Geschichte des Tages: Bianca Röschl – Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte;Teil II

Geschichte des Tages: Bianca Röschl – Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte;Teil II

30.03.2017

Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte

Teil II

So kam es also, dass in den kommenden Wochen eine Prinzessin nach der anderen auf der Burg eintraf. Sie versammelten sich alle im großen Rittersaal und warteten gespannt auf den Grafen.
Dieser jedoch ließ immer nur jeweils eine Prinzessin zu sich ins Schlafgemach rufen. Er begrüßte das entsprechende hochstehende Fräulein freundlich, begutachtete wohlwollend ihren Unterarm und biss ihr dann voller Vorfreude in den Hals, wie es sich für einen guten Vampir ziemte.
Doch gleich bei der ersten Prinzessin wurde er bitter enttäuscht. Denn das, was an ihrem Hals herunterfloss, war schnödes rotes Blut, und es schmeckte ihm auch genauso fad wie rotes Blut. Enttäuscht stieß er das schreiende und verängstigte Mädchen von sich und holte sich die nächste Prinzessin.
Die fiel sogleich in Ohnmacht, als sie die große Blutlache inmitten des Raumes sah. Auch der Ohnmächtigen biss der Graf in den Hals, und wie bei der ersten Prinzessin floss auch hier nur ganz normales rotes Blut. Der Graf fühlte sich verraten und getäuscht. Er stieß auch die bewusstlose Prinzessin von sich und holte sich die nächste.
So ging es die ganze Nacht weiter. Bei den versammelten Prinzessinnen im Rittersaal machte sich Panik breit, denn die zurückgekehrten Prinzessinnen erzählten furchtbare Dinge und zeigten ihre blutverkrusteten Wunden. Die anderen liefen aufgeregt im Saal auf und ab und jammerten alle. Eine Flucht von der Burg war aussichtslos, denn sie waren eingesperrt, und der Weg ins Tal hinab war dunkel und gefährlich.
„Was sollen wir nur tun?“ frage eine blondgelockte Prinzessin. „Wir haben doch alle kein blaues Blut in uns. Jeder weiß doch, dass das Gerede vom blauen Blut nur ein Ammenmärchen für Kinder ist.“
Da erhob sich eine schwarzhaarige Prinzessin von ihrem Platz und lief auf die schnatternde Runde zu. „Der Graf hat uns also alle nur herbestellt, weil er sehen will, ob wir blaues Blut haben?“
Die Prinzessinnen, die aus dem Gemach des Grafen kamen, bejahten dies.
„Gut“, sagte die schöne Schwarzhaarige ruhig, „dann lasst mich als Nächste zu ihm gehen, ich habe eine Idee, wie wir alle wohlbehalten aus dieser Burg herauskommen.“
Sie kramte in ihrem goldenen Täschchen und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Das aufgeregte Getuschel der anderen kümmerte sie nicht.
In der nächsten Nacht also ging die schwarzhaarige Prinzessin als Erste zu dem Grafen.
Der hatte inzwischen sein Gemach gesäubert und musterte die vor ihm Stehende. Sie war sehr schön, hatte lange, schwarze Haare und eine sehr vornehme Blässe, die ihre blutroten Lippen umso mehr zur Geltung brachten. Ihre schokoladenbraunen Augen waren mit ruhigem Blick auf ihn gerichtet.
„Ich bin Prinzessin Asmala und freue mich über Eure Einladung hierher.“
„Ich bin ebenfalls sehr entzückt, Euch kennenlernen zu dürfen, Prinzessin“, entgegnete Graf Desmodontinus, ergriff ihre Hand und streifte ihren langen, weiten Ärmel zurück, um einen Blick auf ihren Unterarm werfen zu können. Deutlich konnte er ihre blauen Venen durch die blasse Haut erkennen. Sein Herz machte einen Freudenhüpfer. Aber ehe er zubeißen konnte, entzog sie ihm ihren Arm.
„Ich weiß, warum Ihr mich und die anderen Prinzessinnen eingeladen habt.“
„So?“ Der Graf zog die Augenbrauen hoch und sah Asmala erstaunt an.
„Ihr seid auf der Suche nach blauem Blut“, erwiderte die Prinzessin ruhig. „Aber Ihr wisst demnach bestimmt, dass nur eine wahrhaftige Prinzessin blaues Blut besitzt.“
„Und Ihr wollt mir hiermit sagen, dass Ihr eine wahrhaftige Prinzessin seid? Und alle anderen hier auf der Burg nicht?“
„Seht her“, forderte Prinzessin Asmala den Grafen auf und streckte ihren Arm aus. Sie nahm ein Messer, schnitt sich unter dem Ärmel ins Fleisch und lächelte den Grafen an. Der blickte ungläubig auf das Glas, das sie unter ihren Arm hielt, denn was da hineintropfte, waren dicke blaue Tropfen. Blaues Blut!
„Endlich“, rief Graf Desmodontinus erfreut und riss der Prinzessin das Glas gierig aus der Hand. Sogleich setzte er es an seinen Mund und trank das Glas in einem Zug aus. Plötzlich aber schüttelte es ihn am ganzen Körper, er verzog das Gesicht und krächzte: „Bei allen Teufeln dieser Welt! Was ist das für ein furchtbares Gebräu? Von wegen Delikatesse, das Zeug hier ist ja zum Abgewöhnen!“
Er schleuderte das Glas weit von sich und steckte seinen Kopf in die Waschschüssel, die auf einer Kommode stand.
Prinzessin Asmala hingegen lächelte nur. Sie war nicht nur sehr schön, sondern auch überaus klug und so wendete sie einen einfachen, aber genialen Trick an, von dem der Graf nichts wusste:
Unter ihrem weiten Ärmel hatte sie nämlich einen kleinen Beutel mit blauer Tinte versteckt und eben diesen Beutel hatte sie mit dem Messer aufgeritzt, so dass die Tinte in das Glas tropfte. Kein Wunder also, dass dem Grafen sein angeblich blaues Blut nicht schmeckte!
Und wie endet diese Geschichte nun? Ganz einfach:
Der Graf hatte seit seiner Kostprobe mit der blauen Tinte einen Blutschock bekommen, so dass er seit dieser Nacht nie mehr einen Menschen anrührte. Stattdessen machte er Jagd auf verschiedene Tiere, nachdem er erst einmal herausgefunden hatte, dass das Blut eines Wildschweins gänzlich anders schmeckte, als das Blut eines Hirschs.
Die Prinzessinnen aus dem Rittersaal ließ er alle wieder frei und schickte sie wohlbehalten heim zu ihren Eltern.
Prinzessin Asmala hingegen behielt er auf seiner Burg, denn sie gefiel ihm so gut, dass er sie letztendlich heiratete. Auch wenn sie nur ein ganz normaler Mensch war und nie ein Vampir sein wollte, war sie für ihn der Mondschein seines Lebens. Er liebte und achtete sie so, wie sie war.
Sie lebten glücklich und zufrieden bis an Asmalas Lebensende. Über ihren Tod war Graf Desmodontinus derart betrübt, dass er sich neben seine Frau in den Sarg legte und sich selbst einen Holzpflock in sein Herz rammte, um auch im Tode für immer mit ihr vereint zu sein.
So starb Graf Desmodontinus, der Letzte aus dem Geschlecht der Vampirgrafen, mit beinahe vierhundert Jahren an der Seite seiner geliebten Frau.
Aber die blutrünstigen Geschichten um ihn und seine Vorfahren werden noch heute in aller Welt erzählt.

© 2017 Bianca Röschl

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Bianca Röschl – Von dem Vampir, der blaues Blut trinken wollte;Teil II

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Vampire haben auch Gefühle – endlich mal was Neues. Und seine Angebetete war äußerst trickreich. Tolle Geschichte, Bianca, danke dafür 🙂

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