Geschichte des Tages: Andrea Riemer – WAS WÄRE WENN … ICH BIN … DIE ANDERE

Geschichte des Tages: Andrea Riemer – WAS WÄRE WENN … ICH BIN … DIE ANDERE

22.07.2017

WAS WÄRE WENN … ICH BIN … DIE ANDERE

Meine liebe Freundin, Mein lieber Freund,

Ich schreibe Dir heute als weibliche Fiktion. Es ist bedeutungslos, ob es mich nun tatsächlich gab, ob ich eine historische Figur war – oder aber ob ich eine Erfindung bin, die damit einen wesentlichen Teil des Frauseins und der Geschichte der Frau abbildet – alles in einer Zeit, die sich so viel nicht von heute unterscheidet.

Ich schreibe hier nicht über Kelche, mystische Männer, religiös motivierte Erleuchtungen, Abgehobenheiten und Gedankenspinnereien, über historische Aufstände, Tötungen, Verrat und Wiederfindung.

Ich schreibe über etwas selbst Erlebtes in meinen Worten und Empfindungen – als Frau mit anderen Gaben und Talenten.
Wie beginne ich über mich zu schreiben, über eine Zeit, die so viel Veränderung für viele mit sich brachte? Lange habe ich damit gezögert. Vieles, das ich erlebte, war mit ungeheurer Freude und ebensolchen Schmerzen verbunden. Die Bilder begleiteten mich viele Jahre. Sie kamen und gingen. Und sie kamen immer wieder – unaufhaltsam, qualvoll. Ich habe allen vergeben, die beteiligt waren – und doch – ich konnte es nie vergessen.

Vieles über mich ist Mythos, Legende, Erzähltes. Es gibt kaum etwas Geschriebenes über mich. Zu anders war ich, als dass man mich akzeptiert hätte. Dennoch – ich habe mich immer so angenommen wie ich hier in diese Welt hineingeboren worden war. Gerade deshalb gibt es mich.
Das Ungreifbare hat mir viele Namen gegeben. Gefährtin, Sünderin, Prostituierte, Fragestellerin, Auslegerin von Texten, Begnadete, Geisterfüllte, Reine und vieles mehr – ich kann noch immer nicht glauben, dass ich so vielschichtig sein soll. Es verwirrt mich – ich bin eine einfache Frau mit anderen Gaben und Talente als viele Menschen. Und doch – ist bin zu allererst Mensch und Frau.

Mein Name bedeutet ‚Turm‘. Ich wurde in eine Familie von Rang hineingeboren und sollte zur Anführerin heranwachsen. Schon als Kind konnte ich hinter den Vorhang des Außen blicken. Mir waren Bilder gegeben, die ich damals noch nicht deuten konnte. Ich war oft verwirrt über die Flut an Eindrücken, sodass ich sie wegwischte und bewusst ausblendete, soweit mir das als Kind überhaupt möglich war. Ich konnte nichts mit dem Bildergeflirr in mir anfangen. Es ängstigte mich und machte mich gleichzeitig unglaublich neugierig. Ich war hin- und hergerissen zwischen tiefer Angst und wissen wollen um jeden Preis.

Meine Geschwister nannten mich immer die Andere, weil ich so viele Fähigkeiten besaß, die Kindern in meinem Alter nie gegeben waren – ich war anders in einer Familie reich an Tradition. Und ich sah auch anders aus mit meinen kupferroten Haaren und meinen hellgrünen Augen. Ich passte so gar nicht in das äußere Bild der Familie und die Gegend, in die ich geboren wurde. Wo sollte ich da meinen Platz finden? Es waren schwierige Jahre für ein heranwachsendes Kind ohne Orientierung und Halt.

Meine Mutter starb, als noch sehr klein war. Ich erinnere mich kaum mehr an sie. Und dennoch – ich nehme sie wahr, fühle sie immer wieder, besonders dann, wenn ich so hin- und hergerissen war. Ich wusste sie immer als Teil von mir, auch wenn ich ihn nie mit Worten benennen konnte. Doch gerade Worte waren mir immer fremd, weil die Sprache doch immer das überdeckt, was das Eigentliche ist. Manches Mal empfinde ich die Sprache mit ihrer Wortfülle als Erfindung, um Gefühle und Schwingungen, um das Unbenennbare zu überdecken und davor davonzulaufen. …

Ich habe zwei Geschwister, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Meine ältere Schwester sorgte für mich und meinen Bruder. Für meine materiellen Bedürfnisse war also immer gesorgt. Meine geistigen Ansprüche hingegen lagen tief in mir begraben. Ich hatte andere Gedanken und Wünsche als die Tradition der Familie vorgab.

Mein Vater erkannte mich und meine Gaben. Er öffnete mir die Welt, ließ mich gewähren, phantasieren, dahinter blicken – er ließ mich sein, seinen rothaarigen Wildfang, wie er mich immer liebevoll nannte.

Ich hatte eine besondere Nähe zur Natur und zu den Tieren. Menschen waren mir in diesem Alter oft fremd. Sie konnten mich oft nicht verstehen. So fand ich im Garten und am Berg in der Nähe unseres Hauses Plätze, die zu meinen wurden. Bald konnte ich das, was hier vorging, in meiner mir eigenen Weise interpretieren und meine Schlüsse ziehen – und ich schwieg darüber, weil man mir größtenteils mit Unverständnis begegnete und mich schon damals als Spinnerin bezeichnete.
Ich lernte schreiben und lesen – für eine Frau in meiner Zeit etwas Besonderes. Ich lernte kämpfen wie ein Mann – und das half mir später ungemein. Mein Vater gab mir alles mit, was wichtig war. Er lehrte mich, dass sowohl Verstand als auch Herz und Intuition wesentlich für mich sind. Ich musste lernen, wann ich wen einsetze, um weiterzukommen. Und ich war eine gelehrige Schülerin meines Vaters, der große Geduld mit mir bewies.
Und ich lernte mit der Zeit auch, mein Anderssein anzunehmen – eine Grundbedingung für mich, um überhaupt überleben zu können. Mehr als andere liebte ich Momente ohne Kleidervorschriften und Traditionen, die sich aus der Stellung meiner Familie ergaben.
Ich wollte einfach draußen in der Natur sein, nichts geschäftig tun und gleichzeitig alles wahrnehmen. Und das gelang mir – auch wenn mein Bruder mich immer wieder auflas und mich streng fragte, was ich denn so treibe – in diesen Stunden, wo man mich zu Hause vermisste. Das Alleinsein war eine wesentliche Vorbereitung auf das, was auf mich zukam.
So liefen die Jahre dahin. Ich war eingebettet in meine Familie, die mein Anderssein größtenteils nicht annehmen konnte. Der Tod meines Vaters war ein großer Einschnitt, weil mir die wesentliche Stütze für mein Anderssein damit wegfiel. Ich lernte zu genügen und mich einzuordnen. Die Wahrnehmungen verblassten zeitweilig, sodass ich ab und an schon glaubte, diese Fähigkeit ganz verloren zu haben.
Interessant wurde mein Leben, als ich mir meiner Begabungen wieder verstärkt bewusst wurde. Das war so etwa um das vierzehnte Lebensjahr. Neue Welten taten sich für mich auf, die ich anfänglich nicht einordnen konnte, geschweige denn verstand. Was gibt es zu verstehen, wenn einen das Unbenennbare berührt und begegnet?
Die Gefahr, ins Irreale abzugleiten und verrückt zu werden, war unglaublich groß. Ich hatte auch große Angst davor, war hin- und hergerissen.

Erfreulicherweise fand ich eine Freundin, die mir geistige Führung war und mich unterwies, wie ich mit meinen Gaben und Talenten verantwortungsvoll umgehen konnte, ohne mir
und meiner Umgebung zu schaden.

Meine Seele erhielt die notwendige Nahrung. Ich lernte wie wichtig es ist, sich selbst zu verzeihen – dann kann man erst anderen verzeihen. Ich erfuhr durch sie, was Mitgefühl meint. Und ich lernte, wie ich als Frau Königin in meinem Leben sein konnte – ohne Arroganz, ohne Überheblichkeit, ohne Stolz – einfach nur dadurch, als ich mich Schritt für Schritt – mit allen damit verbundenen Schmerzen – selbst entdeckte, entblößte und zu mir und meinem Wesen stand.

Ich lernte, an die Kraft des Geistes zu glauben und die Herkunft anzunehmen – ohne Wenn und Aber. Ich lernte, meine Berufung und meine Bestimmung zu erkennen. Vieles tat weh in diesem Erkenntnisprozess – und dennoch – ich habe ihn durchlaufen, weil ich Begleitung hatte.

Meine Freundin war ein Beispiel an Klarheit, Wahrhaftigkeit und Offenheit. Sie nahm noch viel mehr wahr als ich es tat. Sie wurde von Mächtigen respektiert und von manchen auch gefürchtet, weil es unmöglich war, Herrschaft und Macht über sie auszuüben. Sie hatte sich nur sich verpflichtet und davor verantwortete sie sich bedingungslos.

Oft wurde von Vorherbestimmung, von Schicksal gesprochen und geschrieben. Ja – das mag es geben – nur – wir haben alle die Wahl, bestimmte Wege zu gehen oder andere Abzweigungen zu nehmen. Niemand zwingt uns – wir bekommen Möglichkeiten angeboten. Es liegt an uns, sie anzunehmen oder eben zu lassen.

Ich habe meinen Weg und meine Aufgabe erkannt und bin losgegangen – oft schwankend, manches Mal vertrauend – und doch immer wieder ankommend. Ankommend bei einem Menschen, den ich kurze Zeit meines Lebens begleiten durfte – und der mich mein ganzes Leben und darüber hinaus begleitete. Jedes Treffen mit ihm war ein Wagnis, denn das, was er von sich gab, galt damals als gefährlich, als systemzersetzend. Und daher versuchte man rasch, ihn und seine Ideen auszuradieren. Jeder, der sich mit ihm traf, setzte sich einer unberechenbaren Gefahr aus. Es ist für mich noch immer bemerkenswert, dass Botschaften der Liebe und des Mitgefühls als systemzersetzend galten. Es ist noch bemerkenswerter, dass der Mensch als die größte Gefahr des Menschen angesehen wurde. Wie wenig hat man ihn doch verstanden? Selbst als man mich aus politischen Gründen mit einem anderen Mann verheiraten wollte, habe ich im Herzen nie aufgegeben, nur für den einen da zu sein. Auch wenn ich eine Frau war, klein und zierlich – ich hatte eine unglaubliche Stärke in mir, die mir keiner nehmen konnte. Und das wusste dieser eine. Ich nahm in dieser Zeit viel hin. Man sprach mir als Frau den Verstand und die Fähigkeit ab, Dinge zu durchdringen und zu Ende zu denken. Es waren schwierige Zeiten. Ich hatte viel erleiden, wusste damals nicht, was ich noch alles an Neid, Hass und Schmerzen zu ertragen hatte. Und ich konnte nicht abschätzen, dass es sich letzten Endes doch lohnte. Die Zeiten wurden immer fordernder, der Widerstand gegen den von mir so Verehrten und das, was und wie er es verbreitete, wurden mehr und mehr kritisiert. Der Gegenwind wurde immer heftiger. Ein Verstecken und Wegducken war nicht mehr möglich. Vielen, die sich uns anschlossen, litten, wurden getötet oder gefoltert. Wir mussten etwas tun.

Mehr denn je wurde klar, dass es einen großen Plan gab. Jeder von uns wurde an eine Stelle gesetzt, jedoch nie zum Handeln gezwungen. Der freie Wille bleibt jedoch immer uneingeschränkt. Es gibt eine Anleitung, jedoch keinen Zwang, etwas zu tun oder zu lassen. Dann ging alles sehr rasch. Der Tod des von mir so Verehrten war vorgezeichnet – auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte, weinte, schrie und rang. Er ging seinen Weg und ich musste meinen Weg gehen – und da gab es einen Punkt der Trennung.
Ich möchte hier nicht mehr auf all die Schmerzen und Bilder eingehen, durch die ich an diesem Punkt der Trennung lief. Ich verabschiedete mich von dem von mir so sehr Verehrten und brachte mich mit Hilfe von Freunden in Sicherheit.
Ich musste den Menschen, den ich am innigsten liebte, loslassen, weil sein Weg ebenso zu Ende war wie seine Zeit.
Ich fühlte mich verloren und allein gelassen. Die Verantwortung, die er mir übergab, schien mich zu erdrücken. Ich musste weitergehen, leben und die Gedanken weitertragen. Ich war eine der wenigen, die laufend dabei war, die wusste, was er dachte, fühlte und was er sagen wollte. Seine Worte waren so bestechend einfach, dass sie kaum einer Interpretation bedurften.

Wenn ich interpretierte, näher brachte, erklärte – dann tat ich das aus meiner Sicht, aus der Sicht einer Frau, die Mythos, Legende, Verhasste, Beneidete, angeblich Prostituierte und vieles mehr war – und gleichzeitig nichts davon.

Ich war, bin und werde immer jene sein, die den einen geliebt hat.

Aus: Andrea Riemer, Was wäre wenn … Ich bin…?, Holzhausen der Verlag, Wien 2013.

(c) Andrea Riemer

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