, wenn es einem schlecht geht und man sie wirklich braucht.“ Ich machte eine kleine Pause. „Aber ich denke, Sie haben einen ganz wunderbaren Freund, einen Freund der einfach für Sie da ist, der Sie ohne Wenn und Aber liebt, der alles für Sie tut. Er fragt Sie nicht: „Was machst du gerade?“, er braucht keine Vorzeigefrau. Er ist froh, dass Sie leben und liebt Sie, so wie Sie sind.“
Auf ihr Gesicht kehrte langsam das Lächeln zurück, ihre Augen glänzten wieder und dann hatte sie wieder ein ganz liebes, ebenmäßiges Gesicht. „Ja das stimmt“, meinte sie ganz verliebt. „Ich habe einen ganz, ganz lieben Mann, er ist nicht nur mein Partner, er ist mein bester Freund. Er ist ein Freund, wie ich ihn mir besser nicht vorstellen könnte.“
In der Zwischenzeit waren über zwei Stunden vergangen. Ich wollte mich von Frau Becker verabschieden, sie ließ es sich aber nicht nehmen, mich bis zum Eingangstor zu begleiten.
„Hoffentlich habe ich Ihnen nicht so viel Zeit gestohlen“, sagte sie. „Ich freue mich schon auf die ersten Besichtigungen, die Sie mit Interessenten haben. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie sich danach immer einen kleinen Moment Zeit nehmen würden, dass wir miteinander ein paar Worte plaudern können.“
„Sie sind keine Zeitstehlerin“, antwortete ich ihr herzlich. „Es ist für mich eine Bereicherung, Sie kennenzulernen.“

Ich stieg in mein Auto und winkte ihr beim Abfahren noch einmal zu – auch jetzt konnte ich sehen, wie gerne sie ihre Hand gehoben hätte, um mir zurückzuwinken. Diese Begegnung bewegt mich noch heute. Wenn ich davon erzähle, kommen mir immer wieder die Tränen.
Leider erfuhr ich durch viele andere Besichtigungen, wo Menschen von einem ähnlich schweren Schicksalsschlag betroffen waren, dass diese die gleichen Erfahrungen machen mussten, wie Frau Becker.

Nachdem du diese Geschichte nun gelesen hast, denke bitte immer daran: Es kann schneller gehen, als du denkst. Auch dich kann ein ähnliches Schicksal ereilen. Bedenke, es sind Menschen, die genau wie du, eine Seele und Gefühle haben. Schau‘ nicht weg, zeig ihnen einfach, dass sie Menschen sind wie du und ich.

(c) Angelika Weckbach

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Angelika Weckbach – Allein zu Hause Teil 3

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Zusammengefaßt war das eine sehr bewegende Geschichte. Viele tun sich schwer im Umgang mit Kranken. Dabei freuen sich viele, wenn sie normal behandelt werden

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