Geschichte des Tages: Oliver Jung-Kostick

Geschichte des Tages: Oliver Jung-Kostick

29.07.2017

Die Mädels rufen am 24.12. um 9.30 Uhr an. Der Heiligabend ist in diesem Jahr ein Samstag, der Laden bis 12 Uhr geöffnet, und mit tränenerstickter Stimme bitten sie: »Können Sie vorbeikommen? Der Seniorchef ist gestern Nachmittag gestorben …«
Völlig geschockt kondoliere ich. Noch am Vortag sind wir im Laden gewesen und haben uns nach ihm erkundigt, sein Zustand war ernst, aber stabil, wie so oft zuvor. Ja, der Seniorchef kämpfte seit fast zehn Jahren gegen den Krebs, ja, zwischendurch musste er immer wieder mal ins Krankenhaus, wenn sich seine Werte schlagartig verschlechterten – aber immer hatte er sich der tapfere Mann wieder berappelt, in der Backstube mitgearbeitet und Ware ausgefahren … hatte sich nie beklagt, sondern stets auf eine ruhige und demütige Art Zuversicht verbreitet. Noch Anfang der Woche haben wir ihn unterwegs beim Ausfahren in einem der Stadtteile getroffen, einen kleinen Schwatz gehalten. Und jetzt soll er tot sein?
Bedrückt arbeiten wir uns den Berg zur Bäckerei hoch, um Petra und Gabi beizustehen. Sie sind im zweiten respektive dritten Ausbildungsjahr und mit der Situation eindeutig überfordert. Verheult stehen sie hinter der Theke, verloren wie ausgesetzte Kätzchen.
»Falls Sie Brot bestellt hatten – es gibt kein Brot heute. Der Juniorchef und Seniorchefin haben es einfach nicht fertiggebracht, sich heute Nacht in die Backstube zu stellen. Wir haben versucht, alle Kunden und Kundinnen zu erreichen, aber …« Schon drohen die Tränen in der Stimme aus den Augen zu laufen.
Gott sei Dank ist fast ausschließlich mit Kunden und Kundinnen zu rechnen, die von der Erkrankung wissen. In der Siedlung kennt man einander. »Müller, ich wollte meine Brote abholen …«, sagt der erste Brotbesteller, den ich vom Sehen her kenne, in weihnachtlich gereiztem Ton. Er hat nicht so viel Verständnis für die Situation wie ich und meine bessere Hälfte, wie sich gleich herausstellen wird.
Als Petra ihm erklärt, was passiert ist, schreit er los: »Das ist eine Unverschämtheit! Wo soll ich denn jetzt mein Brot herkriegen? Haben Sie sich darüber mal Gedanken gemacht?« Wir fahren zusammen, so wütend ist der Mann. Keine Sekunde denkt er an den Kummer, der sein Gegenüber und den Betrieb getroffen hat.
Petra müsste nun zugeben, dass sie sich eher Gedanken über den Tod des geliebten Ausbilders gemacht hat. Das Brotproblem von Herrn Stinkstiefel beschäftigt sie nur am Rande.
Allerdings sagt sie das nicht, sondern läuft weinend in die Küche. Der Ausbruch ist einfach zu viel für sie. Im Übrigen ist zwei Autominuten entfernt eine große Filialbäckerei, die in Broten schwimmen dürfte, was auch Herr Müller weiß. Gabi übernimmt und versucht, Herrn Müller zu beruhigen.
Doch der verlässt unter Geschnaube und Gefluche den Laden, nur Sekunden, bevor meine bessere Hälfte und ich so weit sind, ihn aus dem Laden zu prügeln.
Nicht sehr viel besser geht es weiter. Die Aggression der enttäuschten Brotomanen, die des Öfteren über die Mädels hereinschwappt, macht uns als Zuschauer immer aggressiver. Die beiden jungen Frauen fahren Achterbahn zwischen Tränenausbrüchen und dem Bemühen, sich wieder zu berappeln und professionelles Verhalten zu zeigen. Doch es fällt ihnen zusehends schwerer.

Das Schlimmste jedoch sind nicht die Wutausbrüche, sondern die Gleichgültigkeit. Ein zufällig vorbeikommender Laufkunde kondoliert pflichtschuldigst. Er ist eher unangenehm berührt, dass er beim Semmelkauf mit solch unweihnachtlichem Drama konfrontiert wird – aber immerhin tut er dem Anstand genüge und bringt sein Bedauern zum Ausdruck, auch wenn es nicht sehr glaubwürdig rüberkommt.
Wie ich schon sagte, kaufen hier ansonsten praktisch nur Stammkunden ein. Von Betroffenheit fast ausnahmslos keine Spur, obwohl man sich teils seit 40-50 Jahren kennt und schon beim Vater des Seniorchefs Kunde war.
Herr Schulz, dessen Frau ähnlich lange wie der Bäcker mit dem Krebs gekämpft hatte, und der mit dem jetzt Verstorbenen und dessen Familie so oft Kummer und Hoffnung geteilt hatte, kondoliert nicht einmal, als er die Trauernachricht erfährt. Vollends skurril wird es, als er sich allen Ernstes erkundigt, ob »er« (gemeint ist der Seniorchef) »etwa krank gewesen sei?« Mein Mann und ich erinnern uns beide an häufige Unterhaltungen zwischen Herrn Schulz und der Bäckersfrau über das Thema, sodass ich für einen Moment ernsthaft überlege, ob das ganze Szenario eine Ausgeburt von Vorsicht, Kamera! sein könnte, einzig und allein gedacht, unseren Langmut zu erproben.
Aber dann erinnere ich mich daran, wie 1998 die Eltern des Bäckers in dem schrecklichen Unglück von Eschede umkommen, ausgerechnet auch noch in ihrem ersten Urlaub, zu dem Sohn und Schwiegertochter sie gedrängt hatten. Bevor auch nur klar war, ob das Ehepaar überhaupt unter den Toten war, rief das örtliche Schuhhaus an, um sich zu erkundigen, wer denn nun die Schuhe bezahlen würde, die der Verunglückte noch kurz vor seiner Abreise zur Auswahl mitgenommen hatte.
Da weiß ich es: Nein, das ist kein Traum, sondern Weihnachten in der Hauptstadt des selbstproklamierten Gottesgartens am Obermain, gelegen in einem Land, dessen Bruttoinlandsprodukt an Waren und Dienstleistungen erschreckend hoch ist, jenes an Anstand und Mitgefühl jedoch diametral entgegengesetzt. Es ist alles wahr, was wir sehen und hören – jede Herzlosigkeit kommt von Herzen.
Und die einzigen versteckten Kameras sind wir.
Aber niemand lacht.

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