Geschichte des Tages: Gabi Büttner – Zoll

Geschichte des Tages: Gabi Büttner – Zoll

22.03.2017

Zoll

Wagemutig steige ich aus dem Zug und betrete Großstadtboden. Beim Zoll in Hannover liegt mein lang ersehntes T-Shirt aus den USA. Wen stört es, dass der Weg dorthin eine gute Stunde dauert? Ein wahres Fangirl, wie ich es bin, ganz sicher nicht.
Ohne Probleme gelange ich zur Bushaltestelle, an der sich ein paar nette Herren zu einer Vormittagsparty versammelt haben. Ich steuere die Musik bei. Nur über meine Kopfhörer, aber immerhin.
Da ich aus einer Kleinstadt komme, wundere ich mich nicht, warum besagte Partygäste nur in Boxershorts und T-Shirt bekleidet die Flaschen kreisen lassen. Andere Städte, andere Sitten.
Ihre Versuche mich in ein Gespräch zu verwickeln, scheitern an meiner Musikleidenschaft. Ich bin nicht bereit, meine Kopfhörer aus den Ohren zu entfernen. Zumal grade »The Road to Hell« aus ihnen dröhnt. Ich finde den Text irgendwie passend.
Zum Glück kommt der Bus, bevor ich den Impuls nachgebe, laut mitzusingen.
Hier ein kleiner Tipp am Rande: Es ist okay, mit Kopfhörern im Ohr eine unbekannte Strecke mit dem Bus zu fahren. Dabei völlig in der Musik zu versinken ist hingegen keine gute Idee.
Durch meine gute Vorbereitung weiß ich genau, an welcher Haltestelle ich aussteigen muss. Also sitze ich völlig entspannt in dem Verkehrsmittel und sehe eben diese an mir vorbeiziehen.
Zweiter Tipp: In einem Bus »Stop« zu schreien ist nicht erfolgreich. Man bekommt zwar die Aufmerksamkeit aller Fahrgäste, dem Busfahrer hingegen ist das egal.
Halb so schlimm, tröste ich mich, steigst du eben an der nächsten Haltestelle aus.
Ich bin mir durchaus bewusst, keinen Orientierungssinn zu haben. Selbst in einer Telefonzelle könnte ich mich verlaufen. Aber ich habe ein Handy, GPS wurde erfunden, Google Maps ebenso. Ich werde den richtigen Weg also finden. Dass es in einem Vorort einer Großstadt tatsächlich noch Zonen ohne Internetempfang gibt, überrascht mich.
Also versuche ich es auf die altmodische Weise und frage nach dem Weg. Freundlich gibt man mir Auskunft. Einfach die Straße geradeaus und dann rechts.
Mit der richtigen Musik im Ohr macht sogar zu Fuß gehen Spaß. Immerhin wünsche ich mir schon immer einen Soundtrack zu meinem Leben. Nicht unbedingt »I`m Walking«, aber ich nehme, was ich bekommen kann.
Fröhlich tänzele ich die Straße entlang, biege links ab und freue mich über das schöne Wetter.
Moment mal … Links? Sagte die gute Frau, die mir den Weg erklärte, nicht etwas von rechts? Ich bin begeistert, dass mir das bereits nach einem Kilometer Fußmarsch auffällt.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, ich trage meine neuen Schuhe. Ich weiß nun also, wie es Arielle ging, bei der sich jeder Schritt anfühlte, als liefe sie über Scherben. Den vier Blasen an meinen Zehen sei es gedankt.
Aber, an dieser Stelle bitte Applaus, ich erreiche nach dreißig weiteren Minuten tatsächlich mein Ziel.
Endlich, das Zollgebäude!
Dank der guten Beschilderung kommt mir hier nicht einmal meine Orientierungslosigkeit in die Quere. Ich finde auf Anhieb die Poststelle. (Hier bitte einmal leises Raunen und ein weiteres Lob an mich) Mein Paket liegt endlich vor mir.
Die Erinnerung an meine Odyssee noch frisch im Kopf frage ich auch gleich nach Paket zwei, denn es wurde noch eines angekündigt.
Leider kann mir der nette Herr nicht weiterhelfen. Er benötigt die laufende Nummer von Paket zwei, die ich nicht habe. Ich denke an die fünfundzwanzig Euro für die Fahrt und die zwei Stunden Zeit, die mich dieser Trip bisher gekostet hat und tue das, was jeder normale Mensch tun würde. Ich fange an zu betteln.
Der junge Mann vor mir erbarmt sich, tipp auf mein Schreiben, das ich zur Abholung mitbringen sollte und sagt: »Rufen Sie mal dort an und lassen sich die laufende Nummer geben, unter der die Post ihr zweites Paket hier abgegeben hat.«
Gesagt, getan. Ich gehe nach draußen und telefoniere.
»Hauptzollstelle«, meldet sich eine Stimme.
Ein wenig überrascht mich das schon, stehe ich doch genau vor dem Schild »Hauptzollstelle«.
Freundlich trage ich dennoch mein Anliegen vor und werde enttäuscht. Der Herr am anderen Ende kann mir nicht helfen, ohne die laufende Nummer. Ach was?
Ich bleibe hartnäckig und werde mit der Telefonnummer der Post belohnt. Fünf Minuten und zwei Telefonate später kenne ich alle Gründe, warum niemand zuständig ist.
Ab diesem Zeitpunkt kann ich bestätigen, dass leises Kurren und Schaum vor dem Mund keine Anzeichen von Tollwut sind.
Ich gebe mich geschlagen. Dann eben nur Paket eins.
Zurück zur Postausgabe lächle ich »meinen« Zollbeamten, der mein Paket schon für mich bereit gelegt hat, freundlich an. Zumindest bemühe ich mich.
Keine Ahnung, warum er daraufhin zurückweicht und sich sein Kollege einschaltet. »Ach, dann haben wir grade miteinander telefoniert?«
Mein Stirnrunzeln spüre ich selbst. Inzwischen bin ich an dem Punkt, wo ich mir die Frage stelle: Was würde mein Protagonist an dieser Stelle tun? Die Vorstellung, wie Jack den Zollbeamten an seiner Krawatte über den Tresen zu sich heranzieht und ihn erst wieder loslässt, nachdem er endlich diese verdammte Paketnummer kennt, ist befreiend.
Nur leider ist Jack nicht da, sondern liegt irgendwo blutend herum. Zumindest tat er das, als ich ihn zuletzt gesehen hatte. Auch habe ich keine Freunde, die mich notfalls aus dem Knast holen.
So verlasse ich fünfzehn Minuten später und 12,50 € ärmer das Zollgebäude mit meinem ersehnten T-Shirt. Es kostet zu dem Zeitpunkt inklusive Fahrkarte zum Zoll, Lagergebühren und Mehrwertsteuer 65,50 €. Ich werde es immer in Ehren halten.
Dennoch, ich bin glücklich. Bis zu dem Moment, in dem ich den Bus sehe, der mich zurück zum Bahnhof bringen soll.
Wildes auf und ab hüpfen, sowie hektisches Winken bewirkt, dass der Busfahrer freundlich zurückwinkt, während er an mir vorbeifährt. Ein Blick auf den Fahrplan verrät mir, nur 45 Minuten, bis der nächste Bus kommt.
Aus meinen Kopfhörern dröhnt »My Disaster«.
Ich nicke zustimmend.

(c) Gabi Büttner

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