Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Rabea

Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Rabea

03.04.2017

Rabea

„Seien Sie mir nicht böse.“ Rabea lächelte den Besetzungsoffizier an. „Aber ich habe nicht die Absicht, an einer Akademie herumzusitzen und im Hörsaal gegen den Schlaf zu kämpfen. Wahrscheinlich könnte ich das, wenn ich wollte. Aber ich will nicht. Nicht jetzt. Ich bin hier, um alles zu lernen, was es in der Liga über den Kampf zu lernen gibt. Vom Faustkeil bis zur Raumschlacht. Und ich will es auch anwenden dürfen.“
Der Humanoide sah Rabea fragend an. „Was erwarten Sie von mir?“
Rabea hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und die Hände übereinandergelegt. Sie sah ihr Gegenüber offen an.
„Sie haben meine Akte gelesen, nehme ich an.“
„Sicher. Sehr interessant. Enorm viel Potential. Sie können es in den Liga-Streitkräften weit bringen. Warum wollen sie das alles nicht?“
„Weil ich mich dafür entschieden habe, für meine Heimat zu kämpfen. Nicht in zehn oder fünfzehn Jahren. Sondern sobald mein Kontrakt mit der Liga beendet ist. In dieser Zeit möchte ich so viel wie möglich darüber lernen, einem Feind, ganz persönlich, die Hölle heiß zu machen. Das geht nun einmal nicht im Hörsaal. Mein theoretisches Wissen ist ausreichend, um in eine Kampfeinheit versetzt zu werden. Meine körperlichen Fähigkeiten und meine Kampferfahrung hat niemand bestritten. Ebenso wenig, dass ich bereits Raumfahrzeuge geflogen bin.“
„Wenn auch nur mit drei Kursänderungen in zwei Jahren.“
„Sicher. Inklusive Außenreparaturen in Sonnennähe, Bedienung eines Solarsegels, Navigation auf interplanetaren Schnellstraßen und dem täglichen Kampf um das nackte Leben.“
Der Offizier nickte. „Ja. Ich war nicht der Einzige, den Sie beeindruckt haben. Darum verstehe ich nicht, dass Sie ihr Leben wegwerfen. Die mobile Eingreiftruppe, zu der Sie wollen ist, wie soll ich es sagen …“
„Der Abschaum der Liga?“
Der Offizier zuckte zurück. „Nein. Genau das wollte ich nicht sagen.“
„Danke.“
„Es sind Lebewesen, die für ihre Aufgabe hervorragend geeignet sind. Keine dummen Kraftverschwender. Einige von ihnen kommen aus Gefängnissen, ja. Die meisten von ihnen wurden zu Recht verurteilt, ja.“
„Aber irgendwer muss auch in der sauberen Liga den Dreck wegräumen. Nicht wahr? Die Liga bezahlt diese Leute gut, akzeptiert keine Wiederholungstäterschaft. Sortiert die Instabilen und latent Kriminellen aus. Auf verschiedene Art und Weise. Ich habe mich informiert. Da wir heute dieses Gespräch führen, bin ich für meine Wunscheinheit mindestens ausreichend geeignet.“
„Das steht nirgendwo geschrieben.“
Rabea grinste. „Ich bin ziemlich gut in Mathematik und Statistik.“
„Sie sind ein sehr attraktives Weibchen. Dafür gibt es im Einsatz keinen Bonus. Insbesondere dann nicht, wenn Sie in Gefangenschaft geraten.“
„Was soll das? Wollen Sie persönlich testen, wie viel mir das ausmacht?“
Der Offizier grinste zurück. „Nicht unter diesen Umständen. Es war eher dahingehend gemeint, in wie weit sie dadurch ihr Team schwächen könnten. Bevorzugen sie männliche oder weibliche Teams?“
„Ich bevorzuge das Team, das gewinnt. Alles andere ist für mich zweitrangig.“
„Also gut. Ich habe etwas für Sie. Da ist ein Platz im Ausbildungszug freigeworden. Überraschender Todesfall. Unbezahlte Rechnung oder so. Wie auch immer. Wann können Sie aufbrechen?“
Rabea tätschelte das Kampfmesser im Futteral unter ihrer linken Schulter. „Ich habe alles, was ich brauche. Mein Seesack ist gepackt.“
„Darf ich die Waffe sehen? Bitte.“
Rabea reichte sie ihm, den Griff voran.
Der Offizier untersuchte die Waffe genau. „Ein sehr seltenes und wertvolles Stück. Und ein extrem brauchbares.“ Er gab ihr das Messer zurück.
„Ja. Gehörte meiner Mutter. Das ist alles, was mir von ihr geblieben ist.“ Rabea steckte das Messer wieder ein.
„Ich verstehe. Gut. Einverstanden. Ich werde Ihre Versetzung arrangieren.“
Rabe stand auf. „Danke.“
Der Offizier stand ebenfalls auf und sah ihr in die Augen. „Obwohl ich weiß, dass es wahrscheinlich vergeblich ist, ein guter Rat: Rache wird am besten kalt serviert. Hass ist nichts anderes als der eigene Tod.“ Er gab ihr die Hand zum Abschied. „Wenn Sie den Grund überleben, aus dem Sie ihren Weg gehen, dann werde ich sie zum Abendessen einladen. Ganz privat. Wann immer das sein wird. Ich werde mir dann gern Ihre Geschichte anhören, wenn Sie sie erzählen wollen.“

(Aus dem Rohtext des dritten Teils meiner „Geschichten aus der Welt nach dem Letzten Krieg“)

(c) 2017 Ryek Darkener

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