Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Urlaub im Weltall

Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Urlaub im Weltall

Urlaub im Weltall

Der Wagen stoppte in der Garage. „Sie sind Zuhause. Ich löse jetzt ihren Gurt. Bitte steigen sie aus. Ich würde mich freue, sie bald wieder zu fahren.“
Die Stimme der Automatiksteuerung verstummte. Der Gurt öffnete sich mit leisem Klicken und rollte sich automatisch auf, die Fahrertür schwang nach außen. Lisa stieg aus.
„Licht“, rief sie und die Beleuchtung in der Garage flammte auf. Sie warf die Autotür zu und betrat das Haus. Das Garagentor schloss sich lautlos automatisch hinter ihr. Sie streifte ihre Pumps ab, hängte ihren Mantel auf, warf ihr Schlüsselbund auf das Schränkchen und ging ins Wohnzimmer hinüber.
„Guten Tag, ich hoffe sie hatten einen angenehmen Tag? Sind sie hungrig oder durstig? Kann ich sonst etwas für sie tun?“
Auf kleinen Rädern rollte ein Robotermädchen im Stubenmädchenkostüm lautlos heran.
„Hallo, Lucie, danke, ja“, begrüßte Lisa ihr mechanisches Faktotum. „Ich könnte jetzt einen Martini vertragen.“
Die Haushaltshilfe entfernte sich lautlos. Lisa ließ sich auf das Sofa fallen. Die Rückenlehne passte sich sofort automatisch ihren Formen an und die Massagesensoren begannen mit ihrer Arbeit. Lisa seufzte wohlig.
„Fernseher“, rief sie. Sofort schaltete sich das Gerät ein und augenblicklich erschien das Bild. Natürlich Werbung, wie konnte es anders sein?

*Werbung Anfang

Das Shuttle stand auf der Startbahn mitten in der roten, hügeligen Einöde des Mars. Die Passagiere hatten das kurze Stück vom Weltraumhafen bis zum Shuttle längst hinter sich gebracht und saßen bequem in ihren Sitzen.
„Bitte legen sie die Gurte an, lehnen sie sich zurück, wir werden in Kürze starten.“
Die weibliche Echse lauschte kurz den Worten aus dem Lautsprecher. Sie saß im mittleren Bereich der Sitzreihen und wandte sich jetzt an ihren Mann, der neben ihr saß.
„Oh, ich bin so aufgeregt. Unser erster Urlaub auf der Erde und das mit Vollpension. Diese Erdlinge sind so etwas von innovativ, Schatz. Vor allem diese Leute bei Amazonas. Erst erfinden sie diesen intergalaktischen Kommunikator und den Kometenbeam und jetzt können wir Weltraumreisen unternehmen. Und dank Gesichterfenster können wir mit den Erdlingen kommunizieren, können bei ihnen Shoppen und uns neuerdings sogar Lebensmittel von der Erde über Amazonas Liefern lassen. Einseitige Ernährung ist out. Ist das alles nicht ganz wunderbar?“
Der Marsianer runzelte die Stirn. „Ja, wunderbar,“ knurrte er. „Wäre noch wunderbarer, wenn hier nicht Horden von Erdlingen einfallen, ihren Müll überall abladen und als Andenken Marssteine mitnehmen würden. Weißt du eigentlich, was unsere Wissenschaftler errechnet haben? Bei gleichbleibender Anzahl von Erdtouristen wird der Mars in 500 Jahren nicht mehr vorhanden sein. Jeder Tourist nimmt ein paar Steine mit, irgendwann ist unser Planet verschwunden. Ist das auch wunderbar?“
Seine Frau strahlte ihn an und winkte ab. „Ach was, du bist so ein alter Schwarzseher, Blödsinn. Schau aus den Fenster, all die Steine, die werden nie alle. Du bist echt antiquiert, mein Lieber, nicht offen für das goldene Zeitalter – gewöhn dich daran, die Zukunft hat begonnen.“
Zufrieden, ihren Mann belehrt zu haben, schaute sie aus dem Fenster. Irgendwo da draußen wartete die Erde nur darauf, von ihr entdeckt zu werden …

*Abblende!

Auf dem Bildschirm war jetzt der Weltraum zu sehen. Die Erde vom All aus, davor der Mond, mit einer riesigen Leuchtreklame. ‚Amazonas Starflight‘ blinkte dort zwischen den Kratern in meterhohen Buchstaben rhytmisch auf. Eine Stimme erklang.
„Die Zukunft hat begonnen, die Zukunft erwartet sie. Buchen sie noch heute ihren nächsten Urlaub mit Amazonas Starflight. Bordservice, Dreisternemenü und Getränke sind inklusive. Rufen sie noch heute kostenlos an oder buchen sie uns über Gesichterfenster, dem einzigartigen, intergalaktischen Kommunikationsmodul.“
Musik, entfernt erinnernd an die Titelmusik der antiken Enterprise Fernsehserie, klang aus den Lautsprechern.

*Werbung Ende

„Fernseher aus – Kommunikator, mit Petra verbinden!“
Lisas Stimme klang leise durch den Raum. Fast sofort erschien das Gesicht ihre beste Freundin Petra auf dem wandgroßen Fersehbildschirm. Petra schrak hoch, riss die Bettdecke an sich und bedeckte hastig ihren Körper damit. Ihr Mann Werner rannte nackt aus dem Bild. Schwer nach Atem ringend, mit hochrotem Kopf, schaute Petra ihre Freundin an.
„Ups, tut mir sehr leid, dass ich gerade im entscheidenden Moment aufgetaucht bin“, entschuldigte Lisa sich mit einem Grinsen. „Warum schaltest du auch nie das Bild ab, wenn du …“
„Vergessen, verdammte Technik“, stotterte Petra immer noch nach Atem ringend. „Die automatische Ortung des Kommunikators ist schon eine tolle Sache, aber in solchen Momenten könnte ich das Ding verschrotten. Was gibt es denn, Süße?“
„Hast du schon die neuesten Nachrichten über Amazonas gehört? Die bieten jetzt Weltraumflüge an. Urlaub auf dem Mars und anderen Planeten.“
Petra setzte sich kerzengerade auf, dabei verrutschte die Decke und gab ihre linke Brust frei. „Ernsthaft? Juchu. Ich wollte schon immer mal sehen, wie es auf der Venus aussieht. Das muss ich gleich Werner erzählen. Gibt’s da Vollpension, Essen von der Erde, Planetentouren … ?
Lisa wartete in Ruhe den Quasselanfall ihrer Freundin ab, bevor sie die ihr auf der Seele brennende Frage stellte.
„Petra, sag mal, was würdest du davon halten, wenn ich eine Woche zu Peter fliege? Nachdem er sich auf Gesichterfenster als Echse geoutet hat, war ich ja erst einmal irgendwie ein wenig angeekelt. Aber er ist so ein sensibler, lieber, lustiger Marsianer, so völlig normal und schließlich spielt das Aussehen ja auch keine Rolle. Und immer nur Cybersex ist auch öde …“

*Anmerkung des Autors

Automatisch fahrende Autos, sich ständig weiterentwickelnde Robotertechnik, Hightech in allen Bereichen, die Planung von Amazonas, Weltraumflüge zu ermöglichen – all dies sollte auch Wesen von fernen Planeten zur Verfügung stehen. In den letzten 50 Jahren ist die Welt durch die Medien immer weiter zusammengeschrumpft, so dass die Erde nicht mehr viel zu bieten hat. Wenden wir uns doch der Galaxis zu, schaffen wir ein Imperium. Seit der erste Mensch auftauchte, hat er sich permanent ausgebreitet. Das Weltall ist doch der nächste logische Schritt. Unendliche Weiten, die der Mensch besiedeln kann. Hoffen wir nur, das galaktische Imperium schlägt nicht irgendwann zurück *zwinker

(c) 2017 Uwe Tiedje

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Urlaub im Weltall

  1. Christine Kayser Leipzig-Grünau sagt:

    »Nichts ist unmöglich.« Wer hätte vor Jahren gedacht, wie sich alles entwickeln würde? Sehen wir uns um: Im Wahnsinnstempo wurde die Welt verändert, die Technik, Kommunikation, eigentlich das ganze Leben auf Erden.

    TineKayser

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