Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Expedition eines Tierfreunds

Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Expedition eines Tierfreunds

12.05.2017

Expedition eines Tierfreunds

Ich machte mich noch vor Tau und Tag auf den 40 km-Marsch, um einige besondere Spezies zu finden. In einem Feuchtbiotop sollten sich merkwürdige Wesen herumtreiben, die ich beobachten wollte.
Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Eingehüllt in Tarnkleidung aus nicht-atmungsaktivem und nicht-schweißabsorbierendem weißen Material, rutschfestem Schuhwerk (Fake! Ich landete bereits im ersten Tümpel), und einer äußerst kleidsamen Kopfbedeckung, drang ich in das Biotop ein. Ich konnte mein Glück(?) kaum fassen, als ich bereits auf den ersten Metern auf felis materia dulcificans (die gemeine Süßstoffmietze / Diätassistentin) stieß.
Ich ging hinter einem furnus argenteus (silberner Backofen) in Deckung und beobachtete die Kreatur. Weißes Fell, ein langer, schlanker Körper, um die Augen eine brillenähnliche Färbung, sucht sie zielstrebig einen geschützten Rückzugsort auf, den sie nur widerstrebend verlässt. Stattdessen sitzt sie stundenlang reglos da und beobachtet das Treiben im Biotop. Süßstoffmietzen treten im Rudel auf und zeichnen sich nicht durch Reinlichkeit aus. Sie lieben es, im Dreck zu wühlen und bedienen sich zur Reinigung der Hilfe der fleißigen culina subsidiaria (Küchenhilfe). Aufgrund der bevorzugten Nahrung der felis materia dulcificans (Süßstoffmietze) – eben besagter materia dulcificans (Süßstoff), fällt die gemeine Süßstoffmietze durch einen gewissen … hm … Mangel an Intelligenz aus. Bestandteile der materia dulcificans (Süßstoff) beeinflussen ein normales Wachstum der Hirnzellen. Untersuchungen dazu stehen allerdings noch aus. Trägheit ist bei felis materia dulcificans (Süßstoffmietze) ebenso signifikant wie eine leise Stimme. Ihr jammernder Ruf (vigintigrammobutyrum / 20gr Butter) hat kaum Aussichten, die vorherrschenden Geräusche im Biotop zu übertönen.

Mein Fazit: Die Nützlichkeit dieser Gattung ist strittig.

Im Gegensatz zur fast lautlosen felis materia dulcificans (Süßstoffmietze) fällt ein anderer Bewohner des Feuchtgebietes durch sein donnerndes Brüllen auf. blatta orientalis (gemeine Küchenschabe / Koch) ist schwarz-weiß gefärbt, trägt einen hohen Kamm auf dem Kopf, der, je nach Stimmung, seitlich herabhängen kann. Sein Brunstschrei erinnert an ein ohrenbetäubendes, keckerndes Lachen. Will er einen Rivalen besänftigen, erklingt ein dröhnendes ’nullusquaestio‘ (‚Kein Problem‘). blatta orientalis (gemeine Küchenschabe) bewegt sich unkoordiniert und schwankend mit jähen Richtungswechseln und läuft regelmäßig gegen jedes Hindernis. Ihre – sehr entfernte – Verwandte, ist blatella germanica (deutsche Küchenschabe / Koch). Dort wo blatta orientalis (gemeine Küchenschabe) laut, schmutzig und behäbig ist, ist blatella germanica (deutsche Küchenschabe) leise, penibel und fleißig.
Ich näherte mich dem Nistplatz der beiden Arten und startete ein Experiment. blatella germanica (deutsche Küchenschabe) reinigte ihr Nest, verstaute Nahrungsvorräte und versorgte die Brut doppelt so schnell wie blatta orientalis (gemeine Küchenschabe).

Mein Fazit: Die Nützlichkeit dieser Gattung ist ähnlich strittig wie die der felis materia dulcificans (Süßstoffmietze).

Ich verlegte meinen Beobachtungsposten und suchte die fleißige culina subsidiaria (Küchenhilfe). Gab es bei dieser Gattung ähnliche Unterschiede, wie zwischen blatta und blatella? Ich war überrascht, als mein Verdacht sich bestätigte. Neben der culina subsidiaria (Küchenhilfe) gibt es die culina subsidiaria fabulante (quatschende Küchenhilfe). Auch sie ist fleißig und reinlich, zeichnet sich aber durch ein ständig zwitscherndes Rufen aus, das sich mit dem Brüllen der blatta oriantalis (gemeine Küchenschabe) mischt und eine Geräuschkulisse entstehen lässt, die den schwerhörigsten Greis verschreckt.
Ich zog meine Kopfbedeckung über die Ohren und überlegte, meine Expedition abzubrechen – ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas gab, das diesen Lärmpegel noch steigern konnte.
Ich wurde kurz darauf eines Besseren belehrt, als eine Horde elutoria hara (Spülhilfe) in das Biotop einfiel. Das weithin hallende, hohe ‚dlidldlidldi‘ der Weibchen mischte sich mit dem dunklen ‚woschowoscho‘ der Männchen, begleitet vom Klirren und Scheppern der gepanzerten Schleppen, die sie hinter sich herzogen.
Zusammen mit dem Keckern der blattae (Küchenschaben) und dem Zwitschern der culinae (Küchenhilfen) entstand eine Kakophonie des Grauens, die mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs trieb. Ich suchte das Weite.

Mein Fazit: Sollte ich jemals wieder dem Wahnsinn anheimfallen, zu nachtschlafender Zeit mein Bett zu verlassen, um neue Spezies zu suchen, dann nur, wenn ich mehr als stocktaub bin. Vorher werde ich mich bis obenhin mit Tranquilizern zuschütten.

Anmerkung der Autorin zur blatella germanica: ‚germanica‘ ist in keiner Weise diskriminierend, rassistisch oder wertend gemeint.

(c) Silvia Nagels

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