Geschichte des Tages: Walter Zeis – Mein Freund Karl-Heinz

Geschichte des Tages: Walter Zeis – Mein Freund Karl-Heinz

15.07.2017

Mein Freund Karl-Heinz

Es hatte zum Ende der Stunde geläutet. Ich packte meine Tasche, bückte mich, um unter die Bank zu schauen, zog ein Stück Brotpapier heraus, richtete mich ein wenig auf und sah ihn vor mir stehen. Es war anders als sonst, nicht so, als wollte er mir mir irgendwelche Nebensächlichkeiten austauschen. Ich sah – noch etwas gebückt – an ihm hinauf. Er war ein langer sehniger Kerl, dieser Karl-Heinz, mit dichtem, kleingelocktem Haar, einer großen gebogenen Nase, einem vollen, geschwungenen Mund und einem schwarzen Bartansatz, der zum Kinn immer dichter wurde.
Er muss sich schon wieder rasieren, dachte ich, und beneidete ihn um dieses Attribut von Männlichkeit, das ihn schon so früh befallen hatte.
„Besuch mich mal heute Nachmittag“, sagte er, „Grabower Straße 15.“ Ich sagte weder ja noch nein.
„Wir haben nur ein Zimmer, meine Mutter und ich. Das darf dich aber nicht stören. Meine Mutter ist zur Arbeit. Wir sind ganz ungestört.“ Ich wagte nicht zu fragen, was er von mir wollte. Danach fragt man nicht, dachte ich, grübelte aber darüber nach, was er mit mir mathematischem Versager anfangen wollte. Hatten sich doch in der Klasse nur Freundschaften zwischen Gleichbegabten herausgebildet; und für ihn war doch keine Mathematikaufgabe unlösbar. Und er hatte doch schon einen, mit dem er eine ganze Pause lang über den Lösungsweg einer Aufgabe reden konnte. Dass ich seine Begabung für mich nutzen konnte, diesen Gedanken schob ich schnell beiseite, weil er mir zu egoistisch erschien.
„Ist noch was?“, fragte er. Ich musste ihn immer noch reicht verständnislos angesehen haben.
„Nein, nein“, sagte ich, „ist schon gut. Ich komme. Gegen drei oder vier Uhr?“
„Gegen vier“, sagte er. Was hast du denn mit mir vor, wollte ich nun doch fragen, aber da ging er schon zur Tür, wandte sich noch einmal zu mir um, hob die Hand und winkte, wie mir schien, etwas gönnerhaft, indem er mir den Handrücken zukehrte und den ganzen Unterarm zwei-, dreimal hin- und her bewegte.
Was will er von mir, dieser halbarrogante Mathematiker, dachte ich und war wütend auf die Mathematikeraristokratie in unserer Klasse, die hoch in der Gunst von Lupus stand, wie wir unseren Klassenlehrer nannten.
Was habe ich ihm schon zu bieten? Ein paar Gedichte, verfertigt in einer Rumpelkammer und in ein Kontobuch gekritzelt. Meine Schwärmerei für die Wiener Klassik und für Tschaikowsky und meine jämmerlich krächzende Geige. – Ich erschrak, wie gering ich plötzlich die Dinge achtete, mit denen ich mein eigentliches Leben lebte.
Am Nachmittag holperte ich mit meinem vollgummibereiften Fahrrad zur anderen Seite der Stadt. Inmitten eines großen Gartens fand ich das Haus. Es war schon etwas angegraut, und da und dort fehlte ein Stück Putz. Eine große Holzveranda war mit wucherndem, ungeordnetem Grün bewachsen. An einigen schmalen Erkerfenstern waren die Jalousien heruntergelassen. Die übergroßen Fenster waren entweder gar nicht oder nur mit dürftigen Gardinen verhängt. Ich öffnete die quietschende, verrostete Tür, schob mein Fahrrad zum Haus und stellte es ab. Dann stieg ich die Stufen zum Hochparterre hinauf und drückte auf den Klingelknopf: zweimal lang, zweimal kurz, so stand es auf dem Schild in seiner abgezirkelten Schrift unter dem Namen ‚Tempelhof‘.
Niemand kam die Treppe herunter, aber die Tür öffnete sich. Und als ich eingetreten war, erblickte ich einen sinnreichen Mechanismus, mit dem er von oben geöffnet haben musste. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz nach vier. Ich erwartete ihn oben an der Treppe stehend, aber sah mich getäuscht. Die Tür zum Korridor stand weit offen, und vom Ende der Zimmerflucht her erklang wuchtig Beethovens Eroica. Leise schloss ich die Tür, ging verhaltenden Schrittes durch den langen Flur an vielen Namensschildern vorbei – so war es damals, als kurz nach dem Krieg große Wohnungen mit vielen Menschen, woher auch immer sie kamen, belegt waren -, bis ich auf eine weit geöffnete Tür stieß, nun ganz umfangen von ‚meiner‘ Musik.
Ich warf einen Blick in das Zimmer, in dem ich einen begeisterten Fremden vermutete. Aber da stand er, er, Karl-Heinz, mit dem Rücken zur Tür, vor ihm auf dem Tisch ein Grammophon, in der Rechten hielt er einen Taktstock, in der Linken ein broschürtes Bändchen und dirigierte die Eroica.
Es zuckte mir in den Händen, denn auch ich löste mich, wenn ich unbeobachtet war und in mir Tschaikowskys oder Beethovens Fünfte rauschte, auf in die Bewegung meiner Hände und Arme und träumte ein Orchester vor mich hin, das ich grenzenlos beherrschte. Als wollte er mir einen Einsatz geben, zwang er mich an die winzige Partitur, und ich konnte nicht anders als mit zu dirigieren, jeden Einsatz mit der rechten oder linken Hand aus dem Raum zu holen, schließlich beide Hände für den letzten Akkord emporzuheben und mit einem Schlag abzuwinken. Wir schwiegen, sahen uns an, und seine Augen waren weit geöffnet und leuchteten.
Ich musste plötzlich lachen. Seine behaarten Beine steckten in kurzen Hosen, sein lockiges Haar war ihm in die Stirn gefallen. Er strich es zurück, lachte auch und streckte mir die Hand entgegen: sie war fest und doch feingliedrig, sein Händedruck kurz, warm und bestimmt, meine ganze Hand umfassend.
„Weißt du“, sagte er, „als du den Aufsatz über die Iphigenie in fünffüßigen Jamben geschrieben hattest, war mein Entschluss gefasst.“ Ich sah etwas verlegen drein, denn schon nach kurzer Zeit hatte ich über meinen Einfall, der mir Karl-Heinz‘ Freundschaft eingebracht hatte, zu lächeln gelernt, glücklich allerdings, dass er gut belohnt worden war, schließlich sogar in zweifacher Weise: mit einer guten Note und mit einem Freund.
Nun holte er ein winziges Akkordeon, auf dem er zwölf Tasten überspannen konnte, und für mich folgte die Aufführung seiner Deutschen Tänze und eines furiosen Vorspiels zum Faust. Dann las er mir Gedichte vor und Auszüge aus unendlich tragischen Schauspielen, in gestochener Handschrift geschrieben und von ihm selbst sorglich handgebunden.
Zwei Jahr vergingen mit solchen oder ähnlichen Begegnungen. Den Mond mochten wir zwar nicht, aber jedes Orchester, das Klassiker spielte, die Elbe, die Lastkähne, unsere Verse, seine Musik, Gewitter und Sturm. Und wir liebten den Traum von einem vollkommenen, uns verstehenden Mädchen.
Mit einem Mal waren wir dann doch fast schon Männer geworden, als jeder seinen Weg gehen musste. Es fing an auf der von Grün überladenen, morschen Veranda, abgewandt von unseren Gedichten, vor uns eine Tischlampe, von Insekten umschwirrt, was wir an anderen Abenden kaum bemerkt hatten.
Er streckte seinen Arm aus, jagte eine Mücke fort, klappte den handgebundenen Band zu, lehnte sich wieder zurück, sah mich an und sagte: „Ich werde Schwermaschinenbau studieren.“
„Du bist verrückt“, sagte ich. Er lachte.
„Du wirst auch kein Dichter“, sagte er.
Von da an lösten wir über Stunden Aufgaben aus der Mathematik.

© Walter Zeis

Text aus: Zeitwasserzeichen am Wegrand

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