Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Erinnerungen

Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Erinnerungen

11.04.2017

Erinnerungen

Das Café war voll. Die Bedienungen eilten mit vollen Tabletts zwischen den Tischen hin und her. Gleich an der Tür vor einem großen Schaufenster an einem der Tische saß ein älterer Mann ganz allein. Vor sich eine große Tasse Kaffee, versuchte er sich auf die Tageszeitung, die er in den Händen hielt, zu konzentrieren. Doch die Stimmen am Nachbartisch ließen ihm keine Ruhe und störten seinen Lesegenuss.

„Du arbeitest an einer Tankstelle?“, fragte die junge Frau gerade nach. Ihre Stimme klang enttäuscht.

„Das ist nur vorrübergehend“, beeilte sich der junge Mann zu antworten.

‘Habt ihr kein Zuhause?‘, grummelte der ältere Mann innerlich und warf einen Blick zu den jungen Leuten hinüber. ‘Mädchen, so schlecht sieht er doch gar nicht aus. Einer von euch wird doch sicherlich eine kleine, kuschelige Wohnung haben mit einem breiten Bett. Ihr müsst ja nicht gleich heiraten.‘

Er startete einen neuen Versuch, mit dem Zeitungsartikel weiterzukommen. Seine Hand griff nach seiner Tasse.

„Was hast du erwartet, einen Millionär?“

Der junge Mann verzog beleidigt das Gesicht und konnte die Worte nicht zurückhalten, als er die Enttäuschung im Gesicht der jungen Frau sah.

„Sicherlich nicht, das war auf den ersten Blick zu sehen“, zickte die zurück.

‘Mann … Mann …‘ Der ältere Mann verzog das Gesicht und seine Gedanken kehrten in eine längst vergangene Zeit zurück. Er sah vor seinem inneren Auge ein anderes Pärchen, das ebenfalls in einem Café saß. Der Mann hielt die Hand der Frau sanft in seiner und die Beiden konnten die Augen nicht voneinander lösen. Ein Lächeln spielte um die Lippen der Frau. „Wollen wir gehen?“

Der Mann nickte, winkte dem Kellner und zahlte. Wortlos, sich an den Händen haltend, verließen sie das Café. Ganz in der Nähe war ein Park. Noch immer schweigend bogen sie in den kiesbestreuten Weg ein und setzten sich nebeneinander auf eine Bank. Der Mann beugte sich zu der Frau hinüber und ihre Lippen berührten sich. Seine Hand spielte sanft mit ihrem Haar.

Seufzend rief sich der ältere Mann in die Gegenwart zurück. Tagträume halfen ihm auch nicht, sie zu vergessen. Vierzig Jahre lag das mittlerweile zurück, vierzig Jahre, die er allein verbracht hatte. Doch noch immer spürte er ihre warmen Lippen, roch den betörenden Duft ihres Haares, spürte durch seine und ihre Kleidung ihre festen Formen. Vor allem ihre Augen gingen ihm nicht aus dem Sinn. Man sagte, die Augen seien der Spiegel der Seele und in ihren Augen sah er stets nur sich selbst.

Zwei Wochen nur gewährte ihnen das Schicksal, zwei Wochen, die er sein Leben lang nicht vergessen sollte. Am Ende hatte sie ihm ein Auto genommen. Oft träumte er in den Nächten davon, sah sie auf der Straße liegen in ihrem Blut. Doch vergessen würde er sie nie. Eine Stimme riss ihn in die Gegenwart zurück.

„Ich studiere Medizin“, verteidigte sich der junge Mann am Nebentisch gerade. „Mit irgendetwas muss ich mein Studium ja finanzieren. Warum also nicht in einer Tankstelle?“

Der ältere Mann legte Geld für seinen Kaffee auf den Tisch, stand auf und wollte hinausgehen. Er hatte genug von den Beiden. Doch an der Tür blieb er stehen, warf einen kurzen Blick zurück.

Die junge Frau strahlte ihr Gegenüber jetzt geradezu an und hielt seine Hand in ihrer. Beide schauten sich tief in die Augen und lächelten dabei.

Auch die Lippen des älteren Mannes verzogen sich zu einem Lächeln. ‘Na endlich‘, dachte er, ‘geht doch. Manchmal verstehe ich euch junge Leute nicht. Die ganzen Beschränkungen aus unserer Jugend, die abgestandenen Moralvorstellungen sind verschwunden, haben sich aufgelöst. Trotzdem sitzt ihr hier herum, fragt euch Löcher in den Bauch und verlangt auf die Antwort der Antwort nach noch einer Antwort. Was ist so schlecht an einem Tankwart? Genießt das Leben, ihr habt doch alle Freiheiten. Das Leben ist zu kurz, um Zeit mit Reden zu verschwenden. Nutzt sie gut, eure gemeinsame Zeit kann jeden Moment enden.‘

Der ältere Mann ging langsam hinaus. Dabei meinte er, eine weiche Hand in seiner eigenen zu spüren. Draußen vor dem Café schlug er den gleichen Weg wie vor 40 Jahren ein, bog in den Park ab und setzte sich dort auf eine Bank. Er lehnte sich an, lächelte und seine Gedanken kehrten zu ihr zurück …

© 2017 Uwe Tiedje

Facebook 

John McLane bei Facebook

Homepage

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Erinnerungen

  1. Immanuel Schmandt sagt:

    Lieber Uwe, ein Formwille ist im Text deutlich zu erkennen (Parallelführung von Vergangenheit und Gegenwart). Die Durchführung will mir aber gar nicht gefallen. Inhaltlich und sprachlich.
    Zu dem, was mir inhaltlich unschlüssig erscheint, gebe ich nur ein Beispiel:
    Das junge Paar (oder angehende Paar?) scheint in einer kleinen Missstimmung befangen zu sein. Sie hadert mit seinem Job. Daraufhin denkt der ältere Mann: ‚Habt ihr kein Zuhause?‘ Das erscheint mir zusammenhanglos. Und warum sollten sie ihre Freizeit nicht auch mal in einem Café zubringen? Besteht ein glückliches, erfüllte Dasein notwendig aus Sex?
    Also diese ganze Passage erscheint mir ziemlich unstimmig.

    Sprachlich ist mir das Ganze zu formel- und klischeehaft: Er berührt sanft ihr Haar. Immer noch spürte er ihre warmen Lippen etc.
    Auch die Tatsache in Rechnung gestellt, dass er in Erinnerung schwelgt, ist das einfach nicht gut.
    Ich hoffe, du kannst etwas mit meiner Rückmeldung anfangen. Wenn nicht, dann einfach vergessen.
    Liebe Grüße
    Torsten

  2. AutorenimNetzwerk sagt:

    Hallo Torsten,

    vielen Dank für die konstruktive, offene Kritik, die mir in dieser Form jederzeit willkommen ist. Ich werde mir den für mich wichtigen Teil herausziehen und künftig versuchen, diesen bei meiner Schreiberei zu berücksichtigen.
    Vielen Dank noch einmal
    Uwe Tiedje

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.