Geschichte des Tages: Marion Bischoff – Mittendrin

Geschichte des Tages: Marion Bischoff – Mittendrin

18.06.2017

Mittendrin

„Nein, nein. Ich will das nicht. Verdammt!“ Jona versucht, sich umzudrehen. Dann wird alles schwarz.
Schweißgebadet wacht er auf, liegt mit weit aufgerissenen Augen im Bett und atmet bewusst langsam. Das Herz pocht ihm bis zum Hals und die Haare kleben an seiner Stirn. Langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit im Schlafzimmer. Der Wecker projiziert die Uhrzeit an die Decke. Es ist 2:09 Uhr.
Er dreht sich ein wenig zur Seite und greift nach dem Taschentuch, das er kaum erreichen kann. „Verdammter Krüppelarm!“
Seit dieser beschissenen Mutprobe vor zwei Jahren ist alles anders. Lustig war es, als sie auf den Lkw’s hin- und hergesprungen waren. Jeden Abend kletterte er im Dunkeln aus dem Fenster. Draußen warteten Lars und Ben bereits. Auch in dieser Nacht standen sie schon an der Straßenecke. Wie jeden Abend war der große Fuhrpark ihr Ziel. Per Räuberleiter überwanden sie den Zaun zu dem großen LKW-Parkplatz und los ging es auf die Fahrzeuge.
„Wir wollten ja nichts Böses“, flüstert er bei der Erinnerung daran.
Zuerst war alles wie immer. Ein paar Sprünge über die Anhänger, dann rein ins Führerhaus und den Motor kurzgeschlossen. Sie hatten schon Übung. Es dauerte nur noch Sekunden, bis jeder in einem LKW losbrettern konnte. Wie immer, jagten sie die Fahrzeuge über den großen Hof.
Plötzlich schrillten Sirenen auf, riesige Scheinwerfer blendeten sie. Vollbremsung. Er sah Ben aus dem blauen herausspringen und hörte ihn brüllen: „Weg hier!“
Lars hastete los und dann löste sich auch seine eigene Starre. Sein LKW stand nahe am Zaun. Er kletterte aufs Dach, zwei Schritte Anlauf mussten reichen. Er sprang, zog die Beine zur Brust, überwand den Zaun, ein stechender Schmerz durchfuhr ihn.
Jona hört sich heute noch schreien. Dann weiß er nichts mehr.
Im Krankenhaus erzählte man ihm später, eine Eisenstange habe ihn regelrecht aufgespießt. Das Rückenmark zerstört. Die Beine wird er nie mehr nutzen können, die Arme nur sehr eingeschränkt.
Im Internet sieht er immer wieder Fotos von seinen alten Freunden bei gemeinsamen Ausflügen, die seit dem Unfall ohne ihn stattfinden. Lars fährt jetzt Auto.
Jona schluckt die aufsteigenden Tränen hinunter. „Es ist, wie es ist. Ich bin ein Krüppel und mit mir kann keiner was anfangen.“

Jona ist schlecht gelaunt. Die durchwachte Nacht steckt ihm noch in den Gliedern. Immer wieder fragt er sich, warum er sich zu dieser Reise hat überreden lassen. Mit Mum in die Berge. So ein Blödsinn. Verbissen sieht er aus dem Fenster. „Oh Mann, kommen wir überhaupt nochmal an? Stundenlang über die Autobahn. Mir reicht es.“
Es geht durch ein Waldgebiet und dann liegt plötzlich dieses Aschau vor ihnen. Sieht aus, wie in den Schnulzenfilmen, die Mum oft guckt, denkt er und gähnt.
Mum ist ganz aufgeregt neben ihm. „Schau mal! Siehst du, dort oben? Dieses Felsmassiv, das ist die Kampenwand.“
„Toll.“ Jona hebt die Augenbrauen. Was interessiert mich denn ein Berg? Da komme ich eh nicht rauf.
Zielstrebig fährt Mum durch den Ort. Das Navi leitet sie. „Wir fahren schnell zur Tourist Information. Ich habe gelesen, dass die einen extra Reiseführer für Rollstuhlfahrer haben.“
„Mit den schönsten Bergwanderungen, was?“ Jona macht gern sarkastische Witze über sich selbst, obwohl er weiß, dass seine Mutter das kaum ertragen kann.
„Ich warte im Auto.“
„Auf keinen Fall! Das ist unsere gemeinsame Zeit und du kommst mit.“ Mum ist so resolut, dass er nicht widerspricht.
Er hat immer ein ungutes Gefühl, wenn er irgendwo hin gerollt wird, wie ein Sonderling. Die Leute schauen ihn so seltsam mitleidig an, dass es ihm fast einen Brechreiz verursacht. Naja, das ist jetzt auch schon egal.
Mum stellt sich auf den Rollstuhlfahrerparkplatz und lässt die Klappe ihres VW-Busses herunter. So kann sie ihn leicht herausschieben.
Jona hält den Atem an, als sie den Pavillon betreten. Er wartet auf die mitleidigen Blicke der Angestellten, doch es passiert nichts. Sie werden freundlich begrüßt. Kein herablassender Blick, keine aufgerissenen Augen. Was ist denn hier los? Er ist irritiert.
Ein junger Mann, kaum älter als er selbst, lehnt sich über die Theke und spricht ihn an: „Grüß Gott. Was kann ich für Sie tun?“
Jona deutet mit seiner gesunden Hand auf seine Mutter. Er kann selbst gerade nicht antworten. Der hat MICH angesprochen? In seinem Kopf rattert es. Zum ersten Mal seit er in diesem Rollstuhl sitzt, wurde er als Ansprechpartner gewählt. Es kribbelt in seiner Magengrube.
Er sieht sich im Raum um. Da hängt ein Foto von einer Gondelbahn. Jona verspürt plötzlich Lust, den Mann hinter der Theke herauszufordern. Mal sehen, ob der freundlich bleibt … Mutter redet immer noch mit dem jungen Mann. Jona räuspert sich, klopft vorsichtig gegen die Thekenwand.
Der Mann schaut ihn an. „Haben Sie doch noch eine Frage?“
Jona grinst. „Ich möchte gern mit dieser Gondel fahren.“ Er deutet auf das Foto, lässt den Mann dabei aber nicht aus den Augen.
Der beugt sich vor, schaut kurz auf das Bild, wendet sich dann wieder ihm zu. „Kein Problem. Das ist die Kampenwandseilbahn. Ein Stück weiter hier auf der Straße.“ Er zeigt nach draußen. „Da finden Sie die Talstation. Die Mitarbeiter helfen Ihnen gern auch beim Ein- und Aussteigen.“
Jona schnappt nach Luft. Er kann es nicht fassen. Eigentlich wollte er nur herausfordern – oder, wie so oft – gezeigt bekommen, wo seine Grenzen sind. Und jetzt das. Doch der Gedanke gefällt ihm. Die Gondel soll sein Ziel werden.
Seine Mutter lächelt. Offenbar freut sie sich an seinem Interesse.
Der junge Mann beugt sich noch einmal etwas weiter über die Theke: „Einen Tipp habe ich noch für Sie. Gehen Sie nur bei richtig gutem Wetter hinauf. Damit Sie den Ausblick ins Kaisergebirge so richtig genießen können.“
Jona nickt ihm zu und Mum bedankt sich für die guten Tipps.
Auf dem Weg zu ihrer Pension sieht Jona ein ungleiches Pärchen. Eine junge Frau auf Krücken und einen Kerl, der langsam neben ihr hergeht. „Es gibt also noch mehr Krüppel hier.“, brummt er und erkennt an Mutters Blick, was sie denkt.

Als sie am nächsten Morgen den Frühstücksraum ihrer Pension erreichen, sind bereits einige Tische besetzt. Eine junge Frau fällt ihm auf. Ihre Augen strahlen und sie hat kleine Lachfältchen in den Wangen.
Mum schmiert ihm sein Brot, doch als sie es in kleine Stücke schneiden will, zieht er ihr den Teller weg. „Lass mal, das geht schon so.“ Er ist sich sicher, dass er es schaffen wird, das Brot mit der halbwegs brauchbaren Hand zum Mund zu führen. Dabei lässt er die junge Frau nicht aus den Augen, die immer wieder freundlich herüberlächelt.
Auf einmal steht sie auf, für einen Moment ist ihr Gesicht schmerzverzerrt. Sie stützt sich auf zwei Krücken und Jona erkennt in ihr die Frau vom Vortag. Die Schritte fallen ihr sichtlich schwer und doch lächelt sie. Auf ihre Krücken gestützt, bleibt sie vor ihm stehen. „Hallo, ich bin Klara.“
„Hallo. Jona.“ Er hustet.
„Hast du Lust heute Abend mit uns zu gehen?“
„Wohin?“ Jona richtet sich in seinem Rollstuhl auf.
„Wir treffen uns seit einigen Tagen mit ein paar Leutchen immer an einer der Bänke, die es hier im Ort überall gibt. Bisschen quatschen, singen und so.“
„Ja, also …“
„Ich weiß nicht. Jona. Du bräuchtest ja jemanden, der dich schiebt.“ Beschützend legt seine Mutter den Arm um seine Schulter.
„Das ist kein Problem. Das übernehme ich gern.“ Einen Tisch weiter springt ein Bartbewachsener auf, den Jona auf etwa fünfundzwanzig schätzt. „Ich bin der geborene Rolli-Schieber.“ Er zwinkert Jona zu. „Ach übrigens, ich heiße Philipp.“
„Also, ich komme mit.“ Jonas Herz macht einen klitzekleinen Luftsprung.

Pünktlich um sieben klopft es an ihre Zimmertür. Mum öffnet. Sie beugt sich noch einmal zu Jona herunter und flüstert ihm ins Ohr: „Wenn irgendwas ist, melde dich. Okay?“
Er nickt und drückt ihre Hand. „Mach dir keine Sorgen, Mum. Genieße mal deine Ruhe heute Abend.“
Philipp schiebt ihn zur Tür hinaus und Jona ahnt, dass seine Mutter ihnen noch hinterherschaut.
Draußen wartet Klara bereits und auch ein paar andere Leute sind noch da. Sie gehen los, biegen unterwegs auf einen Feldweg ab und erreichen bald eine Bank, die irgendwie anders aussieht, als normale Sitzbänke.
„Wir dachten, das ist genau der richtige Platz für uns alle.“ Philipp zeigt auf die Sitzgelegenheit, die links und rechts Sitzfläche bietet und in der Mitte eine Aussparung hat. Sofort fällt Jonas Blick auf die Inschrift an der Lehne. Mitten-Drin steht da. Und daneben ist das Symbol eines Rollstuhls zu sehen. Klara setzt sich und Philipp schiebt Jona mit dem Rollstuhl in die Aussparung. So wirkt die Sitzfläche seines Rollis, als gehöre sie zu der Bank. Seine Wangen glühen vor Freude.
Auf der linken Seite neben ihm lässt Philipp sich nieder und die anderen haben aufpustbare Sitzkissen dabei.
In Windeseile ist ein Kreis gestellt und ein munteres Gespräch im Gange. Jona redet und lacht und schaut immer mal wieder verstohlen zu Klara.
Da klingelt sein Smartphone. Das Konterfei seiner Mutter sieht ihn vom Display an. Jona meldet sich.
„Hallo, mein Junge. Ist alles in Ordnung bei dir?“
„Ja, Mum. Alles bestens.“
„Wo bist du denn?“
„Ich bin MITTENDRIN Mama. Und mir geht es richtig gut.“

(c) 2017 Marion Bischoff

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