Geschichte des Tages: Simone Gütte – Das Malheur

Geschichte des Tages: Simone Gütte – Das Malheur

19.07.2017

Das Malheur

Mein Mann murrt, während er sich die Krawatte umbindet. Ich weiß, er hasst diese Einladungen, die sein Chef für seine Angestellten einmal im Jahr gibt. Zu ihren Ehren, wie er stets erklärt. Auf manche lässt er Lobreden niederregnen, andere werden gnadenlos vorgeführt. Boni werden in unterschiedlicher Höhe offen verteilt. Dazu gehört ein grober Schulterschlag oder bei jungen hübschen Damen, ein Handkuss.
„Widerlich“, entfährt es meinem Mann, der wohl das Gleiche dachte. „Gut, dass du auch dieses Jahr dabei bist.“ Dankbar sieht er mich an.
„Seit der Sache mit dem Maronenpudding bin ich da nicht besonders gut gelitten“, antworte ich.
Schlagartig lachen wir los. Es entspannt uns.
Ja, ich komme stets mit. Ich möchte ihn unterstützen, ihn nicht allein lassen.

Sie ist klein und zierlich, trägt ein beigefarbenes Gazekleid mit Spitze am Ausschnitt und an den Säumen. Sie riecht dezent nach Rosen. In einer Hand hält sie ein Champagnerglas, mit der anderen hat sie uns die Tür geöffnet.
„Der Herr Weißhaupt!“, ruft sie. Ihre Mundwinkel fallen herab, als sie mich sieht. „Die liebe Gattin begleitet ihn, na großartig, hoffentlich passiert ihr nicht wieder ein Malheur!“
Sie hat sich jedoch schnell im Griff, beginnt zu lachen und schafft es tatsächlich, die anderen Gäste anzustecken, die sicher gar nicht wissen, worüber sie gerade lachen.
„Der gute alte Weißhaupt!“, schaltet sich der Ehegatte der Rose ein und seines Zeichens Chef meines Mannes.
Mich streift er mit einem kühlen Blick aus seinen stahlblauen Augen, hakt meinen Mann unter und zieht ihn in die Mitte des Wohnzimmers. Die Möbel wurden entfernt, so dass eine freie Fläche entstand.
Wie eine Arena, geht es mir durch den Kopf.
Die Angestellten haben sich an den Wänden aufgereiht, halten sich an ihren Gläsern fest und unterhalten sich gedämpft.
Ich bleibe in der Nähe meines Mannes. Sicher ist sicher.
Es wird still im Wohnzimmer. Offensichtlich sind alle versammelt.
„Unser Herr Weißhaupt hat uns das vergangene Quartal sehr beeindruckt“, beginnt Martins Chef und strahlt. „Nicht nur, dass wir die gesamte Türcode-Anlage austauschen mussten, weil neu vergebene Passwörter nicht mehr funktionierten, nein, wir hatten auch tagelang eine piepsende Alarmanlage, die uns alle um den Verstand gebracht hat.“
Er haut ihm auf die Schulter und nickt. „Unser guter alter Weißhaupt. Wenn wir ihn nicht hätten, was hätten wir dann?“ Er grinst und sieht fragend seine Angestellten an.
„Vermutlich Verstand“, antworte ich in die schweigsame Runde und nippe an dem prickelnden Champagner, den mir ein Kellner zur Begrüßung überreicht hatte.
Der Chef lässt die Schulter meines Mannes los und blickt zu mir herüber. „Die Dame, die den Maronenpudding nicht bei sich behalten konnte“, sagt er. Er zischt es fast durch die zusammengepressten Lippen, so dass ich ihn ansehe.
„Es tut mir leid. Ich konnte nichts dafür, dass ich die Kombination aus süßem wabbeligen Pudding und saurem Orangensaft-Sekt nicht vertragen habe. Solch ein Malheur wird mir heute nicht passieren. Ich esse einfach nichts.“ Ich erhebe das Glas und proste ihm zu. Entspannt leere ich es aus.
„Der ganze Teppich, die Tischdecke, der Sessel, alles war ruiniert!“ Die Rose ist wie aus dem Nichts aufgetaucht und baut sich vor mir auf. Unter langen geschwungenen Wimpern blitzt sie mich an.
Sie umkreist mich wie ein Beutetier. Die Gäste schweigen, verfolgen das Schauspiel. „Wir geben uns hier alle Mühe, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen, lassen teure Speisen und Getränke auffahren, damit sie ein Miteinander außerhalb der Arbeit pflegen können. Wir erlauben sogar, dass sie ihre Partner mitbringen und dann kommt so eine undankbare Schnepfe wie Sie und …“
Ein verhaltenes Kichern aus den hinteren Reihen ist zu hören.
„… blamiert uns! Brüskiert uns!“, stößt sie hervor. Ihr Kopf ist puterrot geworden. Abrupt wendet sie sich um und geht.
„Es tut mir wirklich leid“, rufe ich ihr hinterher.
Der Chef meines Mannes macht einen Schritt auf mich zu. „Was ich vorhin eigentlich sagen wollte: Ihr Mann ist gefeuert. Er leistet schlechte Arbeit, hat keine Ahnung von seinem Fach. Ein Idiot, den ich durchfüttern muss. Verkalkt und zu nichts zu gebrauchen! Er kann von Glück sagen, dass ich ihn heute überhaupt noch mal eingeladen habe.“
Es ist still wie in einer Gruft. Ich bin sprachlos. Aber nicht lange. Der Champagner zeigt Wirkung. Ich schnappe mir ein weiteres Glas vom Tablett des Kellners, der die Gäste versorgt.
„Und Sie meinen, das vor der ganzen Belegschaft kundtun zu müssen? Ihn zu demütigen und lächerlich zu machen, weil er Fehler gemacht hat? Dafür inszenieren Sie diese Veranstaltung? Haben Sie sich gerade zugehört? Sie setzen andere herab, um sich selbst stark zu fühlen.“ Mit einem Zug leere ich das Glas.
Seine blauen Augen sind auf mich gerichtet, während er mich kalt anlächelt. Er antwortet nicht.
„Achtung!“, ruft plötzlich mein Mann, zeigt hinter mich.
Ich rieche Rosenduft, spüre eine Bewegung im Rücken. Mit einem gezielten Sprung hechte ich zur Seite und lande unsanft auf den Knien. Ein entsetzlicher Schrei hallt durch den unmöblierten Raum.
Als ich den Kopf wende, sehe ich den Chef, wie er sich krümmt und seinen blutenden Arm hält. Seine Frau steht regungslos vor ihm, das Messer in der Hand.
Ein böses Lächeln umspielt meine Mundwinkel. „Das nenne ich nun wirklich mal ein Malheur“, flüstere ich.

(c) Simone Gütte 

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