Geschichte des Tages: Ute Dombrowski – Rudi

Geschichte des Tages: Ute Dombrowski – Rudi

08.08.2018

Rudi

Sein langgezogener Rülpser erfüllt den Raum mit Salami-Gestank. Ich halte die Luft an und betrachte schweigend, wie er sich mit dem Handrücken über die schmierigen Lippen fährt. Das Fett leckt er schmatzend ab, ehe er die Rückstände an seiner grünen Armee-Hose, die er von morgens bis abends, von Neujahr bis Silvester trägt, abwischt. Danach greift er nach der Kaffeetasse und schlürft lautstark. Nachdem er sich den ungepflegten Kinnbart gekratzt hat, würgt er einen Schleimpfropfen hoch und spuckt ihn auf den Teller. Interessiert rührt er mit der Messerspitze in dem grünen Etwas herum. Jetzt zieht er den Ärmel des speckigen Sweatshirts über die Hand und wischt über den Teller. Er greift nach dem vierten Brötchen und reißt es gierig in zwei Hälften. Der Dreck unter seinen Fingernägeln hat eine ähnliche Farbe wie die Blutwurst, die er nun in dicken Scheiben auf der ersten Brötchenhälfte anordnet. Beim Abbeißen streckt er genüsslich die langen Beine unter dem Tisch aus und stößt mir dabei grob gegen das Schienbein. Ich zucke zusammen.
„Aua.“
„Hä?“, fragt Rudi mit vollem Mund.
Dabei fällt ein Brocken neben seinem Teller auf den Tisch. Er beugt sich hinunter und leckt ihn auf, wobei ihm mein Kopfschütteln entgeht. Winzige Stückchen bleiben in seinem Bart hängen, denn der Teller steht inmitten eines Ozeans aus blass-braunen Krümeln. Er schüttelt sie ab.
„Was ist los?“
„Nichts, Schatz“, sage ich niedergeschlagen und ziehe meine Füße unter den Stuhl.
Indessen hat er die Tasse Kaffee in einem Zug hinuntergestürzt und hält sie mir entgegen.
„Kaffee! Aber flott!“
„Nein!“, sage ich endlich laut und deutlich. „Nein!“
„Was nein?“
„So kann man doch seine Mitmenschen nicht behandeln! Du benimmst dich wie ein Pascha und bist ein altes Ferkel. Ich habe genug von dir und werde dich verlassen. Das hätte ich schon vor einigen Jahren tun sollen. Viel zu lange habe ich mir das bieten lassen. Morgen gehe ich zum Anwalt und reiche die Scheidung ein.“
Rudi schaut mich ungläubig und mit offenem Mund an. Ich sehe die Reste der Blutwurst zwischen seinen Zähnen.
„Warum das denn?“

(c) Ute Dombrowski

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