Geschichte des Tages: Vero KAa – Beobachtung

Geschichte des Tages: Vero KAa – Beobachtung

08.04.2017

Beobachtung

In der Stadt war verkaufsoffener Sonntag. Ich war auch dort. In der Fußgängerzone herrschte dichtes Gedränge. Die Menschen schoben sich regelrecht von Geschäft zu Geschäft. Das war nicht mein Ding. Ich suchte mir ein sonniges Plätzchen in einem Straßencafé, saß solo an einem Tisch. Die Kellnerin brachte den von mir meinen bestellten Eiscafé. Hier gefiel es mir. Gegenüber auf der anderen Seite gab es eine italienische Eisdiele. Dort hätte ich noch lieber gesessen, aber der sonnige Platz im Straßencafé war zu verlockend. Außerdem hatte ich hier einen wunderbaren Beobachtungsposten. Und ich liebte es, Menschen zu beobachten. Wie sie miteinander lachten und redeten, sich aus dem Weg ging und wieder aufeinander zustürmten.
Eine Frau mit Kinderwagen und einem etwa achtjährigem Mädchen kam auf der anderen Straßenseite des Weges. Sie steuerten die Eisdiele an. Beide, Mutter und Kind von gewichtiger Figur. Das Mädchen bekam seine Kugel Eis in einer Tüte. Die Mutter genehmigte sich eine große Portion mit Sahne in einem Becher.
Während sie das Eis löffelte, schob sie langsam den Kinderwagen in meine Richtung. Das Mädchen folgte ihr. Sie kamen bei mir vorbei. Traurig schaute das Mädchen auf das Eis der Mutter, dann auf seine Tüte, die schon fast leer war. Ich hatte den Eindruck, dass es etwas sagen wollte. Vielleicht fragen, es noch ein Eis bekam. Die Mutter schaute ihre Tochter mit einem strengen Blick an.
»Du weist, was der Doktor gesagt hat.«
Das Mädchen errötete und schwieg. Seine Mutter hatte es gestoppt, bevor es etwas hatte sagen oder fragen können.
Jemand rempelte die Mutter an. Ihr Becher mit dem Eis, fiel zu Boden. Alles landete direkt auf ihren Schuhen. Nun lachte das Mädchen herzhaft.
»Lach nicht«, schalt die Mutter.
Ich konnte spüren, wie sauer sie war. Sie hob den Zeigefinger und fuchtelte damit in der Luft herum und runzelte ihre Stirn dabei. Es sollte für das Mädchen drohend wirken.
Doch, das Mädchen drehte sich zu mir. Ich sah ein Grinsen in ihrem hübschen Gesicht. Ich zwinkerte ihr zu und grinste zurück.

Mein Feedback an die Mutter:
Liebe Mutter. Irgendwer hat wohl das Schicksal deines Eisbechers gelenkt. Vermutlich wollte das Schicksal dir sagen, dass du als Mutter Vorbild sein solltest. Auch für dich hättet ein kleines Eis gereicht und gesünder wäre es auf jeden Fall.

© Vero KAa April 2017

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6 Kommentare zu Geschichte des Tages: Vero KAa – Beobachtung

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Eine lehrreiche Geschichte mit einer Moral 🙂

  2. Petra Weise sagt:

    Naja – die Moral ist mir nicht ganz schlüssig, doch die Geschichte ist gut erzählt und gefällt mir. Ich mag es ebenfalls, Leute zu beobachten.

  3. Vero KAa sagt:

    Danke. Es war eine meiner Beobachtungen. Ein Moment der mich ermutigt hatte, was ich sah und miterlebe, in eine kleine Geschichte zu verpacken.
    Schön wenn, es auch Dir gefallen hat.

  4. Anno Anonymus sagt:

    Liebe Vero KAa,

    die Geschichte zeichnet sich durch einen pointierten Witz aus und hinterlässt ein Schmunzeln.
    Aus literarischer Sicht benötigt dieser Text noch eine Menge Schliff. Er gleicht eher einem Bericht, der ohne Emotionen und Spannung dahin plätschert. Die Kunst des Erzählen meistert sich, einen Spannungsbogen aufzubauen, ihn zu halten, um ihn letztlich z. Bsp. durch eine Pointe zu beschließen. Dies gelingt am Besten, wenn Du aktive Verben verwendest, sprich: „Beschreibend zu erzählen statt zu berichten.“
    So lebt die Geschichte, und der Leser fiebert mit und fühlt sich mitten im Geschehen. Am Anfang und in der Mitte bedient Du Dich „meistenteils“ der Hilfsverben…
    Beispiel: (Hilfsverben Infinitiv – Präteritum) sein – war, können – konnte, haben – hatte, bekommen – bekam, sollen – sollte, kommen- kam, usw.
    Hilfsverben vermitteln Passivität, die den ebenso Leser passiv zurücklassen. Sie gestatten ihm nicht, auf den Zug der Erzählreise aufzuspringen. Zum Ende lockerst Du die Szene durch den Dialog auf, aber gerade auch, weil Du mehr aktive Verben benutzt. Und sogleich gelingt es Dir, mich wieder auf den Zug der Beobachtung mitzureißen.
    Probiere es einmal, Texte ohne Hilfsverben zu kreieren. Selbst in meinem Kommentar an Dich, verwende ich kein Hilfsverb, sondern nur das aktive Verb.
    Tipp: Nutze beim Schreiben das Synonymwörterbuch: http://synonyme.woxikon.de/

    Nun, ich bin sicher, Deine Zehen Schmerzen jetzt ein wenig. Es tut mir leid.

    PS.: Die Anekdote bzw. Kurzgeschichte gehört zum schwierigsten Genre in der Literatur und erklärt sich als die Königsdisziplin in der Erzählkunst. Sie zeichnet sich durch Präzision, Klarheit und Präsenz in Form und Inhalt (Anfang – Mitte – Ende) aus.

    Mit den besten Grüßen für gutes Gelingen…
    Anno

    • Anno Anonymus sagt:

      Ach, ich vergaß, die Tautologie zu erwähnen.
      Tautologie?
      „Tautologie – Sachverhalt und entsprechender Ausdruck, in dem eine Aussage doppelt vorhanden ist.“
      oder: https://de.wikipedia.org/wiki/Tautologie_(Sprache)
      Beispiel: alter Greis; dichtes Gedränge, weißer Schimmel; tote Leiche, schwarzer Rappe; usw…
      Der Greis ist alt, der Schimmel weiß, das Gedränge dicht, der Rappe schwarz, die Leiche tot… – doppelt gemoppelt. So reicht ein Wort aus.

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