Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Nutze den Tag

Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Nutze den Tag

02.08.2017

Nutze den Tag

Kann ich nicht begreifen. Will ich auch gar nicht. Ich will das nicht begreifen können! Wozu? Ist das ein Appell an faule Menschen? Das ist ganz schön frech, wenn man das einem Fremden an den Dötz schleudert: Nutze den Tag, du Faulpelz! Mach was aus dir! Krieg den Hintern hoch!
Stellen Sie sich mal vor, Sie wären arbeitslos, und ihr Nachbar dekoriert seinen Garten und legt genau an den Zaun zu ihrem Grundstück einen Stein hin auf dem steht: Carpe diem!
Das ist doch wohl frech oder? Da darf man sich schon auf den Schlips getreten fühlen.
Wundern tue ich mich darüber, wo das neuerdings her kommt, dieses Beschriften. Gut, ich lebe in meiner eigenen kleinen Welt, wo alles in Ordnung ist und man nichts mit Fototapeten, plakatgroßen Spruchbändern, oder eben bekritzelten Steinen dekorieren muss.
Bei meiner Oma wurden früher nur die Marmeladen- und Einmachgläser im Keller beschriftet. Da kamen diese kleinen Aufkleber drauf: Johannisbeere 1983, Erdbeere 1984, Kürbis süss-sauer, Gurken-Schrägstrich-Senf. Oder auch ganz schlicht Bohnen, Erbsen, Birnen, falls der Inhalt sich rudimentär verändern sollte und man durch das Glas hindurch nicht mehr Bohnen von Erbsen oder Birnen hätte unterscheiden können.
Beschriftet wurde bei mir früher ein Satz Klamotten, nebst Handtücher und zwei Waschlappen – für oben und unten – für das Zeltlager. Das war es dann aber auch.
Die letzte Beschriftung, die ich persönlich mit angebracht habe, war auf einem knallroten Ford Escort, mit gniedeligem Kreppklebeband: ABI 91.
Danach hörte es auf mit den Beschriftungen, außer auf den Umzugskartons. Bei den Eltern raus, erste Studi-Butze, zweite, dritte, WG 1, WG 2, usw… Es gab einen regelrechten Wettkampf darum, ob ein Karton so lange hielt, dass irgendwann der ganze Deckel voll gekrakelt war (Wohnzimmer / Bücher, Küche, Bad), oder ob er vorher den Belastungen des zigsten Umzuges erlag.
Ab Dreißig war man in der festen Butze angekommen, dann hörte man auf Dinge zu beschriften. Dachte ich. Jetzt geht das wieder los.
In Ermangelung von Einweckgläsern und Kartons sind es nun Steine. Manche auch mit hässlichen Engeln drauf. Bei den Pausbackengesichtern denke ich immer an Karius und Baktus, dieses angstmachende Kinderbuch aus der Zahnarztpraxis. Da sollten die fetten Stein-Engel auch mal hinschlurfen. Mit ihren mickrigen Flügelchen wäre an den Luftweg eh nicht zu denken.
Als ich die ersten Male diese unsäglichen Steine in einem Garten habe liegen sehen, war ich ganz bedripst, weil ich dachte Carpe diem heißt Ruhe sanft. Ja, was soll man denn sonst denken? Die Steine liegen doch immer irgendwo unter der Hortensie, neben der Rose, beim Lavendel. Rundherum ganz sauber geharkt und so. Da muss man doch assoziieren, dass darunter der Hund liegt, die Katze, oder der Hamster von den Kindern.
Bei der Beerdigung von Großtante Liselotte lag auf dem Nachbargrab auch so ein bescheuerter Stein. Da war das für mich klar: Carpe diem – Ruhe sanft.
Eine Freundin, die mit dem Yoga-Fimmel, hat mich aber aufgeklärt. Nutze den Tag, heiße das. Ich bin immer noch am Überlegen, warum das auf dem Nachbargrab von Großtante Lilo lag. Der Verstorbene darunter kann damit doch nichts anfangen. Außer die Verwandtschaft will das Verrotten beschleunigen. Dann wäre die Grabstelle vielleicht schon nach 5 Jahren wieder freizugeben. Spart eine Menge Geld.
Oder legt der Friedhofs-Hausmeister solche Steine aus, wenn die Gräber zu lodderig sind? Als Mahnung für die Angehörigen, sie sollen sich sputen, Unkraut jäten und schick neu bepflanzen, dann Stein abgeben und sich mit einem Knicks entschuldigen.
Wie unangenehm, wenn bei Tante Liselotte so ein Stein liegen sollte. Dann müssen wir alle schnell flitzen, mit Schaufel und Harke. Nutze den Tag!! Faulpelz!
Steht das deshalb in einer toten Sprache drauf? Dieses Latein spricht doch heute kein Mensch mehr. Denn muss man sich auch nicht wundern, wenn das falsch verstanden wird!
So, jetzt aber los. Zacki-zacki! Carpe den Tag!!

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