Geschichte des Tages: Tina Wolff – Der Maulwurf

Geschichte des Tages: Tina Wolff – Der Maulwurf

27.06.2017

Der Maulwurf

Was ist das für ein niedliches Tier,
mit großen Händen und Füßen zum Graben, es sind vier.
Er lebt in meinem Garten, auch mal im Blumentopf,
allerdings gibt es einen, der lebt in meinem Kopf.

Dieses Tier im Kopf ist grandios,
es gräbt meine Gehirnwindungen um und um, ganz famos
was er so erbuddelt in den dunklen Ecken,
das kann manch alte Emotion wieder erwecken.

Geschichten holt er raus, längst begraben und vergessen,
ist ganz wild darauf, fast versessen
sie zu ergattern unter Muff und Müll und dickem Belag.
Ich dachte, sie wären lange abgehakt.

Er schnuppert und wittert, packt sie mit seinen Pranken,
zerrt am ersten Wort, beginnt zu wanken,
denn der Rest der folgt ist nicht gerade wenig.
Ich wundere mich und denke: Die Geschichte kenne ich.

Dann lässt er nicht mehr ab, der Wurf, der schwarze
und gibt sie nicht aus, aus Maul und Tatze.
Er zieht an der Geschichte, wie an einem Wurm.
Und in meinem Kopf ergibt sich eine neue-alte Form.

Auch wenn ein Jahrzehnt und länger verstrichen ist,
die Geschichte alt verstaubt, zeigt sich des Maulwurfs List.
Er bringt sie mir zurück, holt sie erneut ans Licht
und präsentiert sie mit voller Stolz, der blinde Wicht.

Er ist der Hüter meiner Schätze,
weiß wo sie stecken, die Worte, die Sätze
die alle zusammen eine Geschichte ergeben,
erfunden mit Phantasie aus dem wahren Leben.
Und manchmal lohnt es sich, im Vergessenen zu graben
sie neu zu ordnen, die Buchstaben,
um einen Roman zu schreiben, ihm Form zu geben,
damit er hinaus kann ins Leserleben.

(c) Tina Wolff

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.