Gabi Büttner & Nina Döllerer – Protagonisten und ihre Therapeuten oder »Was macht die Autorin, wenn sie nicht weiter kommt?«

Gabi Büttner & Nina Döllerer – Protagonisten und ihre Therapeuten oder »Was macht die Autorin, wenn sie nicht weiter kommt?«

27.04.2017.

Protagonisten und ihre Therapeuten oder »Was macht die Autorin, wenn sie nicht weiter kommt?«

 

Dr. Cross beobachtete die junge Frau durch die als Spiegel getarnte Scheibe. Blass und übernächtigt wirkte sie, dennoch schien sie sich zu bemühen, Haltung zu wahren

»Sie glaubt, aus der Zukunft zu kommen?«

Der Pfleger neben ihm nickte. »So in etwa, Doktor. Zudem denkt sie, sie wäre eine Gefangene in der von ihr erdachten Welt. Genauer gesagt, in der Welt, die ihre Autorin erdachte.«

»Eine Protagonisten also …« Kurz blätterte er ihre Akte durch, nahm dann die Brille ab und rieb sich die Stelle über der Nase. Vielleicht lag es an seinem Alter, aber es kam ihm vor, als würden die Psychosen seiner Patienten immer umfangreicher werden. Einer hielt sich für einen Rebellen in einer Art Space Opera, der nächste hatte ein Problem mit absurden Folterfetischen. Nun eine Frau, die sich für ein Mitglied irgendeiner Oberschicht hielt. Da lobte er sich doch Harper und McLain. Die waren wenigstens einfach nur psychotisch.

Seufzend öffnete Cross die Tür zum Behandlungsraum.

Jeder Muskel ihres Körpers spannte sich, als sie ihn sah, fast als wolle sie aufspringen und fliehen. »Wer sind Sie?«

»Man nennt mich den Doktor. Sie baten um ein Gespräch mit mir?«

Sie nickte stumm.

»Kaffee?«, bot er an, um das Eis zu brechen.

»Wasser bitte.« Erst jetzt bemerkte Larissa, wie durstig sie war. Hunger verspürte sie keinen, nur ein großes, alles verschlingendes Loch dort, wo ihr Magen sein sollte. Sie zwang sich, den Mann genauer anzusehen. Halbglatze, eine dezente Brille, die seine bernsteinfarbenen Augen betonte, eine Jeans und ein hellblaues Hemd. Kein weißer Kittel, was sie erleichterte.

Er holte eine Flasche und ein Glas aus dem Schrank an der Seite des Raumes. Er stellte das Glas vor ihr ab und füllte es zur Hälfte. Die Flasche stellte er auf den Schreibtisch.

»Wie fühlen Sie sich, Miss McIngless?«, fragte er, nachdem er sich gesetzt hatte.

»Müde.« Sie versuchte, sich auf die Worte des Mannes zu konzentrieren, doch immer wieder schob sich Chris‘ Gesicht vor ihr inneres Auge. »Und diese Musik geht mir auf die Nerven.« Sie mochte Ed Sheeran. Ihre Autorin hatte sein Album rauf und runter gehört, als sie den ersten Teil ihrer Geschichte schreib. Damals hatte er geholfen. Nur, die Schreiberin hörte ihn immer noch und allmählich zerrten dieses Gejammer und die gute Laune an Larissas Gemüt. Sie hörte es selbst hier noch.

Cross lächelte. »Müde ist keine Emotion, Miss McIngless. Ich vermute, Sie schlafen schlecht?«

Schlaf? Sie war seit 36 Stunden wach. Wie aber sollte sie an Schlaf denken? Lance drohte die Hinrichtung, Chris und ihre Freunde würden die Sicherheit der Basis verlieren. Nur weil sie es nicht schaffte, sich zusammen zu reißen.

»Ich schlafe nicht, Doktor.«

»Die Frage ist wieso? Können Sie mir das beantworten?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Zu viele Gedanken, zu viel, was ich tun muss, ohne die Möglichkeit zu haben.«

»Gedanken woran?«

»An Lance, Chris, meinen Vater, Gari … Wie soll ich Lance helfen, wenn ich unter Arrest stehe? Warum tut mein Vater nichts, um mir zu helfen? Und warum war ich so dämlich Chris …« Sie brach ab und musste schlucken, nachdem sie seinen Namen ausgesprochen hatte.

Cross lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte sie. »Haben Sie versucht, Kontakt zu Ihrem Vater aufzunehmen?«

Sie lachte, verstummte aber sofort, als ihr auffiel, wie hysterisch es klang. »Wie denn? Ich wurde sofort nach meiner Ankunft in dieses schrecklich eintönig weiße Zimmer gebracht und warte auf …« Ja, worauf ? Unwillig schüttelte sie den Kopf. »Er weiß, dass ich zurück bin.«

»Larissa, ich darf Sie doch Larissa nennen?« Er wartete, bis sie nickte, bevor er fortfuhr. »Sie sind eine Gefangene die, als Mitglied der Oberschicht, unter dem Gesetz des Großherrschers steht. Sie haben ein Recht darauf, Kontakt zu einem Anwalt aufzunehmen!«

»Anwalt?« Wieder lachte sie. »Ich habe mich einem Befehl widersetzt und Claneigentum gestohlen. Ich werde keinen Anwalt bekommen.«

»Ihre Zelle wird überwacht?«

»Oh, sie bewahren mich sehr komfortabel. Verschlossene Tür, Toilette mit Paravent für die Privatsphäre und der Glaube daran, mir wäre nicht klar, dass alles kameraüberwacht ist.« Sie bemühte sich, wütend zu werden. Wusste, sie sollte es sein, aber da war nichts, außer der Leere.

»Und trotzdem sitzen Sie da und warten? Ich habe viel von Ihnen gehört, Larissa. Sie seien stolz, eigenwillig, gelten sogar als schwierig. Aber Sie sind auch klug. Warum sitzen Sie da und grübeln. Sie wollen etwas bewegen? Dann tun Sie es! Gehen Sie den Kerlen hinter den Kameras ein wenig auf die Nerven. Sie können die verwöhnte Zicke raushängen lassen, wenn Sie wollen. Das haben Sie bereits bewiesen.«

»Wie denn?«, fuhr sie auf. »Soll ich diesen Typen etwa auch noch eine Show bieten?«

»Wo ist Ihr Kampfgeist hin, Larissa?«

»Bei Chris geblieben«

Cross seufzte. »Zusammen mit Ihrem Selbsterhaltungstrieb und dem Willen, Ihren Leibwächter zu retten?«

»Sieht ganz so aus«, maulte sie

Er lächelte. Das klang schon besser. »Warum wollten Sie dann ein Gespräch mit mir?«›

»Weil ich mit dem herumsitzen nichts erreiche und ein Freund mir den Tipp gab, mich an Sie zu wenden.«

»Wie wollen Sie etwas erreichen, wenn Sie nicht bereit sind, etwas dafür zu tun?«

»Dazu bin ich durchaus bereit. Nur was? An die Tür hämmern bis jemand kommt, bringt nichts.«

»Sie sind eine kluge Frau. Denken Sie nach. Wer kann Sie hören? Wer weiß von Ihrer Flucht? Was müsste passieren, damit jemand zu Ihnen käme?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte sie resigniert.

»Sie wollen keine haben«, stellte Cross ohne Vorwurf fest.

»Will ich wohl. Sie sind genau wie alle anderen«, schnappte sie.

»Ich dachte, Sie sind allein?«

»Bin ich auch. Es ist niemand da, der mir hilft.« Leise Wut regte sich bei ihren Worten.

»Eine Person wäre da. Aber die ist zu sehr damit beschäftigt, sich in ihr Problem hineinzusteigern, als an einer Lösung zu arbeiten.«

»Wenn Sie da an meine Autorin denken: Die spielt ja lieber Candy Crush und doktert an dem ollen Jack herum.«

»Ich rede von Ihnen, Larissa.«

»Was soll ich denn tun? Ich dachte, mein Vater würde mir helfen, ging davon aus, mich im Clansitz frei bewegen zu können. Ich muss Chris die Zugangsdaten übermitteln. Aber wie?«

»Wäre es auf der Krankenstation einfacher für Sie?«

»Vielleicht.«

Cross lächelte ihr ermutigend zu. »Vertrauen Sie Ihren Fähigkeiten. Sie sind gerissener, als Sie zugeben wollen! Spielen Sie nicht die Beleidigte, nur wegen Mr. Harper. Glauben Sie mir, er saß schon genau da, wo Sie jetzt sind.«

Sie nickte gedankenverloren. Ein völlig neuer Ansatz reifte in ihrem Kopf heran. Sie stand auf und straffte die Schultern. »Ich danke Ihnen, Dr. Cross.«

© Gabi Büttner & Nina Döllerer

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