Geschichte des Tages: Sabrina Fackler – Tränen des Glücks oder: Auch Nutten haben Gefühle

Geschichte des Tages: Sabrina Fackler – Tränen des Glücks oder: Auch Nutten haben Gefühle

Tränen des Glücks oder: Auch Nutten haben Gefühle

Das Nachtleben der Stadt vibrierte.
In den reichen Vororten glitzerten die prunkvollen Villen um die Wette, gefüllt mit eleganten Gestalten und solchen, die so wirken wollten; im Stadtinneren lagen einige Teile verlassen im Dunkeln, die kleineren Läden aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit geschlossen. Andere dagegen barsten nur so vor Leben – Clubs der unterschiedlichsten Sorten füllten ihre Kassen, Menschen tanzten und lachten und diskutierten und stritten und prügelten sich. Je weiter man sich in gewisse Bezirke hineinwagte, desto ruhiger wurden die Geräusche; für das geübte Ohr eine mehr als deutliche Drohung.
Eine Gruppe Männer wanderte lärmend und grölend durch eine dieser Gassen. Sie schienen betrunken; einer der ihren deutete auf einen spärlich beleuchteten, offensichtlich trotz der heruntergekommenen Gegend ausgesprochen teuren Club; nach kurzer, nicht sehr sinniger Diskussion drückten sie die Tür auf und stützten sich aneinander ab, als ein bulliger Mann ihnen den Weg vertrat. „Nur für Mitglieder.“
Der Anführer der Truppe, ein schlaksiger, langer Kerl, blinzelte mühsam und grinste den Türsteher leutselig an. „Komm schon, Kumpel. Is ja nich für lang – wir w-wolln doch nur n bisschen Sch-Spaß haben.“
Er zog mit großer Bewegung eine Handvoll Geldscheine aus der Tasche und drehte sich zu seinen Kumpanen um, während aus den Schatten ein zweiter Türsteher herbeitrat, um seinem Kollegen im Ernstfall zur Seite zu stehen.
„Wir wollen feiern, sch-stimmts, Männer?“
Die anderen stimmten ein übermütiges Gegröle an, während der zweite Türsteher herantrat und einen der Scheine aufhob, die der Mann hatte fallen lassen. Seine Augen weiteten sich merklich; er zeigte dem anderen den Schein und die beiden berieten sich leise, ehe der erste den Männern zunickte. „Wenn das so ist – rein mit euch. Viel Spaß bei eurem garantiert unvergesslichen Besuch!“
Er grinste seinem Kollegen zu und sie warteten, bis die Männer grölend im Inneren verschwunden waren, ehe sie hastig die herumliegenden Scheine einsammelten und einsteckten.
Der Innere des Clubs war ein teures Abbild üblicher Stripclubs. Die spärlich bekleideten Frauen, die sich an Stangen und in Käfigen räkelten, wurden mit bewundernden Pfiffen und Rufen belohnt; die übrigen Gäste sahen etwas irritiert auf, ließen sich aber eher zu verhaltenem Gelächter hinreißen als Ärger. Auch die alles andere als unansehlichen Bedienungen konnten sich der Aufmerksamkeit der Männer gewiss sein; den Instruktionen ihres Chefs folgend beeilten die Frauen sich, die Gruppe so schnell wie möglich zu zerstreuen und ruhig zu stellen.
Niemand schöpfte Verdacht, als einer der Männer auf die Toilette verschwand.
Wo er, im toten Winkel der Kamera, sein Handy herauszog und eine Kurzwahltaste betätigte.
Jede Spur des Lallens war verschwunden, als er knapp hineinsprach: „Sind in Position. Männer an allen Ausgängen, Lager und Umkleide eingeschlossen.“
Er lauschte der ebenso knappen Antwort, legte auf und warf das Handy in die Toilette. Klappte den Deckel zu, betätigte die Spülung und wartete einige Sekunden, ehe er das Bad wieder verließ – torkelnd wie ein Seemann nach monatelangem Seegang, gegen den Türrahmen stoßend und fast eine halbe Minute mit der Klinke kämpfend.
Draußen wurde er von einer hochgewachsenen Frau in Empfang genommen. „Kommen Sie mit.“
Er blinzelte unwillkürlich. Dem Tonfall nach zu urteilen hätte sie ihn ebenso gut als Sekretärin in eine Anwaltskanzlei begleiten können – eine Mischung aus kühler Sachlichkeit und gut verborgener Arroganz, mit einem Hauch von Verärgerung, die jeden feinfühligen Menschen auf Abstand hätte gehen lassen.
Der Mann stützte sich am Türrahmen ab und ließ seinen Blick unverhohlen über ihren Körper schweifen. Das knappe Kleid, das sie trug, war nicht dazu gedacht, etwas zu verhüllen; es zeugte wie viele andere Details von der gehobenen Klasse des Clubs. Durch die Raffinesse des Schnittes, der ohne Zweifel von Meisterhand entworfen und geführt worden war, wirkte es mehr als aufreizend, obwohl alle kritischen Stellen verborgen waren.
Die Frau ließ sich von dem abschätzenden Blick nicht im geringsten aus der Ruhe bringen. Sie wartete einfach, bis er wieder bei ihren Augen angelangt war, und zog dann arrogant eine fein gezupfte Braue nach oben. „Wollen Sie nun mitkommen oder nicht?“
Als er sich lässig vom Rahmen der Tür abstieß und einen fast gemächlichen Schritt auf sie zu machte, verengten ihre Augen sich um eine Nuance. Dann jedoch verflog der Hauch von Argwohn so schnell, wie er gekommen war; sie wehrte sich nicht, als er den Arm um ihre Hüfte legte, und ließ sich von ihm den Gang entlang leiten, wobei er sich schwer auf sie stützte. Durch die schwindelerregend hohen Schuhe war sie einen halben Kopf größer als er; ihre kunstvoll aufgetürmte Lockenpracht tat ihr Übriges. Sie entfernten sich vom Zentrum des Clubs; durch die durchdachte Anlage des Clubs konnten die Gäste in abgelegenen Räumen ihre Privatsphäre genießen.
„Wohin führen Sie mich, meine Schöne?“
Sie lachte und beugte sich vertraulich zu ihm hinab, als einer der Angestellten des Clubs an ihnen vorbeikam. Mit einem knappen Blick auf ihren Kunden packte der schwarz gekleidete Mann sie am Arm und hielt sie an. „Das ist einer der Trottel. Sieh zu, dass du ihm alles abknöpfst, verstanden?“
Sie erwiderte seinen Blick mit ausdrucksloser Miene. „Verstanden.“
Der andere lachte gehässig. „Ich würde nicht an deiner Stelle sein wollen, wenn du dem Chef erklären musst, dass ihm vier Riesen oder mehr durch die Lappen gegangen sind, weil du es nicht auf die Reihe kriegst, es dem Zwerg da richtig zu besorgen.“
Er ließ einen anzüglichen Blick über sie wandern, ehe er sich abwandte und verschwand.
Die Frau zuckte nicht mit der Wimper, drehte sich nur wieder ihrem Kunden zu. Der senkte die Lider, um den berechnenden Ausdruck darin zu verbergen, und fragte mit undeutlicher Stimme: „Ist es noch weit?“
Sie hatte sich ein wenig vorgebeugt, um ihn zu verstehen; mit abgewandtem Kopf zuckte sie nun mit den Schultern und setzte sich wieder in Bewegung. „Kommt drauf an.“
Er blinzelte erneut. „Worauf?“
Sie öffnete eine Tür zu ihrer Linken und schleppte ihn mit sich hinein. Sobald die Tür hinter ihr jedoch ins Schloss fiel, befreite sie sich aus seinem Griff und starrte ihn eisig an. „Darauf, ob Sie mir jetzt gleich verraten, was diese Scharade soll, oder ich Sie erst zum Chef schleppen muss. Der übrigens absolut nicht erfreut sein wird.“
Sie durchbohrte ihn mit einem eisigen Blick, der jedem Gletscher zur Ehre gereicht hätte.
Der Mann machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann, nach einem kurzen Augenblick, traf er eine Entscheidung: Ehe die Frau reagieren konnte, wirbelte er herum und blockierte die Tür mit einem Stuhl, der eher dekorativ herumstand. Ihre Augen weiteten sich und sie sah sich hektisch um, aber das Zimmer hatte keine Fenster; sie wich zurück und griff nach einer Vase. „Was zum Teufel soll das?“
Er legte den Kopf schräg. „Was haben Sie denn mit der Vase vor?“
Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und starrte ihn einfach nur an.
Dann verstummte das gleichmäßige, dumpfe Hämmern der Musik. Ihr Gesicht wurde ausdruckslos, als der Mann auf die entfernten überraschten Schreie lauschte, die nun laut wurden; falls ihr die Erkenntnis dämmerte, so ließ sie es zumindest nicht sichtbar werden.
Den Geräuschen nach zu urteilen war im ganzen Club völliges Chaos ausgebrochen; über, neben und sogar unter dem kleinen Zimmer tobten Menschen. Schüsse fielen; beim ersten zuckte die Frau zusammen, hatte sich aber sofort wieder im Griff. Sie starrte den Mann an, als könne sie alle Erklärungen aus ihm herauslesen, wenn sie nur lange genug hinsah; unter ihrem Blick wurde ihm sichtbar unbehaglich, bis er sich schließlich räusperte. „Keine Sorge, Ihnen geschieht nichts. Wir führen eine Razzia durch; Sie werden höchstwahrscheinlich nur als Zeugin aussagen müssen.“
Ihr Gesichtsausdruck wurde völlig blank. „Eine Razzia.“
Unzählige Gefühle tobten unter der Oberfläche, aber sie hatte sich zu gut unter Kontrolle, als dass auch nur eines davon identifizierbar gewesen wäre.
Sie verfielen wieder in Schweigen.
Irgendwann wurden Geschrei und Getobe leiser und verstummten schließlich ganz. Der Mann – ein Polizist, der Aussage nach zu urteilen – streckte die Hand aus. „Kommen Sie.“
Sie starrte ihn an und er seufzte. „Sie haben die Wahl: Freiwillig oder in Handschellen.“
Das war keine Wahl. Sie zuckte nicht mit der Wimper, als sie ihm gestattete, sie am Arm zu nehmen und durch den Gang zurück zu führen. Das teure Inventar des Clubs hatte unter der Razzia ordentlich gelitten; die Frau verschwendete jedoch keinen Blick darauf und ignorierte auch die Männer und Frauen in Schutzkleidung, die bewaffnet umhereilten und Leute in Handschellen abführten. Der Mann schien sie zu den anderen bringen zu wollen, als vor ihnen plötzlich ein Tumult entstand: Einer der Angestellten riss sich blitzschnell los und zog dem Polizisten, der ihn abgeführt hatte, eins über. Sofort waren andere an dessen Stelle, aber der Mann schlug sich rücksichtslos seinen Weg durch – zu ihr. Sie wich zurück; als es den Polizisten schließlich gelang, ihn zu halten, war er nicht mehr als einen Meter von ihr entfernt. „Denk an dein Versprechen, Hure!“
Sie erblasste.
Die Umstehenden warfen alarmierte Blicke auf sie; einer der Polizisten, der am Rand stand und den Tumult zu koordinieren schien, winkte ihren Aufpasser zu sich.
Er musterte sie prüfend und sagte, an den Mann gerichtet: „Bring sie zur Special Force aufs Dach. Wir müssen sicher gehen, dass niemand entkommen ist.“

(c) 2017 Sabrina Fackler
Sabrina Fackler – Autorin

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.