Geschichte des Tages: Nadin Brunkau – MAGNOLIENBLÜTE

Geschichte des Tages: Nadin Brunkau – MAGNOLIENBLÜTE

04.08.2017

MAGNOLIENBLÜTE

„Es wird wehtun.“
„Ich weiß.“
„Und Narben hinterlassen.“

Sie nickte und sah ihn an.

Er war beides für sie in einer Person: die Liebe und ihr Henker.
Der Buchtitel von Irvin D. Yalom fiel ihr plötzlich ein.

„Und dennoch lässt du dich darauf ein?“

Seine Frage hallte nach in ihrem Kopf und in dem viel zu großen Raum. Es war eine alte Halle, die er in den letzten Jahren renovierte, saniert hatte, und die nun in diesem alten industriellen Charme Retro und Moderne miteinander verband.

In dem viel zu großen Bett glitten seine Finger über ihre nackten Schultern. Sie malten zärtliche Muster: Unsichtbare Runen, gegen jede böse Macht eine, als könnten sie damit die Geister, die sie selbst riefen, bezwingen.

Anni schob sich tiefer in seinen Arm. Sie atmete seinen Duft ein und schloss die Augen. Nichts wünschte sie sich mehr, als dass die sanften Töne seines Körpers sie auf ihrem späteren Heimweg begleiten würden. Gern durften die Geigen dabei eine Melodie spielen, die ihre Schritte beschleunigten, und sie tanzen ließen. Anni wollte schweben über dem grauen Asphalt.

Doch sie kannte die kommende Wirklichkeit: Das dumpfe Hallen der viel zu schweren Schritte nach dem noch schweren Abschied und das melodramatische Lied der Streicher würde in ihren Ohren klingen.

„Wenn du das so sagst, klingt es fast so, als hätte ich – oder hätten wir – tatsächlich eine Wahl.“

Die Berührung auf ihrer Schulter stoppte. Er verharrte einen Moment schweigend, ehe er eine neue Rune gegen die kommende Einsamkeit zeichnete.

„Haben wir die denn nicht?“
Fast glaubte sie seiner Frage.
„Du könntest aufstehen, gehen und nie wieder kommen.“

Vergessen war die Wärme seines Körpers, als diese Vorstellung mit aller Macht nach ihr griff.

„Ja, das könnte ich wohl.“
Das Orchester in ihren Ohren war verstummt.
„Aber ein Teil meines Herzens würde hier bei dir bleiben.“
Nein, sie könnte nie wieder unversehrt gehen. Diese Hoffnung hatte Anni bereits vor Wochen begraben.

Der folgende Kuss heilte ihr Herz in einem Bruchteil von Sekunden. Er fügte die Teile zusammen und schob ein jedes an den angestammten Platz. Vervollkommnete es und damit sie, einzig mit der Berührung seiner Lippen.

„Dann geh nicht.“

Er hauchte die Worte dicht an ihrer Wange, barg sein Gesicht in ihren Haaren. Sie waren eins.
Er würde es nicht ertragen, sie leiden zu sehen.

Doch Anni verschwieg ihm auch heute, wie jedes Mal vorher, dass sie es bereits längst tat.

Immer dann, wenn sie sich nicht sahen und manchmal auch dann, wenn sie sich trafen, doch am meisten dann, wenn sie sich voneinander trennten.

Wenig später standen sie sich in der offenen Küche gegenüber. Ihr Blick glitt zu dem großen Bett.

Er hatte es gemacht, als sie sich im Bad nach einer Erfrischung sehnte. Nichts deutete mehr auf die Zweisamkeit, ihre Welt, in der seinigen hin. Wenn sie jetzt ging, war es, als wäre sie nie dagewesen. Einzig in ihrer Erinnerung gab es die Bilder noch: das zerwühlte Laken und ihren gemeinsamen Geruch, den er nun versuchte mit dem geöffneten Fenster auszutreiben. Verlegen zupfte Anni an der gut sitzenden weißen Bluse und sah fast beschämt in sein Gesicht.

„Ich sollte gehen.“

Sein Nicken war eine wortlose Antwort, und sie wagte nicht danach zu fragen, wann sie sich wohl wiedersähen.
Es würde sich ergeben, und sie sich finden, so wie sie es in den letzten Wochen taten.

Plötzlich schauderte es sie. Sie würde ihn zum Abschied nicht berühren. So wie jedes Mal, wusste sie doch auch heute nicht, ob es vielleicht ein Abschied für immer war.

Anni wandte sich um und öffnete die Tür.

Die frische und dennoch von den ersten Sonnenstrahlen unnatürlich erhellte Luft nahm ihr für einen Moment den Atem. Sie sah die Straße hinunter.

In den Vorgärten blühten die Tulpen. Kräftige rote Kelche standen Klatschmohn gleich aufrecht und nickten ihr wohlwissend zu. Die weiß-lilanen Blüten der Magnolienbäume zeigten ihre imposante Schönheit, die nur wenige Tage im Frühling auflebte, während der Baum unter dem Jahr eher unscheinbar wirkte.

Auch heute wechselte Anni sofort die Straßenseite, bevor sie stehenblieb und zu ihm herübersah.

Er hob die Hand zum Gruß und sein strahlendes Lächeln erhellte das Gesicht.

Anni lächelte zurück, ehe sie bei einem Schritt weiter bemerkte, dass sein Gruß gar nicht ihr gegolten hatte. Sein Blick glitt nicht über die Straße sondern verharrte auf dem in diesem Moment auf der Auffahrt parkenden Auto. Gutgelaunt stieg eine blonde Frau, seine Frau, aus dem Auto, bevor sie ihn im nächsten Augenblick umarmte.

Auf dem Gehweg gegenüber senkte Anni die Augen.

Ignorierte die aufsteigenden Tränen und setzte wehmütig einen Fuß vor den anderen.

Sie sah ihn nicht, seinen verborgenen Blick, zu ihr herüber, hinter dem Rücken seiner Frau.

Jener Blick, der ihr gezeigt hätte, dass er in diesem Moment genauso litt. Nicht nur Anni ließ ein Stück ihres Herzens in diesem, seinem Haus, hinter den dicken Magnolienblüten zurück; nein, auch sie nahm ein Stück des seinen mit, ohne dass sie je davon erfahren würde.

(c) Nadin Durcak aus „Lifescapes Ich, Du und Es“

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.