Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Gedanken

Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Gedanken

07.06.2017

Gedanken

Die Sonne stand hoch, als er den menschenleeren Strand entlang schlenderte. Die Wellen umspülten seine nackten Füße, die Schuhe trug er in der Hand. Seine Gedanken waren weit entfernt von hier, beschäftigt mit den Träumen, die ihn als Kind und Teenager bewegt hatten. Ehrlich gestand er sich ein, dass er nicht viele verwirklicht hatte.

Immer wieder brachten Alltag und Beziehungen in von seinen Plänen ab und führten ihn hierher, an genau diese Stelle seines Lebens.

Heute, viele Jahre weit entfernt von den sorgenfreien Kinder- und Jugendtagen, zog er für sich ein Resümee. Warum ihn gerade heute dieses Thema beschäftigte, konnte er nicht genau sagen. Vielleicht weil er seinen Job verloren hatte. Weil er ein Alter erreicht hatte, in dem es nicht leicht sein würde, einen Neuen zu finden.

Sein Blick glitt über das Meer. Die Ostsee war heute trotz Sonnenschein sehr unruhig. Hohe Wellen rollten von Norden herein und mehr als einmal ging ihm das Wasser bis zu den Knien. Doch er nahm gar nicht wahr, das seine Hosenbeine durchnässt waren.

Im Grunde seines Herzens gestand er sich ein, dass er froh war, diesen Job los zu sein. Ewiger Ärger, null Anerkennung, anstrengende, ermüdende Diskussionen mit ständig wechselnden Chefs. Immer war er der Leitwolf gewesen, seinen Leuten vorangegangen, hatte ihnen vorgelebt, wie der Job zu tun war. War über die Grenzen, an denen viele stehenblieben hinausgegangen und hatte getan, was zu tun war. Teilweise bis zur völligen Erschöpfung, einmal sogar bis zum Umfallen.

Doch jetzt war er müde, war es leid, fühlte sich erschöpft wie noch nie zuvor, konnte einfach keinen Elan mehr aufbringen.

Letztendlich, so überlegte er, was hatte ihm das alles eingebracht? Trennung, Scheidung, Kinder weg, Einsamkeit, aber auch neues Glück.

Die ständige Abwesenheit von zu Hause hatte vieles zerstört. Genau wie die eigene Weiterentwicklung durch die gelösten Aufgaben. Sie hatten ihn verändert, zu einem anderen Menschen werden lassen, aber ihn nicht korrumpiert, machtbesessen oder gierig gemacht. Stets war er gestärkt aus jeder gemeisterten Herausforderung zurückgekehrt.

Aber war das wirklich das, was er vom Leben erwartet hatte? Nein, früher waren andere Dinge wichtig gewesen. Glückliche Zweisamkeit, Träume leben, fremde Länder kennenzulernen. Doch Verantwortung und Pflichtgefühl gegenüber der Familie hatten ihn in einen alles erstickenden Alltagstrott getrieben, den er nie gewollt hatte. Vorgesetzte luden ihm Verantwortung auf, die er stets erfüllte, aber nach der es ihn nie verlangt hatte.

Schlimme Erlebnisse im Verlauf seines Lebens hatten ein weiteres getan, seine Entwicklung von seinen Träumen fortzutreiben. Tod und Kummer luden nun einmal nicht zu freudigen Träumereien ein, führten zur Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens, zur Auseinandersetzung mit Schmerzen und dem eigenen Ich. Ließen einen Fehler erkennen, für die man sich schämte, die man aber nicht mehr rückgängig machen konnte. Versäumnisse mit einem geliebten Menschen, die man nicht mehr nachholen konnte, so sehr man sich das auch wünschte. Weil der Sensenmann einem viel zu früh übel dazwischen funkte.

Leben! Das Leben hatte ihn zu dem gemacht, was er heute war, was ihn ausmachte. So hatte er nie sein wollen, doch im Leben ging es nun einmal nicht nach dem eigenen Willen. Es bedeutete ständige Veränderungen, zum Guten oder zum Schlechten. Umstände, die man nicht beeinflussen konnte, warfen einem jeden Tag Knüppel zwischen die Beine. Eigene oder fremde Entscheidungen lassen uns leiden oder uns freuen. Müßig, sich heute zu fragen, was wäre passiert, wenn ich statt links rechts abgebogen wäre? Der Zeitpunkt zum Abbiegen war verpasst, die Chance vertan, unwiederbringlich, endgültig Geschichte.

Endlich schüttelte er die trüben Gedanken ab und riss sich zusammen, ließ den Blick über das Wasser gleiten. Da draußen vor ihm lag eine riesige, wunderschöne Welt, die er liebte. Auch war er nicht allein, konnte sich über mangelnden Zuspruch und Trost nicht beklagen.

Wie immer würde er eine Lösung für sein Problem finden, die Zuversicht kehrte langsam zurück. Vielleicht gab es für ihn jetzt nicht mehr den erträumten Job, aber sicherlich würde sich auch für ihn noch eine Beschäftigung finden lassen.

Für die Träume aus vergangenen Tagen ist es nie zu spät, sagte er sich. Niemand konnte in die Zukunft blicken oder erraten, welcher Zeitraum dafür noch blieb. Hoffnung, dass der eine oder andere Traum sich doch noch erfüllte, gab es immer.

Er stand auf, klopfte sich den Sand aus der Hose und setzte seinen Weg langsam fort, wohin auch immer der ihn führen würde …

© 2017 Uwe Tiedje

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