Geschichte des Tages: Bianca Röschl – Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte; Teil I

Geschichte des Tages: Bianca Röschl – Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte; Teil I

29.03.2017

Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte; Teil I

In einem fernen Land, das dunkel und gefährlich in den Karpaten eingebettet war, lebte einst auf einer einsamen Burg ein Graf namens Desmodontinus. Er entstammte einer vormals mächtigen Dynastie, welche über viele Ländereien herrschte. Doch alle erstgeborenen Söhne dieses Grafengeschlechts umgab ein düsteres Geheimnis:
Sie waren nämlich allesamt Vampire!
So auch Graf Desmodontinus, der Letzte dieses alten Geschlechts. Er war schon über dreihundert Jahre alt und führte auf seiner Burg ein geruhsames Leben. Tagsüber hielt er sich im schützenden Schatten seiner Burg auf. Des nachts aber durchkämmte er seine Ländereien, wie ein Jäger sein Revier nach Beute. Er war aber längst nicht mehr so blutrünstig wie in den ersten hundert Jahren seines langen Lebens. Nein, zwischenzeitlich genügte es ihm vollkommen, wenn er einmal im Monat auf die Jagd ging und sich einen alten und schwachen Menschen aus den umliegenden Dörfern holte. Dann führte er stets eine Tasche mit medizinischem Gerät bei sich und pumpte dem Sterbenden sämtliches Blut ab, bevor er ihn ausgesaugt wieder zurückbrachte, damit seine Angehörigen ihn anständig begraben konnten. Mit den so gewonnenen Blutkanülen kam Graf Desmodontinus einen Monat lang zurecht, bis ihn wieder unerträglichen Durst überkam. Auf diese Art hatten sich seine Untertanen an ihren Landesherren gewöhnt und keiner wäre je auf den Gedanken gekommen, Jagd auf ihn zu machen, um ihn zu töten.
Eines Tages war es wieder soweit: Es war schon über eine Woche her, seit Graf Desmodontinus seinen letzten Tropfen Blut gekostet hatte und der Durst plagte ihn sehr. Also nahm er seine Tasche und machte sich auf ins Dorf. Im Laufe der Zeit hatte er ein Gespür entwickelt, in welchem der Häuser der Tod schon vor der Türe lauerte. So auch in dieser Nacht, in welcher sein Instinkt ihn in das Haus des Kellerwirts führte. Dort lag in ihrer Kammer die alte Großmutter im Sterben. An ihrer Seite saß ihre Enkeltochter, die ihre Hand hielt und ihr aus einem Märchenbuch vorlas, um ihr den Übergang in die Welt der Toten zu erleichtern. Der Graf hielt sich in einer dunklen Ecke versteckt, denn er wollte das arme Mädchen nicht erschrecken und wartete lieber ab, bis er mit der Alten alleine war.
„Und so fand die blaublütige Prinzessin endlich ihre wahre Liebe und lebte glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.“ Das Mädchen klappte das Buch zu und strich der Großmutter liebevoll über das Gesicht.
Der Graf in seiner Ecke aber horchte auf. Wie war das gerade eben? Blaublütige Prinzessin? Er hatte noch nie zuvor etwas über blaues Blut gehört, geschweige denn jemals davon getrunken! Ob es tatsächlich Menschen mit blauem Blut gab?
Vor lauter Aufregung vergaß er die sterbende Frau in ihrem Bett und schwebte lautlos aus dem Haus. Er kam ins Grübeln. Er musste mehr über diese Sache erfahren.
Auf seiner Burg gab es eine Bibliothek. Normalerweise machte er sich nichts aus Büchern. Aber nun riss er ein Buch nach dem anderen aus den Regalen und überflog die Seiten auf der Suche nach dem blauen Blut. Aber in Büchern wie „1001 Folterart“, „Kriegsführung leichtgemacht“, „Anatomie des Menschen und seine Sezierung in Einzelteile“ floss zwar reichlich Blut, aber eben nur rotes.
Wütend schleuderte der Graf die Bücher in eine Ecke. Plötzlich stach ihm ein Buch ins Auge, auf dessen Rücken er den Begriff „Enzyklopädie“ entzifferte. Eine Wissenssammlung! Genau das, wonach er gesucht hatte!
Mit vor Aufregung zitternden Händen schlug er den Folianten auf und suchte nach dem Buchstaben B wie Blut. Ah, da war der gesuchte Begriff! Zuerst kam eine lange Abhandlung über die Zusammensetzung und Funktionen des Blutes. Erst ganz am Ende des Eintrags fand er den Zusatz: „Gemeinhin wird dem Hochadel nachgesagt, dass er blaues Blut besäße, welches an den blaugefärbten Venen an den Unterarmen zu erkennen sei.“
Graf Desmodontinus jubilierte. Endlich hatte er den Beweis, es gab tatsächlich blaues Blut! Er klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal.
Dann überlegte er, wie er an den Hochadel herankommen sollte, um blaues Blut kosten zu können. Denn dass dies eine besonders wohlschmeckende Delikatesse sein müsse, dessen war er sich ganz gewiss. Schmeckte doch das Blut der Dorfbewohner seit dreihundert Jahren immer gleich. Da wäre das blaue Blut einmal eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan.
Eine Prinzessin müsste also zu diesem Zwecke her. Aber woher nehmen?
Plötzlich kam ihm eine geniale Idee in den Sinn. Er rieb sich die Hände und dachte: „Es wird langsam Zeit, endlich ans Heiraten zu denken!“
Er setzte sich an seinen großen Schreibtisch und schrieb die ganze Nacht bis zum Morgengrauen.
In den darauffolgenden Tagen bekamen sämtliche Prinzessinnen der umliegenden Königreiche, Grafschaften und Herzogtümer eine Einladung auf die Burg des Grafen. Graf Desmodontinus war auf Brautschau. Aber mit welchem Hintergedanken, das ahnte keine der eingeladenen Prinzessinnen.

© 2017 Bianca Röschl

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Bianca Röschl – Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte; Teil I

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Blaues But, einmal was anderes. Reichlich naiv der Gute ^^. Aber sehr gut geschrieben 🙂

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