Geschichte des Tages: A.B.Schuetze – Lesen im kleinen Kreis

Geschichte des Tages: A.B.Schuetze – Lesen im kleinen Kreis

30.05.2017

Lesen im kleinen Kreis
(oder das Lampenfieber hat mich voll im Griff)

Heute.
Heute ist der Tag. Der Tag, dem ich so lange als nur möglich aus dem Weg gegangen bin. Ich habe die Termine abgelehnt. Abgesagt. Vor mir hergeschoben. Immer in der Hoffnung, die überlegen sich das vielleicht noch und entlassen mich aus der Pflicht. Aber denkste.
Und nun?
Nun ist es bald so weit. In wenigen Minuten. Die Zeiger der Uhr rücken unaufhaltsam vorwärts.
Seit Stunden sitze ich auf dem Platz, der in den letzten Tagen zu meinem Stammplatz geworden ist. Auf dem Klo.
Ich schaukel vor und zurück. Meine Hände krallen sich kalt und verkrampft an der Toilettenbrille fest.
Wenn jetzt einer klopft und fragt, ob es mir gut geht, dann raste ich aus. Ich kenne das. Es ist immer so.
Mein ganzer Körper ist in Aufruhr. Er kämpft mit allen Mitteln gegen solche Situationen. Situationen, in die mich mein Hirn, mein Verstand gebracht haben. An letzterem möchte ich schon fast zweifeln. Denn hätte sich mein Verstand eingeschaltet, wüsste er, was mein Körper will und hätte eine andere Lösung gefunden. Ja, ja. Ich weiß. Es ist nicht immer zu verhindern.
Wie zum Beispiel ein Besuch beim Zahnarzt. Oder Frauenarzt. Die verursachen nämlich die gleichen Symptome. Nicht nur, dass ich im Mittelpunkt stehe. Okay. In diesen Fällen liege. Und das ist schon unangenehm. Aber nein. Sie starren mich an. In mich hinein. Wenden das Innere nach außen. Dann … dann kommt die Diagnose. Das Urteil. Ich höre die Uhr ticken. Und? Und? Nun sagt doch schon. Ich verdrehe die Augen. Mein Magen rebelliert. Ich knete das Taschentuch in meinen Händen. Ja, genau so ist es.
Ist es nicht?
Dann ist es aber wie beim Halten eines Referates. Beim Rezitieren es Gedichts. Reden vor versammelter Mannschaft. Da hilft es mir auch nicht weiter, dass ich alle Anwesenden kenne. Das macht es wahrscheinlich nur noch schlimmer. Sie starren mich an, um nicht das geringste zu verpassen. Warten auf einen Fehler von mir. Sehen meine Knie zittern. Oder das Blatt Papier in meinen Händen. Sie sehen meine roten Flecken, die langsam den Hals und das Dekolleté erobern. Entgegen zu meiner blassen Nasenspitze und den Schweißperlen auf der Stirn. Die scheinen meine Spucke zu sein, denn mein Mund ist ganz trocken. So trocken, dass kaum das erste Wort über meine Lippen kommt. Es bleibt einfach stecken und ich muss mich räuspern. Wie peinlich. Das gibt dann wieder Gesprächsstoff für die nächsten Wochen. Natürlich hinter meinem Rücken. Habt ihr schon gehört? …

Es ist so weit.
Jetzt muss ich … gehen natürlich. Noch einen Blick in den Spiegel. Noch einmal drüber pudern. Haare? Sitzen. Alles perfekt? Geht so. Oder besser geht es nicht.
Tief durchatmen. Du packst das schon. Immer dran denken, in einer Stunde hast du es überstanden. Oder auch nicht.
Ich schleiche zu meinem Wohnzimmer.
Komm schon. Schulter zurück. Brust raus. Bauch rein. Du kannst das. Hoffe ich.
Ich greife nach der Klinke. Jetzt sind meine Hände nicht nur kalt und verkrampft sondern auch feucht. Nur niemanden mit Händedruck begrüßen. Ich werde einfach ‚Hallo‘ sagen und ‚Schön, dass ihr alle da seid‘. Dann setze ich mich an mein ‚Lesepult‘ und setzte meine Lesebrille auf. Das sieht dann schon sehr professionell aus. Genau so mache ich das.
Noch mal tief durchatmen und dann … ab in die Höhle des Löwen.
Ich komme ins Zimmer und meine Familie und Freunde grinsen mich an. Am Lesepult sitzt meine Tochter.
„Wir dachten, ich übernehme die Lesestunde und lese aus deinen Büchern vor. … weil du doch immer so ein Lampenfieber hast.“ Sie zwinkert mir aufmunternd zu.
Na prima. Das hätte mir auch jemand im Vorfeld sagen können. Dann wäre mir die ganze Aufregung der letzten Tage und besonders der letzten Stunden und Minuten erspart geblieben. Ich denke, mir fällt ein Stein von Herzen. Oder nicht?
Ich spüre noch immer Unruhe in mir. Mein Magen verkrampft sich erneut. Schon drängt sich die Frage in den Vordergrund, wie finden sie alle meine Büchern? Meinen Schreibstil. Die Handlung. Die Protagonisten. Hab ich es geschafft, alle von meinem Können zu überzeugen? Wie wird das Urteil ausfallen? Oh mein Gott. Die Zeit zieht sich dahin.
Mit wackligen Beinen setze ich mich zwischen die Zuhörer. Schaue lächelnd in die Runde. Nicke dem einen oder anderen freundlich zu. Mein Gesicht zu einer Maske verkrampft. Ich kann mich nicht auf das Vorlesen konzentrieren. Meine Gedanken wuseln wie wild durch meinen Kopf.
Bleib ruhig.
Alles wird gut.
Ich knete mein Taschentuch in den Händen.

© A.B.Schuetze 05/201

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: A.B.Schuetze – Lesen im kleinen Kreis

  1. Petra Weise sagt:

    Das Lampenfieber ist wunderbar deutlich und bildhaft beschrieben – das Text gefällt mir entsprechend gut, natürlich nicht die Qual des Lampenfiebers. Jedenfalls danke ich für die (für mich) lustige Unterhaltung und bin froh, dass ich mich auf meine Lesungen immer richtig freue.

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