Geschichte des Tages: Petra Weise – Der erste Satz

Geschichte des Tages: Petra Weise – Der erste Satz

Der erste Satz

Ich weiß, worüber ich schreiben will, natürlich weiß ich das. Ich weiß nur nicht, wie ich anfangen soll, mit welchem Wort, mit welchem Satz. Der erste Satz ist der wichtigste habe ich gelernt. Allein mit diesem ersten Satz entscheidet sich, ob der Leser weiter liest oder meine Geschichte einfach beiseite legt. Der erste Satz soll aufregend und spannend sein, darf sich nicht um das Wetter und auch nicht um so etwas Schnödes wie den Alltag drehen. Dabei liebe ich ausgerechnet das Alltägliche, das oft gar nicht so alltäglich ist. In jedem Alltag gibt es besondere Momente, worüber ich ganze Geschichten schreiben kann. Ich schreibe sehr gern Geschichten. In allen meinen Geschichten erzähle ich von meinen Erlebnissen mit meinen Kindern, Hunden, Verwandten und meinem Mann. Es geht um Liebe und Hass, Geburt und Tod, Schönes und Hässliches, Vertrauen und Betrug, Lustiges und Trauriges – es geht um das Leben.

Doch jetzt sitze ich vor einem weißen Blatt Papier, das mir grell vom Bildschirm entgegen blendet. Ich suche nach diesem ersten so wichtigen Satz. Er muss unbedingt außergewöhnlich sein, den Leser beeindrucken, packen und direkt überwältigen. Das ist nicht so einfach, denn ich soll einen Artikel über einen Wettbewerb schreiben, einen Kuchen-Backwettbewerb. Der Initiator ist des Wettbewerbs ist gleichzeitig mein Auftraggeber und obendrein der beste Bäcker der Stadt – sagt er. Ich kaufe meinen Kuchen lieber bei einem anderen Bäcker oder backe ihn selbst. Das kann ich allerdings nicht schreiben. Dieser Bäcker beschimpft alles, was nicht aus seiner Backstube kommt, als „Dreck“. Er verlangt, dass sich alle an seine Rezepte halten müssen, sonst wäre es kein wirklicher Kuchen, sondern ein Verstoß gegen die Regeln, der zum Ausschluss führt. Dass sich jeder Kuchenbäcker an vorgegebene Rezepte halten muss, kann ich einfließen lassen – aber nicht, dass ich selbst eher nach Gefühl backe. Mich würde dieser Bäcker wohl nicht in seiner Gruppe haben wollen. Ich frage zu viel. Dieser Bäcker erträgt keine Fragen, die setzt er mit Zweifel und Widerspruch gleich. Das habe ich gemerkt, als eine Teilnehmerin die Zutaten einfach gleichzeitig in die Schüssel gab. Bäcker Bernd schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie: „Um Himmels Willen! Du MUSST zuerst die weiche Butter mit dem Zucker verrühren, bis alles eine weiß-schaumige Masse wird, erst dann kommen nach und nach die Eier dazu, zum Schluss löffelweise das gesiebte Mehl.“
„Ich mache das immer so.“
„Dann hast du es eben immer falsch gemacht“, schnauzte Bernd.
„Aber warum …“ Weiter kam die junge Frau nicht. Der Bäcker lief im Gesicht krebsrot an.
„Willst du mich beleidigen? Ständig hast du etwas zu entgegnen! Du bist nicht in der Lage, dich in die Gruppe einzufügen. Du kannst nicht einmal einen Rat annehmen.“

Ich lese sehr gern und liebe Bücher. Das sieht jeder sofort, der in meine Wohnung kommt. Außer im Bad habe ich in jedem Zimmer Regale bis an die Decke voller Bücher, die ich alle gelesen habe. Nicht alle Bücher waren interessant. Und kaum eine der Geschichten hat mich vom ersten Satz an begeistert. Keiner der Sätze war bedeutsam oder gar spektakulär, nicht einmal verblüffend oder beeindruckend.

Meist erzähle ich einfach los und beginne gern mit einem Dialog. Damit kann man seine Helden wunderbar vorstellen, seinen Charakter und die Situation beschreiben. Das kann ich gut. Trotzdem sieht der Leser meinen Helden oft ganz anders als von mir geschildert. Wesenszüge, die ich mag, kann er vielleicht nicht ertragen. Er leidet oder freut sich an den „falschen“ Stellen. Immerhin ist er allein mit meinem Text, kann nichts hinzufügen und nichts weglassen. Er nimmt alles so hin wie ich es ihm darbiete, denn zwischen dem Verfasser und dem Leser gibt es nichts, keine Störung.

Doch jetzt suche ich nach meinem unvergleichlich eindrucksvollen ersten Satz, mit dem ich meinen Artikel über den Kuchen-Back-Wettbewerb beginne. Ich bin fest entschlossen, bei der Wahrheit zu bleiben, denn es soll keine Werbung für den Bäcker werden, sondern ein Bericht für die lokale Zeitung. Nun weiß ich, dass ich wieder mit einem Dialog beginne:
„Das ist kein Kuchen!“, ruft Bernd empört.

© Petra Weise

Facebook

Homepage

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Petra Weise – Der erste Satz

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Wie fange ich an, wie formuliere ich den ersten Satz? Wer kennt das nicht. Gute Geschichte 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.