Geschichte des Tages: Andrea Riemer – ZWISCHEN TAKTSTOCK UND BILANZEN

Geschichte des Tages: Andrea Riemer – ZWISCHEN TAKTSTOCK UND BILANZEN

08.05.2017

ZWISCHEN TAKTSTOCK UND BILANZEN

Dass Musik und Leben sich gegenseitig inspirieren, liegt für mich seit Jahren auf der Hand. Viele Große habe ich bei ihrer Arbeit mit Orchestern und Sängern beobachtet und dabei Ähnlichkeiten und Unterschiede entdeckt.
Leben ist ein komplexes Unterfangen – gleich wie z.B. die Orchesterarbeit, sowohl für den Dirigenten als auch für Musiker. Es verlangt solides Handwerk, ein Mindestmaß an Intuition, und das Erkennen und Nutzen von Begabungen und Talenten. Offenheit im Umgang mit den Herausforderungen, die Bereitschaft, eigene Grenzen zu erkennen und laufend hinauszuschieben und sich immer wieder neu zu erfinden, sind weitere Zusätze. Zudem gilt es heute als selbstverständlich, dass man andere Menschen mitnimmt und für die eigenen Ideen einnimmt. Ja – und dann natürlich geht es immer und immer wieder um das gestaltende Umsetzen von Ideen und Konzepten, oft im Brennglas der Öffentlichkeit, immer wieder sogenannter Kritik ausgesetzt, oft verrissen, beneidet und auch vernadert. Manches Mal in den Himmel gehoben und als Messias angepriesen. Oft nicht beachtet und heruntergeschrieben.
Leben in Unternehmen und in der Politik unterscheidet sich kaum von Leben in der Musik. Das mag unpoetisch klingen, doch ist jeder Künstler heute auch gewissermaßen Unternehmer – mit und ohne Management. Klingt nicht glamourös? Nein, ist es auch nicht.
Was kann uns Musik für das Leben an Inspiration geben? Leben ist die Synthese von scheinbaren Widersprüchen, gepaart mit der Virtuosität in der Ausführung. Nun, das ist eine sehr künstlerische Definition von Leben und doch trifft es den Kern. Etwas alleine von der Partitur her spielen zu können, reicht nicht aus, um es als virtuos zu bezeichnen. Virtuos ist etwas dann, wenn es die Akteure herausfordert und oft an und über ihre Grenzen treibt. Nur so werden Höchstleistungen möglich. Das braucht Raum, Zeit, Gespür, Fachwissen, Autorität, Hingabe und auch das Erkennen der eigenen Grenzen, denn man kann sich nicht dauerhaft übernehmen will. Dabei ist der Dialog aus Fürsprache und Kritik ganz wesentlich. Dann ist Leben unwiderstehlich, ist Haltung und Bekenntnis – und das muss alles erkennbar und fühlbar sein.
Können wir voneinander etwas lernen? Folgt das Orchester dem Dirigenten oder gar umgekehrt? Warum ist es so wichtig, hinter dem, was man tut, zu stehen, geduldig zu sein und an sich zu glauben?
Antworten sind eine Annäherung an das Mögliche, denn beide, Musik und Leben, sind keine festgeschriebenen Größen, sondern zeigen sich jeden Tag aufs Neue. Und das macht beide so interessant, so spannend. … mit und ohne Beethoven und Mozart im Hintergrund.

© Andrea Riemer, aus: GEDANKEN ZU … MUSIK UND LEBEN, UNVERÖFFENTLICHT.

Homepage
Facebook

 
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.