Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Ist das Kunst oder kann das weg?

Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Ist das Kunst oder kann das weg?

14.05.2017

Ist das Kunst – oder kann das weg?

„Mach doch einfach einen Zettel an die Tür: Vorsicht! Ab hier Kunst!“
Der Tipp von ihrer Freundin entlockt Petra nur ein müdes Lachen. Seufzend steht sie im Zimmer ihrer Teenie-Tochter und zeigt der abgeklärten Freundin das Tohuwabohu, das hier herrscht.
Sabine stakst völlig entspannt und vorurteilsfrei über Berge von Dreckwäsche und Krimskrams, hin zum Regal, in dem neben Kinderbüchern auch ein alter Pizzakarton liegt. Neugierig öffnet sie den und grinst beim Anblick des an den Rändern hochgewellten Pizzarestes. „Siehste? Kunst!“
„Ih! Sabine, also wirklich! Ich brauche Hilfe und keinen Blödsinn!“ Petra ist mit den Nerven zu Fuß. Es war ihr nicht leicht gefallen, ihrer Freundin dieses unordentliche Mädchen-Zimmer zu zeigen, aber sie wusste nicht mehr weiter und erhoffte sich von der patenten Bine Hilfe.
„Ach, Pedi. Denk mal daran, wie dein Zimmer früher ausgesehen hat.“
„Erinnere mich nicht daran“, mault die geplagte Mutter leise, dann schießt ihr Zeigefinger hoch und fuchtelt vor Bines Gesicht. „Wehe du sagst das meiner Tochter! Wehe!“
„Na, von irgendjemandem muss sie es ja haben… diese künstlerische Ader.“ Ein Lachanfall zwingt Bine auf das unordentliche Jugendbett.
Schwer seufzend lässt sich Pedi neben sie plumpsen. „Ich weiß nicht, wie ich das Mädchen zum Aufräumen bewegen kann. Ihr ist das alles egal. Sie sagt, sie fühlt sich hier wohl.“
Sabine legt einen Arm um Pedis Schultern. „Ich denke, du hast zwei Alternativen: Entweder du räumst hier auf, oder du machst wirklich eine Kunstausstellung aus diesem Zimmer. Pro Besucher fünf Euro Eintritt. Bis deine Tochter ausgezogen ist, hast du so viel Geld verdient, dass du dir ein professionelles Entrümpelungs- und Reinigungsteam leisten kannst. Inklusive Kammerjäger.“
„Oh man, Bine. Ich brauche tatkräftige Unterstützung“, jammert Pedi verzweifelt, während ihre Freundin zum Schreibtisch langt und nach einem Block und Filzstiften angelt.
„Sei doch nicht so fantasielos!“ In dicken bunten Buchstaben schreibt Bine auf ein Blatt: Galerie Teenager. Mo-Ku-Vernissage. Geöffnet von Montag bis Samstag nachmittags.
„Was ist Mo-Ku?“, fragt Pedi.
„Abkürzung für Moderne Kunst“, nuschelt Sabine mit der Stiftkappe zwischen den Zähnen. Die geplagte Mutter lässt ein resigniertes Schnauben hören.
„Du musst das nur gut verkaufen“, sagt die kunstbegeisterte Freundin voller Tatendrang. „Denk doch mal an die ganzen komischen Künstler. Da klatscht einer ein Pfund Butter in die Ecke – und Zack! Kunst. Oder beschmiert eine Badewanne – Puff! Kunst! Und heult sich dann die Augen dick, weil die Putze alles wieder sauber gemacht hat. Wenn es danach ginge, dürftest du hier gar nichts anfassen.“ Innehaltend und theatralisch seufzend wedelt sie mit dem Stift herum. „Du musst dieses Zimmer durch die Augen eines Künstlers sehen. Nimm nur mal zum Beispiel den Pizzakarton. Ein viel zu fettes, kalorienreiches Fast-Food-Lebensmittel als Sinnbild der verrohten Jugend. Trotz bester Versorgung bevorzugen sie so einen Nahrungs-Mist, haben es nicht nötig aufzuessen und lassen die Reste ungenutzt in einem schlichten Karton vergehen, dem man den verrottenden Inhalt nicht ansieht. Und das alles als Gegenstück zu den Kinderbüchern, die im Regal weg rücken müssen, um für die gammelige Pizza Platz zu machen. Also das Verdrängen der gutbürgerlichen, geschützten heilen Kinderwelt durch ein massives Junkfood, das vergeht, während die Bücher doch unbeschadet überdauern.“
Pedi starrt sprachlos ins Regal, während ihre Freundin mit weit ausholenden Gesten weiter referiert.
„Und hier drüben, in einer Linie zum Regal, sehen Sie den Wäscheberg, als Sinnbild der Wertlosigkeit. Ist die Wäsche dreckig? Oder kann man sie nochmal anziehen? Wer bestimmt, was wir als Dreck empfinden? Wieso sind die Hinterlassenschaften unseres Körpers, wie Schweiß und Hautschuppen, Dreck? Stehen diese beiden Kunstwerke Pizzakarton-in-Regal und Wäscheberg-auf-Boden somit nicht eher in einer Art Symbiose zueinander? Das Vergängliche neben dem immer bleibenden Kindlichen und der Dreck, der keiner ist? Das sind Fragen, die die Welt bewegen!“
Völlig baff stammelt Petra: „Ähh…Dass du schlau reden kannst, wusste ich ja, aber so etwas ….“
Grinsend steht Bine auf, zieht ihre Freundin mit hoch und schnappt sich eine Rolle Klebeband. „Du musst das deiner Tochter natürlich richtig vermitteln. Sonst wird das nichts mit dem Aufräumen.“ Damit klebt sie den Zettel von außen an die Kinderzimmertür und verlangt nach einem Kaffee und ein paar Keksen.

Genau eine Woche später erhält Bine eine SMS von Pedi: Galerie geschlossen, Vernissage beendet, Zimmer aufgeräumt und sauber.
Danke an die Kunst!

(c) Ellen Wolff

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Ist das Kunst oder kann das weg?

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Das arme Kind so auszutricksen. Die sollen sich schämen 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.