Geschichte des Tages: Sabrina Fackler – ohne Titel

Geschichte des Tages: Sabrina Fackler

31.03.2017

Sie rannte.
Die dünnen Zweige peitschten gegen ihre Beine, ihre Brust, ihren Kopf und hinterließen blutig rote Striemen, aber sie bemerkte es nicht. Der Schmerz in ihrem Inneren machte sie blind und taub für alles um sie herum; sie trieb ihre schmerzenden Beine unbarmherzig an und bemühte sich verzweifelt, den furchtbaren Qualen in ihrem Inneren zu entkommen.
Verzweifelt.
Vergeblich.
Die Erinnerung blieb.
Ihr Körper fühlte sich wie mit Messern durchbohrt und glühenden Kohlen beschwert. Ihr Atem ging keuchend, spitze Stiche in ihre Lunge bohrend bei jedem Zug, aber sie rannte weiter.
Weiter.
Und weiter.
Unter ihren trommelnden Hufen flog der Waldboden dahin und verschwamm zu einer gleichtönigen Dann lag ein umgestürzter Baumriese auf ihrem Weg; sie zog die Hinterbeine unter ihren Leib und stieß sich fast senkrecht ab. Einen langen Moment lang schwebte sie durch die Luft; helles Weiß glitzerte durch die dunklen Baumstämme und erinnerte an alte Geistergeschichten, die Eltern ihren Kindern erzählten.
Wenn sie es denn konnten.
Sie landete hart auf der anderen Seite und nahm sich nicht die Zeit, die Landung abzudämpfen. Es gab nur einen einzigen Gedanken in ihrem Bewusstsein, der durch das Meer aus Qual und Pein zu ihrem Körper durchdrang und stärker war als das Verlangen zu rasten:
Weg von hier.
Sie glaubte Stimmen hinter sich zu vernehmen, tiefe, selbstgefällige Stimmen, die nach ihr riefen – „Komm raus, komm raus, wo immer du dich versteckst!“
Panik durchflutete ihren Körper und trieb ihre müden Beine weiter an, obwohl ihr Verstand leise flüsterte, dass das unmöglich war – kein Mensch konnte mit ihr mithalten, schon gar nicht mehrere Stunden lang.
Plötzlich flutete Mondlicht durch die dichten Bäume. Sie brach durch die letzte Reihe alter Tannen und landete auf einer kleinen Lichtung, ringsum von Wald umgeben. Die graue Stute preschte mit bebenden Flanken weiter, aber ihre letzten Kraftreserven waren aufgebraucht: Sie stolperte über eine vom Gras verdeckte Wurzel und knickte ein.
Der große helle Körper überschlug sich; ein Stöhnen entfuhr der Stute und dann war sie weg.
Ein Mädchen rollte durch die Wiese und kam mit einem erstickten Schmerzlaut zum Halten. Ihre Kleider waren zerrissen und verschmutzt; lange, verfilzte Haare hingen in wirren Strähnen von ihrem Kopf und auf ihrem Gesicht vermischte sich Blut mit Dreck und Tränen. Schluchzend rollte sie sich zusammen und wiegte sich vor und zurück, die Knie mit den Armen umklammert.
Aber der Schmerz verschwand nicht. Es gab niemanden, der sie trösten konnte, niemanden, der ihr half.
Sie war auf sich allein gestellt.
Nur der Mond warf sein kühles, silbriges Licht auf das weinende Mädchen und wachte über sie, als sie vor Erschöpfung einschlief, trotz der Schmerzen. Und als er schließlich verblasste, war das Mädchen nur noch Erinnerung: Auf der kleinen Lichtung graste eine graue Araberstute, hungrig auf eine kleine Stärkung versessen, bevor sie sich wieder auf den Weg machte und ihre menschliche Identität hinter sich ließ. Der Schmerz war erträglicher, wenn man ihn mit vier Hufen vertreiben konnte. Es war einfacher, sich auf die Instinkte des Pferdes zu verlassen statt immer und immer wieder dieselbe Erinnerung zu erleben.
Einmal war bereits zu viel.
Und vor allem würde niemand von denen, die sie fürchtete, nach der grauen Stute Ausschau halten, sondern nur nach dem Mädchen, das es gewagt hatte zu fliehen.
Das es geschafft hatte zu fliehen.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie tatsächlich frei war.
Frei.
Der Gedanke tröstete sie weder noch linderte er den Schmerz, aber er verschaffte ihr ein grimmiges Gefühl der Befriedigung – sie hatten es nicht geschafft, sie aufzuhalten. Egal, was sie getan hatten, es war nicht genug. Sie war stärker.
Nichts und niemand würde sie je wieder in Ketten schlagen.
Und niemand würde ihr je wieder solche Schmerzen zufügen.
Niemals.

(c) Sabrina Fackler 2017

Sabrina Fackler – Autorin

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Sabrina Fackler – ohne Titel

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Super beschrieben die wilde Jagd, mit überraschendem Finale. Gefällt mir sehr gut

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