Geschichte des Tages: Tina Wolff – Das Sehnen nach den Sehnen

Geschichte des Tages: Tina Wolff – Das Sehnen nach den Sehnen

27.03.2017

Das Sehnen nach den Sehnen

„Ach, ich sehne mich so“, spricht das Skelett.
„Aber nicht mit mir“, sagt das Fett
und verweist nett in Richtung Lenden,
sie seien wohl in der Lage abzuwenden
das ewige Gesehne der Knochen,
die immer ihr eigenes Süppchen kochen.
„Oder versuchs mal im Bereich der Nieren,
die haben auch immer nix zu verlieren.
Jammern und heulen den ganzen Tag
ob’s wohl am vielen Trinken lag?“

„Es ist so schlimm mit dem Sehnen“,
sagt das Skelett und beginnt zu gähnen,
auf dem Weg zu den Nieren, an der Lende entlang
doch die jammert auch, ihr wäre so bang.
Sie fühle sich haltlos, irgendwie weich,
wie Entengrütze im Gartenteich.
„Sehnst du dich auch nach einer Stütze?“,
fragt das Skelett und die Lende so: „Ja, es wäre recht nütze.

Immer nur die Frage, wie’s einem so geht?
Ja, wie schon, ohne Stabilität.
Die Knochen alleine können es doch gar nicht halten,
den ganzen Körper mit all seinen Dingen zu verwalten.“
Das Skelett klappert weiter durch die menschliche Hülle
Im Ohr noch das Gejammer der Lende in aller Fülle.
Bei den Nieren angekommen fragt es, wie es läuft,
„Gut“, sagen die. „Solange der Mensch säuft.“

Hilfe fürs Sehnen hat die rechte Niere nicht parat
doch die linke gibt einen guten Rat:
„Frag doch mal die Großhirnrinde,
das ist ’ne ganze Schlaue, wie ich finde.
Das Gehirn im Allgemeinen weiß auch mehr über Gefühle,
ich hänge ja nur hier unten rum und spüle.“
So klappern die Knochen wieder los nach oben,
wo es glitzert und funkt und die Synapsen toben.

Die Großhirnrinde fragt: „Du hast ein Problem mit dem Sehnen?“
Während der Hypothalamus warnt: „Da würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Knochen mit Gefühlsstörungen, das sind so Sachen.“
„Hör auf zu zetern, stör nicht das Kleinhirn und lass mich das machen!“
So spricht die Großhirnrinde und will noch sagen:
„Ich glaube dein Fall ist was für den Magen.“
Seufzend scheppert das Skelett dann los,
Huuiiihh, hinab durch die Ösophagus.

Im Magen ist’s sauer und ziemlich dunkel.
„Die haben irgendwas mit dem Sehnen“, hört man Gemunkel.
Die Bäuchlinge haben es vom Kopf gehört
und dem Skelett einen entsprechenden Empfang beschert.
„Du hast was mit Gefühlen und suchst deinen Schwarm?
Dann ab durch die Mitte und rein in den Darm.“
„Nein-nein, bloß das nicht!“, wehrt das Skelett sich sehr.
„Ich glaube ich benötige keine Hilfe mehr.“

So liegt es herum, das Skelett, nutzlos und schwermütig,
bis es eine Stimme hört: „Du hast einen Sprachfehler, finde ich.“
Neugierig richtet es sich auf, so gut es das kann
und sagt: „OK. Einen Ratschlag nehme ich noch an.“
„Ich kenne mich aus mit Krankheiten“, sagt die Milz.
„Frag mal den Fuß, dem habe ich auch geholfen, der hatte Pilz.
Du hast ein Problem mit DEN Sehnen, sagst aber M,
ich dachte schon ich hätte nen Hörsturz oder wäre plemplem.
Was du brauchst sind DIE Sehnen, die dir Halt geben,
dann kannst du den Körper auch tragen und durchs Leben bewegen!“
„DIE Sehnen!“, sagt das Skelett und fasst sich an den Kopf. „Nicht DAS!
Ich habe falsch gesucht, nicht WEN, sondern WAS!
So sucht es herum nach den besonderen Strängen
„Daran kann ich den ganzen Körper aufhängen!“

„Aufhängen, bist du verrückt?“, schreit der Hals und greift sich an die Kehle.
„Keine Sorge, ich weiß schon, was ich wähle!“
So sucht das Skelett die herbeigesehnten Sehnen,
klettet sie an sich, und beginnt sich zu dehnen.
Es bilden sich Gelenke aus, die prima funktionieren.
Sie beginnen zu knacken, zu wackeln, das kann mal passieren.
Der Körper er zieht sich hinauf, nach droben
die Augen schreien: „Wir gucken jetzt von oben!“
Ach wie herrlich, der Körper kann stehen
und nicht nur das, er fängt an zu gehen.
Man glaubt es kaum, siehe da, er läuft,
die Nieren sagen: „Egal, Hauptsache er säuft!“
Die Bäuchlinge im Magen hopsen auf und nieder:
„Uns wird schlecht, wie wär’s mit einem strammen Mieder?“
Leise hört man die miesepetrige Lende:
„Ich fühle mich stark, fast schon behände.
Hoffentlich wird sich die Rennerei nicht rächen,
ich müsste dann unter der Last auseinander brechen.“
Aufs Kleinhirn fällt der quakende Hypothalamus:
„Das hat doch alles weder Hand noch Fuß!“
„Lass und da raus, wir hatten schon Pilz!“, schreien die Zehen.
„Wir sind zwar jetzt unten, können aber endlich gehen!“
Das Großhirn meckert: „Alles ist durcheinander!“
Nur das Skelett jubelt: „Keine Panik, der Körper läuft, das kann der!“

Das Skelett liebt seine Sehnen,
alles ist perfekt, es würde niemals erwähnen
was anderes zu suchen, sich umzuschauen,
denn diese Sehnen sind ein Traum.
Alleine gewusst hat es die kleine Milz,
die kichernd mit ihrer bauchspeicheligen Drüse verschmilzt.
Sie hat als Einzige den Fehler gehört
und dem Skelett die Sehnen beschert.
Nicht DAS nicht DEM, sondern DIE und DEN
nun kann der Körper auch endlich gehen.

(c) Tina Wolff

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Tina Wolff – Das Sehnen nach den Sehnen

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Spitzenklasse – ich grinse immer noch vor mich hin 🙂

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