Geschichte des Tages: Ulrike Braune – Verrückt

Geschichte des Tages: Ulrike Braune – Verrückt

06.04.2017

Verrückt

Ich bin verrückt. Das war ich schon immer. Aber wenn man als Kind wahlweise singend, schreiend oder pfeifend ums Haus rennt, wird das meistens toleriert. Als Teenager wird man da bereits schief angesehen, als Erwachsener geht das nicht mehr. Dabei hätte ich manchmal nicht übel Lust mit voller Kraft die Straße entlang zu rennen und den Wind um die Ohren zu spüren, bis es in der Lunge sticht und die Oberschenkel brennen. Doch als Erwachsener macht man solche Sachen nicht. Als Erwachsener sitzt man an seinem Schreibtisch, erstellt Tabellen und Berichte, lacht über die Witze des Chefs und übernimmt bereitwillig alle Aufgaben, die einem zugewiesen werden. Man arbeitet bis in die Nacht, nur um Zahlen zu berechnen, die sich am nächsten Morgen sowieso überholt haben. Man werkelt und schuftet ohne Dank, ohne Anerkennung, nur um immer wieder die gleichen Fehler der Vorgesetzten auszubügeln. Sicher, man kann kündigen und sich eine andere Stelle suchen. Aber macht es den Hamster glücklicher, wenn er das alte Hamsterrad gegen ein neues eintauscht?
Ich spüre, wie sich in letzter Zeit die Schlinge enger zieht, wie mir mein Leben wie ein Käfig vorkommt und ich nichts sehnlicher will, als daraus auszubrechen. Doch die Gitterstäbe sind stark und die Wärter grausam. Wo sollte ich auch hin? Selbst wenn ich die Kraft und den Mut aufbrächte, zu fliehen, wohin könnte ich gehen? Mich ohne Plan und ohne Halt ins schwarze Nichts stürzen?
Der Wecker klingelt und unterbricht meine Gedanken. Montag – noch 5 Tage, 40 Stunden bis zum nächsten Wochenende. Wie ich ihn hasse, diesen Morgen ohne Zuversicht, an dem das Hamsterrad beginnt, sich erneut zu drehen. Wie gerne würde ich die Zeit heute an der frischen Luft verbringen, zum See spazieren und gedankenverloren übers Wasser schauen. Oder durch den Park schlendern und die Menschen beobachten. Aber vor mir liegen triste Stunden, in denen ich auf meinen Monitor starre und den Frühling vor dem Fenster ignoriere. Wahrscheinlich ist die Sonne längst untergegangen, bevor ich wieder nach draußen komme.
Ich setze mich also an den Schreibtisch und beginne, den Stapel abzuarbeiten, der sich seit Freitag dort angesammelt hat. Es geht erstaunlich gut voran. Wenn ich die Mittagspause durcharbeite, kann ich vielleicht etwas früher gehen und doch noch kurz die Sonne im Park genießen. Diese Aussicht gibt mir Kraft und tatsächlich schrumpft der Stoß zusehends.
Ich bearbeite gerade meinen letzten Fall, als der Chef auftaucht. Sofort ist mir klar, was das bedeutet. Seine Worte rauschen an mir vorbei. Ich sehe nur den Stapel in seinem Arm, der mich bis weit in den Abend beschäftigen wird. Ich schaue in die Nachmittagssonne, die bis eben auch für mich geschienen hat. Das Hamsterrad dreht sich weiter. Mir wird schwindelig. Es reicht. Ich schließe meine Tasche und nehme die Jacke vom Haken.
Der Chef sieht mich entgeistert an, faselt von wichtigen Terminen, Verantwortung, Einsatz für die Firma. Ich starre zurück. Etwas an mir lässt ihn zurückweichen. Der Drang den Käfig zu verlassen wird übermächtig. Ich gebe ihm nach und schließe die Hände um den Hals meines Chefs. Der Papierstapel fällt zu Boden. Ich presse die Fäuste aneinander, bis es in den Fingern sticht und die Arme brennen. Das schwarze Nichts in seinen Augen verheißt Freiheit.

(c) 2017 Ulrike Braune

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2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Ulrike Braune – Verrückt

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Hat man mal, muß man durch. Gefällt mir, die Geschichte, wer kennt das nicht 🙂

  2. Petra Weise sagt:

    Nun ja – eigentlich bedeutet das Ende alles andere als Freiheit, nicht einmal von den depressiven Gedanken.

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