Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Alle Jahre wieder …

Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Alle Jahre wieder …

02.04.2017

Alle Jahre wieder …

Als Autofahrer ist man ja einiges gewohnt, und mittlerweile ziemlich abgehärtet, wenn man auf Deutschlands Straßen und Autobahnen unterwegs ist. Daher stört es mich auch nicht, dass ich zu meiner knapp 40 Kilometer entfernten Arbeitsstätte immer wieder neue Wege nehmen muss, um die nächste Baustelle oder Vollsperrung zu umgehen. Ich wälze fleißig den Stadtplan und bereite mich akribisch auf die neue Strecke vor, die ich nehmen muss. Auch dass die Fahrt inzwischen statt einer halben fast eine Stunde dauert, habe ich einkalkuliert. Die Autobahn nutze ich nur am Wochenende und ausschließlich auf dem Hinweg … zu unsicher ist die Lage, auf verunfallte Wochenendausflügler zu treffen und im Stau zu stehen.
Ich habe eigentlich alles ziemlich gut im Griff, kenne unzählige Ausweichstrecken, die mich ans Ziel bringen. Momentan allerdings eskaliert die Situation. Seit Anfang des Jahres habe ich Spätdienst, super Zeiten, von 8.30 Uhr bis 16.40 Uhr. Bedeutet also Berufsverkehr, Verkehrskollaps, Chaos. Nach einigen Testläufen habe ich eine fahrbare Strecke gefunden, die sich in knapp eineinhalb Stunden bewältigen lässt … sofern nichts dazwischen kommt.
Erwähnte ich, dass ich ein Gewohnheitstier mit null Orientierungssinn bin? Das erste Mal stieß ich an meine Grenzen, als eine komplette Ortsdurchfahrt gesperrt wurde – gut, nachdem ich mich ein paar Mal verfahren habe, habe ich einen Weg gefunden, um nach Hause zu kommen. Dass ich im Spätdienst nicht um 7.00 Uhr losfahren kann, stellte ich nach drei Tagen im Stop and Go fest, also habe ich meine Abfahrt vorverlegt, 6.45 schien angemessen, es klappte – Juchu. Ich bekomme sogar einen Parkplatz, ohne kilometerweit laufen zu müssen.
Doch die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten: Gleisarbeiten auf der Hauptstraße – und das in meiner Spätschichtwoche – wunderbar. Also fahre ich noch früher los, denn ich habe null Bock auf Gewaltmärsche auf nüchternen Magen. Bedeutet Abfahrt 6.30 Uhr, aufstehen um 5.30 Uhr (ist immer noch mehr Schlafenszeit als in der Frühschicht, wo ich um 4.00 Uhr aufstehen muss. Schließlich habe ich Spätschicht, da KANN man länger schlafen).
Zwei Tage klappt das hervorragend, ich komme ohne Nervenzusammenbruch auf der Arbeit an. Eines Nachmittags hätte mir eigentlich schon etwas spanisch vorkommen müssen – ich fahre auf den Schnellweg – statt zweispurig ist er nur noch einspurig und ich stecke im Stau. Irgendwann wird die Strecke wieder zweispurig, welche Befriedigung.
Heute früh … ich freue mich, komme wunderbar durch, die Baustelle VOR dem Schnellweg ist auch nur spärlich mit Blechlawinen gefüllt – ich gebe Gas, endlich kann ich 100 fahren …
Denkste, auf einmal Baken wohin das Auge blickt, rechts fahren Autos vom Schnellweg runter, links werden sie in den Gegenverkehr umgeleitet. Nun ja, bis zu meiner Ausfahrt – der nächsten – ist es noch ein wenig hin, ich fahre also auf die linke Seite.
Nirgendwo ein Hinweis darauf, wie lang die Absperrung ist, nirgendwo ein Hinweis, dass MEINE Ausfahrt gesperrt oder eine Umleitung eingerichtet ist. Mein Hals wird dicker, je länger ich an den Baken entlangfahre – das ist doch nicht ihr Ernst – sie haben doch nicht wirklich? Ich fasse es nicht … SIE HABEN. Ich fluche, bin kurz vorm Platzen. Und jetzt? Haben sie etwa die übernächste Ausfahrt auch gesperrt?
Ich fahre und fahre, entferne mich immer weiter von meinem Arbeitgeber, komme in Gegenden, die ich nicht kenne – wie soll ich den Weg zurück finden?
Die Ausfahrt kommt, sie ist offen – Gott sei Dank. Ich lese den Wegweiser. Die Namen der Stadtteile darauf klingen bekannt. Darunter steht Vincenz Krankenhaus, passt. Rechts einordnen, nun muss ich achtgeben – ich kenn mich hier absolut nicht aus, aber finde ich das Krankenhaus finde ich auch den Weg zur Arbeit. Ein Umleitungsschild, um wieder auf meine alte Strecke zu kommen, suche ich übrigens vergeblich, aber das Krankenhaus wird ja wohl nochmal ausgeschildert sein. Dass ich mittlerweile im dicksten Berufsverkehr stecke, ist jetzt von Vorteil, ich kann die Straßennamen lesen und finde den Wegweiser zum Krankenhaus – links abbiegen.
Sch… – Sackgasse wegen Brückenbauarbeiten, Durchfahrt verboten. Hinter mir ist frei, ich ziehe rechts rüber und folge der Hauptstraße, komme in Gefilde, die mir nichts, aber auch gar nichts sagen – na super. Der Zeiger rückte auf 8.00 Uhr, meine letzten Chancen, einen vernünftigen Parkplatz zu finden, sollte ich jemals auf der Arbeit ankommen, schwinden immer mehr.
Die Erkenntnis ‚Du bist hier total falsch‘ hämmert in meinem Schädel – so wie ich auf mein Lenkrad. Ich brauche den Navi, um hier rauszufinden. Mein Auto hat keinen, aber Gott sei Dank ist mein Handy aufgeladen, das wird ja wohl reichen. Rechts rangefahren, Handy angeworfen und Zielpunkt eingegeben.
Es führt mich auf den Weg zurück, den ich gekommen bin. Gut, dann muss ich irgendwann abbiegen, mal warten, was die Dame mir vorplappert.
„Links abbiegen auf den Schnellweg“, tönt die Stimme.
Spinnt die? Da ist alles gesperrt, wie soll ich da zur Arbeit kommen??? Da kommt eine Kreuzung, ein Hinweis, ein Name – Tiermedizinische Hochschule. Moment, ich zögere kurz, könnte dies der Weg sein? Ich biege kurzentschlossen rechts ab und erinnere mich. Hier war ich schon mal, jetzt nur nochmal rechtsrum, dann bin ich in bekannten Gebieten. Jubel! Das Handy habe ich schon ausgemacht, als es mich auf den Schnellweg zurückführen wollte, ich brauche diese blöde Tussi nicht mehr.
Ich manövriere mich durch die engen Straßen, fluche über den Schleicher vor mir, fluche über diese verdammte Stadt, die mir nichts dir nichts Baustellen aus dem Boden stampft und keine Umleitungen ausschildert, schlängele mich elegant durch die letzte Baustelle und finde sogar mit viel Glück einen Parkplatz, der mich noch pünktlich zum Ende der Frühstückspause in die Umkleide bringt.
Wenn ich morgen zur Arbeit fahre, bin ich gewarnt. Ich fahre NOCH eine Viertelstunde früher los und hoffe, dass ich den Abzweig zur Tiermedizinischen auch aus der anderen Richtung kommend finde.
Update einen Tag später: Ich habe es geschafft! Zwar war ich eine Stunde zu früh auf der Arbeit, aber wenigstens ohne Nervenzusammenbruch. Übrigens gibt es weder im Verkehrsfunk noch im Internet einen Hinweis auf besagte Baustelle geschweige denn auf die Sperrung, aber ich weiß jetzt wenigstens, dass es eine längere Sache wird – der Fahrbahnbelag wird erneuert.

(c) 2017 Silvia Nagels

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