Geschichte des Tages: Andrea Riemer – Gedanken zum Abschied und zum Tod

Geschichte des Tages: Andrea Riemer – Gedanken zum Abschied und zum Tod

14.04.2017

Gedanken zum Abschied und zum Tod

Die Morgennachrichten, der Erfolg von vorgestern, die misslungene Prüfung, die chaotische Besprechung, der letzte Sommerurlaub, das vergangene Wochenende, … vor zehn Minuten heute beim Aufstehen … überall begegnen wir der sogenannten Vergänglichkeit. Leben ist Bewegung. Klingt banal. Es sind jedoch die sogenannten banalen Erkenntnisse, die oft den berühmten Nagel auf den Kopf treffen. Sich der Vergänglichkeit allen Seins bewusst zu sein, ist eine große Kunst. Sich zu erfreuen, sich auch ab und an mal ärgern und mächtig wütend sein und nicht daran hängen bleiben. Irgendein kluger Kopf nannte dies die Nicht-Identifikation. Klingt kompliziert und ist es auch immer wieder. Die Vergänglichkeit hilft uns auch, vieles gehen lassen zu können, unserem Kern damit ein Stück näher zu kommen und im Moment zu bleiben – zwischen zwei Atemzügen, wenn wir es bemerken wollen …
Wenn aus der Vergänglichkeit der Abschied wird – ja, es waren Tage des Abschiedes mit scheinbarer Traurigkeit. Dabei ist jeder Tag voll von Abschieden. Sie werden kaum bemerkt. Wir haben eine generelle Ignoranz gegenüber diesem Phänomen. In allem Anfang wohnt ein Zauber inne, den wir bewahren wollen. Vor dem oft unausgesprochen vereinbarten Ende graut uns. Der Abschied ist offenbar etwas Verdrängtes. Wir schauen gerne weg – beim Abschied.
Ungerne beenden wir etwas, sei es eine Beziehung, einen Tag, ein schönes Gespräch. Wir tun uns schwer, den Abschied zuzulassen. Dabei ist er ein wesentlicher Teil des Lebens. Dieses umschließt immer beides – Kommen und Gehen. Den Geburtsschmerz vergessen wir gnädig. Die Todesangst begleitet uns oft deutlich länger. Dabei ist alles nur ein zyklisches Durchlaufen von Seinszuständen. Blenden wir den Abschied aus, dann verdrängen wir Zyklen.
Wenn wir erkennen, dass Abschied die Grundlage für den Neubeginn auf einer anderen Ebene sind – erleichtert das dann die Annahme von Abschied? Vielleicht …
Denn spätestens wenn es ums Sterben, um den großen Abschied geht, dann hilft es, ein geübt im Verabschieden zu sein.
Wenn ich auf einen der ganz großen Abschiede ein Blick tue und verweile, ich blicke auf den Tod. Er ist wohl der am meisten verdrängte Abschiede. Die Radikalität, dass der Körper geht, zerfällt … Die Schmerzlichkeit der Endgültigkeit, die Unwiderruflichkeit des Nichtwiedersehens in der bekannten Form – all dies macht Angst.
Die Erlösung und das Übergehen in das große Unbekannte werden oft übersehen, ja verdrängt. Das Unbekannte beschert zusätzliche Angst, weil alles, was unbekannt ist, mit Unsicherheit behaftet ist. Da drehen wir uns doch lieber weg. Da gehen wir mit Humor drüber. Da lachen wir laut. Da schweigen wir noch lauter drüber. Nur wenn die Konfrontation unausweichlich ist, dann machen wir notgedrungen einen Blick hin – und erstarren oft.
Was wäre wenn wir folgendes inneres Spiel spielen: Wir imaginieren das eigene Sterben, die großen Ängste vor vollkommener Ohnmacht und die Unwissenheit über das, was kommen wird, die Urangst des Alleinseins, des Verlassen Werdens, des Ausgesetztseins und die eigene Auflösung. Es ist wie der Gang durch das dunkle Tal, wo man nichts wahrnehmen kann und doch irgendwie weiß, dass man ankommen wird. Wo? Das ist wohl die größte Unbekannte.
Ich will den Tod nicht zum Abenteuer verklären. Damit wäre ich im Trend unserer Gesellschaft. Nein – ich will einen Impuls zum Hinblicken geben, auf die eigene und die andere Vergänglichkeit, die zahllosen, unbewussten Abschiede und auf den einen ganz großen Abschied. Nicht mehr.

aus: Andrea Riemer, Gedanken ZwischenDurch, Potsdam, erscheint im Herbst 2017.

© Andrea Riemer

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Andrea Riemer – Gedanken zum Abschied und zum Tod

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Sehr ausführliche Betrachtungen zum Abschied – sehr gut geschrieben

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