Geschichte des Tages: Andrea Riemer – SIEG UND NIEDERLAGE … ODER DAS KÜNSTLERLEBEN ALS SEILTANZ?

Geschichte des Tages: Andrea Riemer – SIEG UND NIEDERLAGE … ODER DAS KÜNSTLERLEBEN ALS SEILTANZ?

30.04.2017

SIEG UND NIEDERLAGE … ODER DAS KÜNSTLERLEBEN ALS SEILTANZ?

Siege und Niederlagen sind Teil einer jeden Künstlerbiografie – schlagen Sie nach bei den ganz Großen, bei Picasso, Michael Jackson, George Michael, Placido Domingo, Jonas Kaufmann … ich merke gerade, mir fallen spontan nur Männer ein – was das wohl bedeutet soll – und die Mischung kann sich auch sehen lassen … nicht dass Sie mich als Fan der Herrn verdächtigen?! Ich grabe weiter … also Madonna, Marilyn Monroe, Maria Callas, Meryl Streep … eigenartig, bei den Frauen tue ich mir dezidiert schwerer, da muss ich mir Anregungen holen. You name it – wie es so schön neudeutsch heißt. Die jungen Leser mögen mir die vielleicht altmodisch anmutenden Namen nachsehen. Ok., gut. Ich gebe klein bei… Katy Perry, Orlando Bloom (ja – ich weiß, die sind nicht mehr zusammen), Scarlett Johansson, Jake Gyllenhall, Robert de Niro, Michael Douglas, ein bisschen Marlon Brando und James Dean muss noch sein … also Sie wissen schon, wen ich meine. Es ist der Demoeffekt. Natürlich nutzen wir Schriftsteller auch diesen, um Sieg und Niederlage und den künstlerischen Seiltanz darzustellen.
Die scheinbaren Gegensätze aus Triumph und Niederlage sind Ausdruck des Lebens und haben in den verschiedenen Bereichen von Kunst ihren Fixplatz. Gottseidank für die einen. Leider für die anderen. Man möchte meinen – ohne Extreme, ohne Sieg und Niederlage ist Kunst gar nicht möglich. Schlag nach bei den genannten Großen und noch vielen mehr. Wohl auch, weil Kunst immer ein Experiment ist, immer vorläufig ist. Kunst trägt den Virus des krachenden Scheiterns in sich. Eine Sechs auf die Klassenarbeit – bei uns jederzeit möglich, so viel kann man gar nicht gelernt haben. Mit dem Scheitern muss man als Künstler leben – oder es sein lassen. Ich meine nicht den Fuchs mit den sauren Trauben und den platten Sager, dass jede Niederlage mir etwas gelehrt hat. Nein. Manche war schon ziemlich ungut und ich ärgere mich auch zugegebener Weise heute über die eine oder andere Niederlage. Verzeihen kann es das – vergessen tue ich es nicht, weil ich auch immer etwas erkenne, was dann doch wichtig ist. Es ist eine vielleicht sonderbare Haltung, in der Niederlage etwas zu finden, das mich bereichert. Jedoch – so bin ich. Nichts ist umsonst bei mir und irgendetwas, das ich dann brauchen kann, finde ich immer. Das ist unter Künstlern wie bei allen anderen Berufen noch immer eher die Ausnahme. Macht nichts. Mein Weg hat sich bis hier her bewährt.
Kunst hat viel mit Gefühl, mit Empfindungen, mit dem Herz und der Seele zu tun. Das sind alles Bereiche, wo wir natürlich verletzlich sind. Die Seele ist ein weites Land, meinte der Schriftsteller Arthur Schnitzler. Ich schreibe … die Kunst ist ein weiteres Land und bietet viel, viel Platz für alle Arten von Siegen und Niederlagen.
Gleichzeitig ist Kunst mehr als der Sieg über etwas anderes. Sie begeistert zu allererst und sie ist beseelt. Man muss Kunst spüren – und nicht nur lesen und sehen können – und man muss als Künstler auch scheitern dürfen. Nur wer probiert, wer sich dem Risiko des Scheiterns aussetzt, wird gewinnen – Erfahrung und Siege – wohl auch weil Kunst immer eine Mischung aus Triumphen und Niederlagen ist. Mir geht es hier nicht um den Fuchs mit den sauren Trauben. Es geht mir darum, immer wieder aufzustehen – vor allem das eine Mal mehr als alle anderen. Angst ist dabei ein kein guter Ratgeber – ich schlage vor, sie so gering wie möglich zu halten. Es erspart einem viel Energieverschwendung – denn jedem alles recht getan ist eine Kunst die niemand kann. Man kann und muss es in der Kunst nicht allen Recht machen.
Es geht in der Kunst darum, Sieg und Niederlage anzuerkennen. Nein, kein Kampf, sondern die bloße Anerkennung dessen, was ist. Ja – ich weiß, das klingt so platt, klingt so einfach, wie aus einem billigen Ratgeber. Letztlich ist das Einfache das, was Bestand hat – Sie meinen, wieder der Ratgeber? Nein – es ist das Leben, das diese Regel schreibt. Warum schönreden und relativieren?! Etwas ist danebengegangen und nichts bietet mehr Raum als Kunst, um sich wieder neu zu versuchen und zu suchen … und auch zu finden.
Es ist wichtig, in der künstlerischen Arbeit ins Extrem zu gehen, zu provozieren, zu reizen, auszureizen und damit andere anzureizen, sei es zum Denken, sei es zum Tun. Ziehen und Drücken, in Frage stellen, umdrehen, wegwerfen, aufnehmen, neu verwerten – das sind gängige Prinzipien in der Kunst, sei es beim Schreiben, beim Komponieren, beim Musizieren, beim Tanzen oder beim Malen – und alle hier nicht genannten Kunstarten mögen sich natürlich auch eingeschlossen fühlen. Es geht in der Kunst immer darum, seinen eigenen Weg zu finden, der nicht einem verwaschenen Kompromiss entspricht, sondern der das eigene Innere am besten wiederspiegelt. Ganz leise gefragt – wäre das auch etwas für Ihr Leben, Ihren Weg? …
Mein Zugang zu Kunst ist vielleicht nicht so bequem wie jener des ausgetretenen Pfades, auf dem die Masse laufen. Jedoch ist er inspirierend und voll von Abenteuern. Er führt mich und mein Publikum an Plätze, an die die Masse nie hinkommt. In kleine Gässchen, auf leere Strände, in Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, auf Berge, die einen unüberbietbaren Ausblick geben … Eine Gelinggarantie habe ich dabei nicht versprochen – und als Künstler will ich die auch gar nicht.
Denn tief in mir weiß ich, irgendwann, irgendwann gelingt es mir, die Ziellinie zu überqueren. Ich könnte zahllose Beispiele aus meiner eigenen Biografie zeichnen. Nichts schmeckt süßer als der Moment des Sieges. Dabei ist dieser Moment oft gar nicht richtig zeitlich definierbar. Sehr interessant – man freut sich über etwas, das man nicht messen, nicht in Worte fassen kann. Bemerkenswert ist, dass es eben für den Moment des Sieges keine Vorgaben, keine messbaren Fakten, Zahlen und Daten gibt. All das, was wir das erste Mal meistern, ist ein Moment des Sieges.
Was ist es dann? Der Moment des künstlerischen Sieges ist für die einen die Empfindung, ‚es’ geschafft zu haben. Es ist ein inneres Gefühl des Erreichens, etwas Besonderes, Außergewöhnliches geschaffen zu haben. Das ist die Kunst des Sieges und gleichzeitig der Sieg in der Kunst. Und diesen Moment zu genießen, sich daran zu erfreuen – das ist eine eigene Kunst. Nein – bitte nicht zum nächsten Projekt weiterlaufen und hoffen, dass einen die Musen wieder küssen … das ist Fiktion. Bitte verweilen, innehalten und den künstlerischen Sieg auskosten.
Ich will hier nichts glorifizieren und schön zu reden – bei allen Siegen gibt es auch die Niederlage. Was ich erfahren habe, ist, dass wenn der erste Ärger verflogen ist und sich wieder Ruhe im ausgewühlten Herz ausbreitet, Niederlagen einen Neubeginn ermöglichen. Vorsicht – ich schreibe nicht, dass es ein Neubeginn ist. Die Kunst gibt uns viele Hinweise, dass scheinbar krachende Niederlagen, Ausgegrenztsein und missachtet Werden Möglichkeiten anbieten, sich neu zu erfinden – es ist jedoch nicht die Neuerfindung selbst – doch das wird oft übersehen. Wenn eine Niederlage eingefahren wird- dann nimmt man halt einen anderen Weg. So what?! Und – Neuerfindung ist ein wesentlicher Teil von Kunst, so erfolgreich kann man als Künstler gar nicht sein.
Nur so dreht sich Kunst unaufhaltsam weiter, in vielen Spielformen, inspirierend, interessant, abenteuerlich, in Höhen und Tiefen, in Bergen und Tälern. Kunst hat immer eine Überraschung zu bieten und ist nichts für Bequeme.
Was wäre das für Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser?

(c) Andrea Riemer

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