Geschichte des Tages: Hans Walter Grössinger – Auf gute Nachbarschaft

Geschichte des Tages: Hans Walter Grössinger – Auf gute Nachbarschaft

21.05.2017

Auf gute Nachbarschaft

Die meisten Menschen bekommen schon sehr früh Nachbarn. Im Kindergarten und in der Schulklasse zum Beispiel. Später dann auf dem Arbeitsplatz, nun Kollegen genannt, und im Wirtshaus, so man die Geselligkeit mag, die Tischnachbarn. Wem der liebe Gott ein Häuschen samt Heimgarten beschert, dem gibt er dazu ebenfalls meistens Nachbarn.
Die ganz spezielle und eigentliche Nachbarschaft entwickelt sich aber nur in den genossenschaftlichen Siedlungswohnbauten. Dort kommen sich die Leute schon wegen der auf Sparsamkeit beruhenden Bauweise bis auf 50 Zentimeter und weniger nahe. Eine richtige Wohnungsnachbarschaft entwickelt sich nur waagrecht, nicht senkrecht. Der Mieter einen Stock tiefer oder höher wird nicht wirklich als Nachbar bezeichnet, sondern als „der Drunter“ oder „der Drüber“. Und wenn deshalb die aufgehängten Unterhosen vom Dritten-Stock-Balkon auf den zum Auskühlen hingestellten Erdäpfelsalat tropfen, so kann das zwar zu einer Gerichtsverhandlung führen, aber keineswegs zum Bruch einer Nachbarschaft, weil ja keine vorhanden ist.
Die Nachbarschaft wird in diesen Häusern pro Stockwerk aus dem Gleichklang des Tagesablaufes geboren. „Geh, Frau Ratschberger, möchten S’ ma net a Salatöl leihen?“
Die Frau Müller lispelt’s leise im Grätschschritt, das Startbein mit dem Kamelhaarhausschuh im eigenen Türspalt. Und die Ratschberger tut’s nicht ungern, weiß sie doch, dass die Müller nie mit ihren Haushaltsgeld auskommt. Außerdem holt deren zehnjähriger Sprössling einmal in der Woche das „Bunte Blatt“ für die Ratschberger von der Trafik, damit sie über die tatsächlichen und erfundenen Vorfälle in den Königshäusern und Prominentenvillen Bescheid weiß.
Kritischer wird die Situation, wenn der Postler für die Müller ein Packerl mit Nachnahme bei der Ratschberger abgeben will. Da kann es schon sein, dass der gute Mann unverrichteter Dinge den Rückzug antreten muss. Eine Nachbarschaft hält ja allerhand Belastungen aus, vorausgesetzt, dass es nicht um Geld geht. Oder dass der Nachbar links dem Nachbar rechts, wenn er gerade beim Frühstück sitzt, nicht direkt mit einem Bilderhaken den Hinterkopf annagelt. Nur eins wird den Nachbarn übelgenommen und nachgetragen. Wenn sie von selber ausziehen. Denn die innige Gemeinschaft eines Siedlungshausstockwerks zerreißt man nicht so einfach kalt und herzlos. Da gibt es überhaupt nur einen mittelmäßigen Grund, der eine solche Fahnenflucht entschuldigt. Wenn man nämlich aus dem Haus herausstirbt.

(c) H. W. Grössinger

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2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Hans Walter Grössinger – Auf gute Nachbarschaft

  1. AutorenimNetzwerk sagt:

    Ich mag deine Geschichten unheimlich, lieber HWG. Dieser leicht sarkastische Schreibstil mit dem Österreicher Schmäh ist einfach toll. „Geh, Frau Ratschberger, möchten S’ ma net a Salatöl leihen?“ – ich mags einfach. Tolle Geschichte. danke 🙂

  2. Petra Weise sagt:

    Ja ja, die lieben Nachbarn … Dank Deiner besonderen Schreibart kann ich mir diese sparsamen, aufeinander hockenden Leute wunderbar vorstellen.

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