Geschichte des Tages: Oliver Jung-Kostick – Der Feind meines Feindes

Geschichte des Tages: Oliver Jung-Kostick – Der Feind meines Feindes

19.06.2017

[Der Feind meines Feindes (zu einem Foto von Martin Danesch)]

»Sind Sie wahnsinnig?!??«, schrie die Frau, »Sie werden nur noch mehr von ihnen anlocken!!!«
Ehe der Glasharmonikant sich versah, zückte sie ein scharfes Messer und stürzte sich auf ihn.
Doch er war nicht unvorbereitet auf die Piazza gekommen, hatte seine Apparatur nicht unbedacht aufgebaut: Ehe sich die Klinge in sein weiches Fleisch bohren konnte, waren die Assassini aus den Schatten herangeglitten und stoppten die Attentäterin.
»Lasst mich los! Schweine!!! Sehr ihr denn nicht, dass er uns alle umbringen wird?!?!«
Doch es half nichts. Sie zogen die Frau unbarmherzig mit sich fort, zurück in die Schatten, aus denen sie aufgetaucht waren. Ertönte da ein unterdrückter Schrei, das dumpfe Geräusch eines fallenden Körpers?

Der Glasharmonikant hatte keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Sein Werk erforderte nun äußerste Konzentration. Eine unbedachte Bewegung seiner Fingerspitzen über den Glasrand, und alles wäre verloren … die falschen Schwingungen würden das Falsche anlocken, und nur noch die anderen Kreaturen, die, die noch größer waren als die ekelhaften Tentakelwesen, konnten die Stadt und ihre Bewohner retten.
Letzte Woche waren die riesigen, an Tintenfische gemahnenden Angreifer unvermittelt aus dem Meer aufgetaucht und fraßen sich seitdem durch die Stadt. Gebäude und Menschen galten ihnen gleich, ihren vielzähnigen Mäulern war alles gleichermaßen verlockendes Fleisch. Er hatte beobachtet, wie sie sich mit Straßenlampen die Überreste von Männern und Frauen aus den Zahnreihen pokelten, ein Anblick, der so grausam wie grotesk komisch war, dass er gar nicht mehr anders konnte, als irre zu lachen, bevor er zu weinen begann.
In der ersten Nacht träumte er von Arkham, seiner alten Universität, den düsteren Studien, die er nach wenigen Semestern abgebrochen hatte. Aber waren nicht eben diese jetzt der Schlüssel zur Rettung der Menschheit?
Fieberhaft durchwühlte er die Bibliothek seines Studierzimmers, bis ihm klar wurde, dass er Zuflucht bei Ctulhu, bei Yog-Sottoth suchen musste: Feuer mit Feuer, Schwärze mit Schwärze, Grauen mit noch größerem Grauen bekämpfen …
Eine kleine Broschüre des obskuren Gelehrten Martin Hesselius, die aus einem viel umfangreicheren Standardwerk fiel, wies ihm den Weg: Nur mit den richtigen Harmonien konnte er die Fressfeinde seiner Feinde anlocken – und sie würden sich nur für die Tentakelwesen interessieren, nicht für die Stadt und ihre Menschen.

Aber diese Aufgabe war schwierig – und duldete keinen Aufschub, erforderte nicht weniger als Perfektion.
Sein letztes Geld investierte er in Schutz durch die Assassinen, und es rührte ihn, dass diese hart gesottenen Mörder und Mörderinnen an den Erfolg seines Plans glaubten (denn wie sonst hätten sie sich durch Geld noch zu irgendeiner Aktion bestimmen lassen?).

Das Glas schien jetzt zu leuchten. Der letzte, lang gezogene Ton, den er spielte, öffnete das Portal zwischen seiner Welt und den unnennbaren Dimensionen, wo nur die Großen Alten lebten. Das Licht war so blendend, dass er durch die geschlossenen Augen fühlte, wie seine Sehnerven ausbrannten, aber er spielte weiter, unverdrossen weiter, die Töne paralysierten ihn, drängten den Schmerz an den Rand – und wozu bräuchte er noch Augen, wenn niemand die Invasoren stoppte?

Über die Piazza senkten sich grausame Schatten, und die Jagd auf die Feinde der Menschheit begann …

(c) 2017 Oliver Jung-Kostick

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