Geschichte des Tages: Andrea Riemer – ZUM ANDERSSEIN – EIN PLÄDOYER FÜR DAS LEBEN DER EINZIGARTIGKEIT

Geschichte des Tages: Andrea Riemer – ZUM ANDERSSEIN – EIN PLÄDOYER FÜR DAS LEBEN DER EINZIGARTIGKEIT

21.06.2017

ZUM ANDERSSEIN – EIN PLÄDOYER FÜR DAS LEBEN DER EINZIGARTIGKEIT

Das Anderssein ist ein Thema, das mich mein gesamtes Leben begleitet – vielleicht auch, weil ich mich immer anders als die Masse wahrgenommen und empfunden habe. Dieses Gefühl der Nichtzugehörigkeit, des Ausgegrenztseins und der Fremdheit war mir viele Jahre eine große Belastung. Dafür gibt es viele Gründe, die oft im nicht mit dem Verstand Erklärbaren zu finden sind und sich in meinen Empfindungen und Wahrnehmungen widerspiegeln.

Es ist daher oft nur mit dem Herzen ausdeutbar Empfundenes, Gefühltes, das mir das Anderssein so vertraut macht – und damit die sogenannte Normalität ist.
Zur Klärung: Einzigartigkeit ist nichts Besonders. Jede/r ist in ihrer bzw. seiner Weise einzigartig. Jedoch erkennen dies die wenigsten – und noch weniger haben den Mut und das Vertrauen, diese Erkenntnis zu leben. Vielmehr passen sich Menschen an, um dazu zu gehören. Dies ist jedoch das Wesen des kleinen Kindes, das die Zugehörigkeit für das eigene Überleben braucht. Der Erwachsene braucht dies nicht – nur wissen auch das die wenigsten.

Die Einzigartigkeit bezieht sich auf meine Gedanken, meine Sichtweisen, meine innere Haltung, meine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und auszudeuten, die vielen verhüllt bleiben. Für mich sind diese Zusammenhänge sehr früh in einem Prozess erkennbar und die Ergebnisse zeigen sich unverhüllt. Daraus ziehe ich meine Schlüsse und forme meine Gedanken und meine Meinung.

Ich habe mich nie an der herrschenden Meinung gerieben. Sie hat mich nie interessiert, denn dies erschien mir als unsinniger Wettbewerb. Mich haben Fragen immer mehr interessiert als Antworten, denn diese kann man sich der Norm entsprechend zurechtbiegen.

Und ich konnte und kann durchaus unbequeme Fragen stellen … Dort wo keiner hinblickt, dort blicke ich leidenschaftlich gerne hin und genau dort gehe ich hinein –
natürlich oft, ja meistens alleine. Es geht mir dabei nie um das Kontra-Programm und nie um die Provokation. Vielmehr war und ist es eine unbändige Neugierde, die mich vorantreibt.

Normen, Regeln, Strukturen
Normen, Regeln und Strukturen ermöglichen ein gedeihliches Zusammenleben. Dabei wird oft vergessen, dass alle drei grundsätzlich neutral sind. Es ist immer eine Frage, was man aus Normen, Regeln und Strukturen macht, inwieweit und mit welcher Qualität man sie mit Leben erfüllt und sie anderen oktroyiert. Dann entsteht ein Zwang, der meistens fern jeglicher Harmonie ist und dem Einzelnen die Luft zum Atmen nimmt.

Ich sperre mich also nicht grundsätzlich gegen Normen, Regeln und Strukturen. Nein, denn alle drei haben auch mich viele Jahre immer wieder stückweise geleitet – und gleichzeitig haben sie mich fast innerlich zerrissen, vor allem wenn man versuchte, sie mir aufzuzwingen und mich in sie hinzupressen.

Das Entsprechen der Norm hat mir den anderen Pol, meinen Pol gezeigt. Es war ein Weg voll von Sehnsucht, der mich in das Unnennbare, das Ungreifbare zog. Es war der Wunsch, alles anders zu machen, ohne zu wissen, was dieses Andere, dieses Einzigartige ist.

Nein, dies war nicht der übliche jugendliche Wunsch, sich aus dem Vergangenheitsgeflecht zu lösen. Dies war ein tief in mir angelegter, wenn man so will, innerer Auftrag, nichts mehr zu wiederholen und mich auf meinen Weg zu machen, der so anders war als alles was bislang bekannt war und in dem ich meine Einzigartigkeit verkörperte.

Ich stellte alles und jedes in Frage und blicke sehr gerne hinter den Vorhang, den Schleier des angeblich Faktischen. Denn – was ist die Norm? Gibt es sie überhaupt? Äußere Fakten spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle, denn was ist schon „die“ Norm, die scheinbar allein selig Machende? Wer legt sie fest? Wer achtet ihre Einhaltung?
Oft sind es tradierte Verhaltensweisen, die einen Anpassungszwang auslösen. Oft ist es dieser dem Menschen so innewohnende Zwang, dazugehören zu wollen, anerkannt und geliebt werden zu wollen – dafür nimmt man einiges in Kauf. Es sind sog. Generationenfixierungen und kollektive Muster, Regeln und Strukturen, die der Masse ungefragt übergestülpt werden und so Haltungen formieren – ungefragt, unkritisch … weil es immer so war.

Ich gebe zu, es verlangt viel, nicht mit dem Strom zu schwimmen … und ich gebe zu, dass Menschen, die anders als die Norm sind (gleich in welcher Ausprägung), für das Kollektiv schwierig in der Handhabung sind, weil sie oft nicht integrierbar sind. Sie brauchen eine andere Behandlung als die Norm dies vorsieht. Und dann wird es für alle Beteiligten ungemütlich, weil anstrengend. Dann beginnen eine manches Mal subtile, öfter jedoch eine manifeste Ausgrenzung, eine Zurücklassung hinter dem Zug der Lemminge.

Am Weg zum Leben der Einzigartigkeit
Ich habe mich lange mit dem Thema des Andersseins und der Einzigartigkeit im Lebensalltag auseinander gesetzt, weil es mir in mir und aus mir auf Schritt und Tritt begegnete. Es hat mich verstört, solange ich die Norm als Maßstab meines Seins nahm. Daraus konnte nur Ablehnung entspringen – auf allen Ebenen meines Seins.

So lange ich die Einzigartigkeit und mein Anderssein ablehnte, lehnte ich mich selbst ab. So lange ich darüber hinweg blickte, war ich unendlich weit weg von mir. So lange ich mich anpasste, hatte ich Schmerzen aller Art, war krank an Körper und Seele – der Geist hat sich immer gewehrt, bewusst und unbewusst. So lange ich mein Anderssein verleugnete, verleugnete ich jegliches Strahlen in mir – meine Seele und alles, was mich ausmacht, inbegriffen.

In dem Moment – und es war ein langer Moment – in dem ich begriff, dass es ein Anderssein nicht gab, sondern nur die Einzigartigkeit, jenseits jeglicher Norm, die menschengeschaffen ist, oft unbewusst ist und eine kollektive Hypnose -„nur-so-und-nicht-anders-kann-es-gehen“ auslöst. Einzigartigkeit ist immer mit dem eigenen Wesenskern verbunden. Diesen zu ent-decken, ist ein langer Prozess, oft schmerzhaft, oft voll von Dunkel und tiefster Nacht ohne Begleitung, oft von Rückschritten und Seitenschritten gekennzeichnet, oft von Ausgrenzung und Verleugnung begleitet.

Hinzu kommen Umwege, Intrigen und Neid aller Art, denn das Andere ist oft unbequem und stellt das Kollektiv in Frage. Es erschüttert das Selbstverständnis und das Bisherige in seinen Grundfesten. Es zwingt aus der Komfortzone hinaus und geht auf den Bruch mit dem bisher so Kommod-Bequemen zu und gibt dabei nicht auf. …
Und was geschieht dann? – … Es tritt Widerstand gegen das Andere und das Einzigartige ein. Es ist erstaunlich, wie rasch und kreativ Widerstand dann möglich ist, wenn sich das Kollektiv bedroht fühlt, in seiner angestammten Bequemlichkeit, seiner überheblichen Deutungshoheit, seiner scheinbaren Reinheit. Ich schreibe – fühlt, denn faktisch ist es oft das Gegenteil von Bedrohung.
Und dieses Kollektiv hat kein Interesse am eigenen Erkennen, an der eigenen Standortbestimmung, im Gegenteil. Es fühlt sich aus seiner Bequemlichkeit gerissen, an den Rand der vielzitierten Komfortzone gedrängt, aus dem gemütlichen Federbett des Seins geworfen. Jedes Mittel ist dann recht, um sich des Anderen zu entledigen. Das Vorgehen zur Legitimation dieser Entledigung ist oft sehr fantasievoll.

Gelegentlich gipfelt es in Hass und in der Auslöschung … alles erlebt. … Es bedarf einer anderen Sichtweise, um zu erkennen, was das Andere, das Einzigartige auch sein kann. Ich mag die Anderen, diese Einzigartigen. Sie sind mir nahe – ob scheinbar gesund oder scheinbar krank, ob normal oder behindert. Denn Krankheit ist auch eine Kategorie der Norm, des Kollektivs. Was ist denn Verrücktheit außer eine Ver-Rückung der Wahrnehmung, des Standpunktes? Nur aus dieser Ver-Rückung entsteht echte, wahre Veränderung. Alles andere birgt den Stillstand in sich, und damit den Tod.
Warum fällt es dem Kollektiv so schwer, das Andere in seiner Einzigartigkeit als solches zu erkennen und anzunehmen? Warum wird das Andere derart oft als Bedrohung der Reinheit von Form und Inhalt gesehen? Gibt es eine absolute Schönheit, die das rechtfertigt, ein absolutes Maß aller Dinge, auch wenn es immer wieder verleugnet wird …?!
Ich meine – nur das Unvollkommene, das Andere wird letztlich geliebt. Man sehe sich die geheime, oft versteckte Bewunderung für das Andere und das Einzigartige an. Das Vollkommene braucht die Liebe nicht. Gleichzeitig ist Vollkommenheit immer eine Form von Tod. Es ist auserzählt, ganz und rund. Was will man da noch dranhängen?
Das kann nur künstlich und eine Fortsatz sein, hat jedoch mit dem Eigentlichen nichts mehr zu tun. Es wirkt aufgesetzt und draufgesetzt, wackelt und passt – irgendwie – nicht richtig. Das war immer so – und es ist in dieser ver-rückten Zeit, in der wir leben, ganz besonders so.

Die Norm mag Sicherheit, Berechenbarkeit und Verbindlichkeit geben und viele mögen dies brauchen. Jedoch alleine das Suchen dessen, was ausschließlich im Innen vorhanden ist, bedeutet ein dauerhaftes Suchen und ein ebenso dauerhaftes Unglücklichsein. Die Suche im Außen ist das Programm für Dauermangel. Die Seele sitzt der Illusion des Egos grandios auf …

Das Andere ist Einzigartigkeit im Impuls, in der Inspiration, Kreativität, Reinheit; der Narr, der reine Tor, die Kindlichkeit, das Risiko, Triumph und Niederlage – scheinbar – alles zugleich. Im Anderen liegt der eigentliche Fortschritt, sei er faktisch oder sei er emotional-seelisch; es ist der Ausdruck des Einzigartigen. Niemals findet der nächste Schritt im Sein im Normalen, im in der Norm liegenden statt.

Dort gibt es weder Veränderung noch Entwicklung. Es sind die Anderen, die frei und aus dem Herzen geben, weil sie in ihrer Welt alles haben und nichts zurückhalten. Sie sind oft frei von Angst und von Enge, denn ihr Anderssein kennt diese Gefühlszustände deutlich weniger als sogenannt Normale.

Wenn Leben Ausdruck von Energie ist und Energie immer schwingt und damit in Bewegung ist, dann ist das Andere die eigentliche Regel und die Norm die Ausnahme. Wenn wir Ausdruck der Schöpferkraft sind, dann ist das Andere der Fußabdruck des Seins, weil er die Einzigartigkeit darstellt.
Eigenartig-einzigartige Gedanken einer Anderen, die ihr Anderssein und ihre Einzigartigkeit liebt und lebt.

© Andrea Riemer
Der Beitrag erschien in einer deutlich längeren Version bei Huffington Post am 26.2.2017 (Link auf der Webseite)

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