Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Spinnrad-Geschichten;Die Moor-Muule

Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Spinnrad-Geschichten;Die Moor-Muule

23.04.2017

Spinnrad-Geschichten; Die Moor-Muule

Das Tagwerk war erledigt, das Vieh gefüttert, die Hühner eingesperrt, das Abendbrot gegessen. Nun im November saßen wir schon früh bei blakenden Lampen in der kleinen Stube. Mutter stopfte Strümpfe, Vater reparierte eine Stalllaterne und Oma saß am Spinnrad, das leise vor sich hinklapperte. Klapp-klapp. Klapp-klapp. Klapp-klapp.
Mein Bruder und ich spielten Fangen und sausten von der Küche, über den Flur in die Stube und von dort wieder in die Küche. Immer rund herum, bis es meinem Vater zu wild wurde.
„Ihr zwei setzt euch jetzt still zu eurer Mutter! Oder zu Oma. Ich muss mich hier konzentrieren!“
Oma saß mit ihrem krummen Rücken auf der Bank neben dem Ofenrohr, die sie sich mit der Katze teilte, vor sich das Spinnrad. Wenn Oma unten das Pedal betätigte und das Rad sich drehte, schnurrte der Faden zwischen ihren runzligen Fingern hindurch. Klapp-klapp. Klapp-klapp. Klapp-klapp.
„Setzt euch zu mir auf den Boden“, sagte sie und nickte zum großen Weidenkorb neben sich. „Ihr könnt für mich die Wolle kämmen. Das schaffen meine alten Hände nicht mehr.“
„Och, Wolle kämmen“, jammerten wir zwei. Das war furchtbar langweilig und man roch danach immer etwas nach Schaf.
Oma lachte leise. „Wenn ihr mir die ganze Wolle im Korb kämmt, dann erzähle ich euch eine Geschichte.“
„Aber nicht wieder so eine gruselige“, warnte Mutter. „Die Kinder können sonst nicht schlafen.“
Vater lachte. „Du kannst dann nicht schlafen. Den Kindern machen Omas Geschichten nichts aus.“
„Bitte-bitte, Oma“, bettelte mein Bruder. „Erzähl schon.“
„Es ist keine Geschichte, es ist die Wahrheit, die ich euch erzählen werde“, begann Oma bedeutungsschwer. Das tat sie immer, aber wir wussten, dass sie sich alle Geschichten ausdachte… oder nicht?
„Heute bin ich über das Moor gegangen“, begann sie. „Der Wind hatte nachgelassen und es war fein zu gehen. Doch war es so, als würde mich etwas zurückziehen. Ich ging einen Schritt und kam nicht voran. Ich lief zwei Schritt und war drei zurück. Die Unterlinge im weichen Moorboden waren es. Sie sind so klein, dass man sie nicht sehen kann. Aber es sind sehr viele, und wenn sie einem den Weg unter den Schuhen zurück ziehen, dann sollte man dem nachgeben. Die Unterlinge sind gute Wesen, sie helfen einem, wenn man auf sie hört.“
Polternd fiel meinem Bruder die schwere Bürste aus der Hand. „Die Unterlinge“, flüsterte er, als er schnell das Werkzeug aufhob und weiter Wolle kämmte, damit Oma bloß nicht aufhörte zu erzählen.
„Ja, sie warnten mich“, setzte Oma wieder an und das Spinnrad klapperte. „Oben auf dem kleinen Hügel bei den Westeichen stand ich und blickte runter ins Heidetal. Dort hatte sich Nebel gesammelt. Die feuchte Kälte kroch bis zu mir hoch. Und das war der Grund für die Unterlinge diese Gegend zu verlassen. Durch ihren Sog haben sie mich von dort zurück gehalten. Denn da unten im Tal saß die Moor-Muule. Eine der fürchterlichsten Grausamkeiten, die man sich denken kann.“
„Wie sieht sie aus?“, flüsterte ich gespannt.
„Oma, bitte!“, warnte Mutter, doch das Spinnrad drehte sich weiter. Klapp-klapp. Klapp-klapp. Klapp-klapp..
„Die Moor-Muule sieht gar nicht aus. Sie hat keine Gestalt“, raunte Oma und blinzelte mit ihren halbblinden Augen zu uns Kindern runter. „Sie ist immer da, aber meistens so schwach, dass man sie nicht merkt. Nur jetzt, wenn es draußen kalt und dunkel wird, gewinnt sie an Kraft. In den Tälern baut sie Nebel-Nester, in denen sie sich teilt und teilt und wächst und wächst. Sie ist kalt wie nasses Moos, sie riecht wie Regen, sie ist um dich herum und geht mit deinem Atem in dich hinein. Und wenn sie das geschafft hat, dann bist du ihr verfallen. In einem Menschen drinnen macht sie das Herz kalt. Sie verschließt die Ohren und senkt alles im Bauch. Sie nimmt einem die Freude und das Licht, macht die Menschen langsam und krank im Kopf. Von der Moor-Muule besessen lebst du nicht mehr lang.“
Mutter stöhnte und suchte hektisch in ihrem Nähkasten herum, während Vater kurz auflachte. „Hmhmmh, besessen. Ja ja.“
„Ja!“, betonte Oma. „Es gibt viele, die von der Moor-Muule besessen waren und es nicht mehr ausgehalten haben. Irgendwann sind sie von innen so leer und schwach, dass sie ins Moor gehen und dort elend ersaufen.“
Zu uns Kindern guckte sie herunter und nickte im Takt des klappernden Spinnrades. „Also hört auf die Unterlinge. Wenn die fliehen ist ihr Sog so stark, dass sie einen Menschen aufhalten können. So warnen sie uns vor der Moor-Muule.“
Mutter wirkte etwas blass im Schein der Lampen. Sie schien froh zu sein, dass Oma fertig war mit ihrer Geschichte. Nur Vater grinste still. Er mopste sich einen gestopften Socken und warf ihn meiner Mutter entgegen. „Pass auf, da kommt die Moor-Muule!“
So endeten Omas Geschichten immer. Das gemütlich klappernde Spinnrad, der warme Ofen, ein bisschen gruseln, Vaters dröhnende Lache und Mutter, die vor Schreck quieken konnte wie ein Ferkel, während Oma still lächelnd weiter Wolle spann.
Klapp-klapp. Klapp-klapp. Klapp-klapp.

von Tina Wolff

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3 Kommentare zu Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Spinnrad-Geschichten;Die Moor-Muule

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Coole Oma, arme Mama, sehr gut erzählte Geschichte

  2. Petra Weise sagt:

    Die Oma mit dem klappernden Spinnrad war mir anfangs sofort sympathisch, weil sie mich an meine Oma erinnerte. Allerdings hätte sie mir niemals eine Gruselgeschichte zugemutet. Die Geschichte ist gut erzählt, nur Gruseliges mag ich ganz und gar nicht.

  3. Liebe Ellen oder Tina Wolff?,

    Deine Geschichte beflügelt nicht nur den Leser, insbesonders auch die Familie, die der Abendlektüre gebannt lauscht, welche die Großmutter, zugleich Mutter und Schwiegermutter den Ihrigen erzählt.

    Eine Geschichte in der Geschichte, die am Ende den Leser im eigenen „Weitetspinnen“ vorantreibt.

    Gruß, Doreen.

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