Geschichte des Tages: Gabi Büttner – Trauma

Geschichte des Tages: Gabi Büttner – Trauma

15.05.2017

Eine Szene aus einer fiktiven Geschichte und doch kann sie täglich überall auf der Welt passieren …

Trauma

Es war ein schöner Tag, warm und sonnig. Chris freute sich darüber, heute nicht mit hinaus auf die Felder zu müssen. Es kam selten vor, dass der Vierjährige die Gelegenheit hatte, unbesorgt in der Sonne zu sitzen um zu spielen. Umso mehr genoss er diese kostbaren Augenblicke.
Das dumpfe Grollen, das am Horizont erklang, störte sein konzentriertes Spiel kaum. Erst als er Schreie hörte, die aus Richtung der Felder kamen, sah er auf.
Er konnte nicht erkennen, woher die Laute stammten. Aber sie machten ihm Angst. Langsam stand er auf und wich zurück, bis er an die Hüttenwand stieß. Die Schreie hielten an, wurden lauter, als käme das, was auch immer sie verursachte, direkt auf ihn zu.
Wäre er doch nur nicht zuhause geblieben, sondern in der Früh mit seinen Eltern gegangen. Dann würde er sich jetzt nicht so fühlen, als müsse er sich gleich übergeben. In seinem Bauch war ein ganz merkwürdiges Gefühl. Sein Herz klopfte so schnell und hart, dass er es bis zum Hals hinauf spüren konnte. Sein Bruder Larn würde ihn für einen Feigling halten, aber vielleicht war er das ja auch, denn er drehte sich um und rannte in die Hütte. Lief durch den Wohnraum und die angrenzende Küche bis in den kleinen Vorratsraum, in dem er sich in eine Ecke kauerte. Den Rücken gegen die Wand gedrückt, die Knie angezogen, saß er da und presste die Augen fest zusammen. Vielleicht würde ihn das Böse, das dort draußen war und Menschen zum Schreien brachte, hier nicht finden. Vielleicht sah es ihn nicht, wenn er es selbst nicht anschaute. Aber es half nicht. Es knallte einmal laut, dann waren die Schreie so nahe, dass er sie deutlich hörte, obwohl er sich jetzt die Hände auf die Ohren presste. Er fing an zu weinen, weil es so klang, als wäre es seine Mutter, die da schrie.
Manchmal half es ihm zu singen, wenn er Angst hatte, aber er konnte nicht, weil sein Hals so eng war. Also begann er sich vor und zurück zu schaukeln, wie er es getan hatte, als er noch ganz klein war und die Dunkelheit so furchteinflößend.
Als die Tür seines Versteckes aufgestoßen wurde, entfuhr ihm ein Laut, wie ihn die jungen Hunde des Nachbarn immer machten, wenn die große Hündin sie allein ließ. Er schämte sich entsetzlich deswegen. War überzeugt, das Böse hatte ihn nun gefunden, weil er ein solches Geräusch gemacht hatte.
Erschrocken riss er die Augen auf. Erleichterung flutete über ihn hinweg, als er seinen Bruder erkannte.
Er hielt Larn das kleine, rote Auto entgegen, das er so liebte.
»Ich wollte es retten«, versuchte er zu erklären.
Larn fuhr zu ihm herum. Herrschte ihn an, leise zu sein.
Er klang, als hätte auch er Angst, aber das konnte nicht sein. Larn war zwölf Jahre älter und hatte vor nichts Angst. Er war so stark, dass er Chris mit nur einer Hand in der Luft herum wirbeln konnte, bis ihm schwindelig wurde. Er hatte sich auch nicht gefürchtet, als er den großen Hund des Nachbarn verjagte, der immer so laut kläffte.
Unwillkürlich gehorchte Chris. Seinen Bruder so zu sehen, verstörte ihn zutiefst.
Wie zur Belohnung nahm Larn ihn auf den Arm. So konnte er, durch einen schmalen Spalt in der Holztür, in den Wohnraum spähen. Was Chris dort sah, bewies ihm, dass das Böse vollkommen real war.
Vater lag am Boden. Blut sickerte unter seinem Körper hervor. Dennoch versuchte er, zu Mutter zu gelangen, die von zwei fremden Männern festgehalten wurde und schrie.
Vater hatte die Männer mittlerweile erreicht. Mit verzweifelter Anstrengung zerrte er an dem Bein des einen. Der schüttelte ihn ab, wie ein lästiges Insekt. Dann ging er einen Schritt zurück, trat Vater ins Gesicht, beugte sich über ihn und nahm dessen Kopf in beide Hände. Die ruckartig ausgeführte harte Drehung des Schädels dauerte nur eine Sekunde. Der Anblick der gebrochenen Augen seines Vaters, die ihn direkt anzusehen schienen, prägte sich unauslöschlich in Chris‘ Gedächtnis ein.
Larn gab einen entsetzten Laut von sich und trat weg von der Tür. An den mühsamen, immer wieder unterbrochenen Atemzügen seines Bruders erkannte Chris, dass Larn nun auch weinte. Aber Chris weinte nicht. Etwas in ihm starb, während noch immer die Schreie seiner Mutter in seinen Ohren gellten.
Noch Jahre später starrten ihn die toten Augen seines Vaters vorwurfsvoll im Traum an, während ihm die Stimme seiner Mutter sagte, dass sie beide noch am Leben wären, hätte er sich nicht in dieser Kammer versteckt.

Es gelang Larn, seinen Bruder aus dem zerstörten Dorf zu bringen, ohne den Kriegern in die Hände zu fallen.
All die Versteckspiele der letzten Jahre halfen ihm dabei. Er kannte jeden Winkel des Dorfes, jeden Unterschlupf, der groß genug war, sie zu verbergen, und er nutzte sie alle.
Er brachte Chris bei einer befreundeten Familie unter. Dann verschwand er.
Zurück ließ er einen vierjährigen Jungen, der niemals lachte, nicht sprach und vor der Nähe anderer Menschen zurückschreckte.

(c) Gabi Büttner

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