Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Der erste Kuss

Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Der erste Kuss

01.07.2017

Der erste Kuss

Lea war gerade 15 Jahre alt geworden und hatte sich mit ihren Freundinnen in der Tanzschule angemeldet. Dort bot sich für das schüchterne Mädchen die Gelegenheit, ersten Kontakt zu männlichen Wesen zu knüpfen. Denn wie ihre Freundinnen besuchte sie ein reines Mädchengymnasium, das von allen in der Stadt nur das ‚Nonnenaquarium‘ genannt wurde.
Nicht, dass sie den Kontakt zu Jungs vermisst hätte. Eigentlich war Lea mit ihrem Leben zufrieden. Sie hatte alles, was sie brauchte: Ihre Familie, ihre Freundinnen und ihre Bücher. Und auf Jungs hatte sie absolut keinen Bock. Ihr reichte es, sich den Liebeskummer und die Probleme der anderen anzuhören. Auf all diese Komplikationen, die ein Freund mit sich bringen würde, konnte sie gut und gerne verzichten. Aber tanzen lernen – das wollte sie gerne. Einmal wie Ginger Rogers in Fred Astaires Armen über das Parkett schweben. Oder wie Cyd Charisse und Gene Kelly durch die Hügel der Highlands gleiten. Doch dazu gehörte eben ein Tanzpartner – und den fand man normalerweise in einer Tanzschule.
Daher stand Lea Samstag Nachmittag pünktlich zu Kursbeginn mit ihrer Freundin Carolin vor der Tür der Tanzschule. Zögernd gingen sie hinein und gesellten sich sofort zu der Gruppe Mädchen, die sich auf der einen Seite des Tanzsaals versammelt hatte. Ihnen gegenüber standen die Jungs, alle augenscheinlich in wichtige Männergespräche vertieft.
Die Mädels kicherten und tuschelten, warfen ab und zu neugierige Blicke hinüber, tunlichst darauf bedacht, sich nicht bei direktem Sichtkontakt erwischen zu lassen. Lea betrachtete angestrengt ihre Schuhspitzen. Sie kam sich albern und fehl am Platz vor. Dieses Taxieren und Ausloten, welcher dieser Adonisse wohl der beste Tanz- oder Flirtpartner wäre, war ihr einfach zuwider. Außerdem war ein Großteil der Jungs alles andere als nett anzusehen – was hauptsächlich an den mit Akne und spärlichen Bartwuchs gepflasterten Gesichtern lag. Sie konnte absolut nicht verstehen, wieso Carolin ihr zuflüsterte, dass der eine Blonde da vorne doch richtig süß aussähe.
Lea erinnerte er eher an ein pickeliges Schweinchen. Seine Nase war eindeutig zu platt und sah eher wie der Rüssel des Borstenviehs aus. Außerdem schielte er und fand sich irgendwie toll – etwas, das Lea gar nicht nachvollziehen konnte.
Doch jetzt wurde es ernst: Der Tanzlehrer und seine Frau traten in die Mitte des Parketts, begrüßten die Tanzschüler und begannen mit dem Unterricht. Lea zog sich in den Hintergrund zurück, als es hieß: Bitte fordern Sie eine Dame auf.
Einige überquerten die Tanzfläche zielstrebig, andere folgten zögernd. Einige hatten sich das gleiche Mädchen ausgeguckt, andere wussten nicht, wen sie auffordern sollten. Lea stand mit klopfendem Herzen einfach nur da und wartete. Schließlich steuerte ein ziemlich übergewichtiger Junge auf sie zu und verbeugte sich ungelenk vor ihr.
Lea seufzte, reichte ihm ihre Hand und sie suchten sich einen Platz auf der Tanzfläche. Wie der Tanzlehrer es ihnen vormachte, nahmen sie ihre Position ein. Über den Kopf ihres Tanzpartners, der ihr gerade bis zum Kinn reichte, sah sie Carolin, die von dem Schweinenasigen aufgefordert worden war. Als ihre Freundin ihr strahlend zuzwinkerte, verdrehte Lea frustriert die Augen. DIE schien ja mit ihrem Partner zufrieden zu sein – ihr eigener war nicht das, was Lea sich vorgestellt hatte. Aber vielleicht konnte er gut tanzen.
Nach dem Ende der ersten Stunde wusste Lea, dass er das definitiv NICHT konnte. Ihre Füße schmerzten von den zahlreichen Tritten ihres Partners, ihr T-Shirt fühlte sich dort, wo seine schweißnasse Hand gelegen hatte, einfach nur ekelig an. Doch nach einer kurzen Pause ging der Unterricht weiter – Damenwahl war angesagt.
Lea musterte die Jungs aufmerksam. Carolin lief ohne Zögern wieder zu Schweinenase. Petra schien mit ihrem ersten Partner auch Glück gehabt zu haben, denn sie forderte den großen Blonden auf, mit dem sie die erste Stunde getanzt hatte. Und Lea? Sie wollte einen Partner, der mindestens gleichgroß war. Doch sie musste sich beeilen, viele waren nicht mehr übrig, und sie wollte auf keinen Fall wieder bei Dicki landen. Daher lief sie über die Tanzfläche und blieb zaghaft lächelnd vor einem hochaufgeschossenen Jungen stehen.
Wie es schien, war dies ein Glücksgriff. Von Beginn an herrschte eine eigenartige Harmonie zwischen ihnen. Leas malträtierte Füße erholten sich, und endlich konnte sie das tun, was sie sich von dem Unterricht erhofft hatte – den Tanz genießen.
Auch ihr Partner schien zufrieden. Lutz, so hatte er sich ihr vorgestellt, wurde in den folgenden Stunden ihr fester Tanzpartner. Dicki hatte keine Chance, ihr noch einmal die Füße plattzutreten, denn Lutz gesellte sich sofort zu Beginn der Stunden zu Lea und ihren Freundinnen. Carolin tanzte weiterhin mit Schweinenase Peter, und Petra harmonierte wunderbar mit dem blonden Andreas.
Die drei Paare verbrachten nicht nur die Tanzstunden miteinander, sondern auch die Zeit danach. Irgendwann erwischte Lea Carolin und Peter wild knutschend in einer dunklen Ecke der Disco, die zu ihrem bevorzugten Treffpunkt geworden war.
Auch Petra und Andreas verbrachten mehr Zeit miteinander eng umschlungen auf der Tanzfläche, als mit Lutz und Lea am Tisch. Lea konnte all dem nichts abgewinnen. Sie war glücklich, wenn sie mit Lutz tanzen oder quatschen konnte, das genügte ihr völlig. Und auch ihrem Tanzpartner schien das auszureichen.
Umso überraschter war sie, als eines Nachmittags das Telefon klingelte und ihre Mutter ihr mitteilte, dass ein ‚Lutz‘ sie sprechen wollte. Verwirrt griff sie nach dem Hörer. Noch verwirrter war sie, als Lutz sie fragte, ob sie sich nicht mal ‚so‘ treffen wollten. Lust hatte sie absolut nicht, sie war in ihrem Buch gerade an einer Stelle, die ungeheuer spannend war. Daher vertröstete sie Lutz auf ein anderes Mal und verkroch sich wieder in ihr Buch.
Als sie Carolin am nächsten Tag von Lutz‘ Anruf und ihrer Absage erzählte, erntete sie nur erstaunte Blicke.
„Du bist doch eine blöde Nuss, Lea. Warum hast du dich nicht mit ihm getroffen? Der ist doch schnuckelig und außerdem bis über beide Ohren in dich verknallt! Das wäre doch für dich DIE Chance gewesen! Mensch, wär doch cool, dann hätte jede von uns nen Freund.“
„Was soll ich denn mit nem Freund?“, fragte Lea verwirrt. „Ich hab absolut keine Zeit für sowas.“
Carolin lachte. „Du bist ne Nase. Was macht man denn mit nem Freund? Du weißt doch, was ich mit Peter mach. Oder guck dir Petra und Andi an. Also trau dich, wenn er dich das nächste Mal anruft. Triff dich mit ihm, sollst mal sehen, dass ihr jede Menge Spaß miteinander haben werdet.“
‚Will ich das?‘, dachte Lea. Vor ihrem inneren Auge erschienen Carolin und Peter, eng umschlungen. Peters Hände, die überall an Carolin rumgrapschten. Was sie aber nicht zu stören schien. Petra und Andi, die ihre Lippen nicht voneinander lösen konnten.
Lea schüttelte den Kopf. Sie wollte etwas anderes. Händchen haltend Spazierengehen, miteinander lachen, quatschen, Spaß haben. Aber nicht diese ekelhafte Sabberei und Tatscherei. Und was wollte Lutz?
Sie würde es jedenfalls nicht erfahren, wenn sie zu Hause saß, mit der Nase in den Büchern. Sie fasste sich ein Herz, als Lutz das nächste Mal anrief, und verabredete sich mit ihm.
Sie trafen sich am späten Nachmittag in der Stadt. Lea war nervös, nervöser noch als vor der ersten Tanzstunde. Welche Erwartungen hatte Lutz? Welche Erwartungen hatte sie selber? Unsicher stieg sie aus der Straßenbahn. Lutz wartete schon und lächelte strahlend.
„Gehen wir spazieren? Wenn du magst, können wir auch irgendwo einen Kaffee trinken und später ins Kino.“
Lea nickte nur stumm und ergriff Lutz‘ Hand, die er ihr ganz selbstverständlich hinhielt. Ihr Magen zog sich zusammen, ein Flattern wie tausend Schmetterlinge tobte durch ihren Bauch. Die Finger ineinander verschlungen, bummelten sie stundenlang durch die Stadt, gingen schließlich noch ins Kino. Leas Nervosität und Unsicherheit legten sich, sie genoss jede Minute mit ihrem Tanzpartner, der sie am Ende des Abends schließlich brav nach Hause brachte.
Arm in Arm standen sie vor der Haustür. Lea fühlte, wusste, was jetzt geschehen würde – geschehen musste. Es war ein schöner Abend gewesen, es hatte sich alles richtig angefühlt. Sie sah Lutz tief in die Augen, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen sanft auf Lutz Mund, verharrte einen Moment und löste sich wieder von ihm.
Schweigend sahen sie sich an, dann zog Lutz Lea eng an sich, neigte den Kopf und küsste sie ebenfalls. Lea schloss die Augen, horchte in sich, fühlte Lutz Hände, die ihr zärtlich über den Rücken streichelten, schmiegte sich enger an ihn.
Lutz bedeckte ihr Gesicht mit kleinen Küssen, seine Hand glitt hinauf, strich durch Leas offene Haare, sein Mund streifte erneut ihre Lippen.
Doch plötzlich drängte seine Zunge zwischen ihre Lippen, stieß in ihren Mund, fordernd versuchte sie, Leas Lippen auseinander zu drängen, wühlte, forschte. Lea versteifte sich, legte ihre Hände auf Lutz Brust und stieß in von sich.
Genau das war es, was sie nicht wollte: Diese ekelige Schlabberei war das widerlichste, was sie bisher erlebt hatte. Lutz hatte es geschafft, einen nahezu perfekten Abend total zu verderben. Warum hatte er es nicht einfach dabei belassen können? Und was fanden die Anderen nur an diesem Gesabbere?
Lea schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht, Lutz. Und ich will das auch nicht.“ Sie drehte sich um und verschwand im Haus.
Jahre später lachte Lea bei der Erinnerung an ihren ersten Kuss jedes Mal laut auf. Lutz musste sie nur ansehen, um zu wissen, welche Gedanken seiner Frau durch den Kopf gingen, bevor er in ihr Lachen einstimmte.

(c) Silvia Nagels

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