Geschichte des Tages: Tina Wolff – Faszien

Geschichte des Tages: Tina Wolff – Faszien

14.08.2017

Faszien

Eine Freundin von mir macht Yoga. Schon seit Jahren. Ich mache nix, auch schon seit Jahren. Außer älter werden, das mache ich ganz von alleine und irgendwie meint mein Körper es ziemlich gut mit mir, was das automatische Altern anbelangt.
In meinem Job mache ich ja auch nix, außer am PC sitzen. Dann schleppe ich mich zur Bushaltestelle, sitze im Bus und dann gehe ich nach Hause und sitz-liege wie Sissi auf Madeira auf meiner Couch. Sie wissen schon: Oberkörper angelehnt, mit plüschigen Kissen im Kreuz und Beine hoch. Dann gehe ich ins Bad und dann ins Bett. Und am nächsten Tag gehe ich wieder ins Büro. Über Rückenschmerzen und Nackenverspannungen kann ich ein ganzes Buch schreiben. Was sage ich. Ein Buch? Eine Enzyklopädie!
Mein bester Freund heißt Ibuprofen und der Apotheker grüßt immer sehr freundlich, wenn er mich sieht. „Das Übliche?“, fragt er dann und greift ins Regal hinter sich. Ein toller Mann! Sehr kundenorientiert.
Letztens habe ich den Fehler gemacht und meiner Yoga-Freundin etwas vorgejammert. Mitleid hatte ich nicht bekommen, nur Häme und Spott. Ich sei selber Schuld! Bräuchte gar nicht so rum zu jaulen und müsse mal anfangen mich zu bewegen. Und mit dem Rauchen aufhören!
Das fand ich ein bisschen viel auf ein mal. Sie trinkt meinen Kaffee, knabbert meine Kekse, meckert mich an und hat dann auch noch Sitzfleisch.
Nach einem sehr schmerzhaften Griff in meinen Stiernacken, meinte sie doch tatsächlich, meine Faszien seien verklebt. Na prima. Da haben wir ja die Schuldigen gefunden. Außerdem hätte ich ein total gestörtes Verhältnis zu meinem Körper. Ich würde den ja gar nicht richtig spüren. Den Hinweis, dass ich meinen Körper durchaus spüren würde und zwar sehr dolle, wischte sie beiseite. Ich solle mehr auf meinen Körper hören, ihm zuhören.
Ganz ehrlich? Ab da wurde es mir unheimlich. Ich habe meine Freundin für eine rationelle Realistin gehalten, aber weit gefehlt. Die war irgendwie ver-yogat.
Noch abends saß ich in meiner Sissi-auf-Madeira-Pose vor dem Flimmerkasten und musste immer an meinen Körper denken. Ich fand mich ziemlich gut im Zuhören und dachte: Vielleicht wird es Zeit mal mit ihm zu reden. Zumindest mit den Faszien, den verklebten! Ist ja auch sonst keiner da.
„Ihr Schweinehunde! Hört auf mit eurer Verklebung! Ihr spinnt ja wohl!“, habe ich gewagt zu den Faszien zu sagen. Entweder war ich nicht laut genug, oder die Faszien sind taub, oder bockig, oder beides. Wahrscheinlich beides. Ich habe taub-bockige Verklebungs-Faszien.
Genau, als ich das dachte, kam im TV ein Vorspann zu einer dieser unsäglichen Kochshows. Man sah in Bildschirmgröße nur ein silbern glänzendes Messer, das an einem roten Stück Fleisch eine weißliche Haut wegschnitt. In einem Zug. Und der Möchtegern-Koch dazu so: „Das sind die Faszien. Die müssen weg, sonst wird der Braten zäh.“
Siehste, dachte ich und konnte mir einen bissigen Kommentar Richtung meines Nackens nicht verkneifen: „Habt ihr das gesehen? Wenn ihr euch das bis morgen nicht überlegt mit eurer Verklebung, dann hole ich das Messer!“
Am nächsten Tag zum Frühstückskaffee mit Zigarette hatte ich dann eine Ibu 800. Faszien sind nicht nur taub, oder bockig, sondern auch blind. Mit fernsehen braucht man denen nicht zu kommen. Das kapieren die nicht. Und weil ich so viel Körper-Zuhören betrieben habe, habe ich mich zu einem Yoga-Schnupper-Kurs angemeldet. Angemeldet! Ob ich hingehen werde, weiß ich nicht. Das hängt von meinen taub-bockig-blinden Faszien ab, ob sie gerade in Verklebungs-Laune sind, oder nicht. Zumindest hat mir der nette Apotheker ein kleines Körnerkissen geschenkt, das ich in der Mikrowelle warm machen kann. Der Mann versteht was von Frauen und verklebten Faszien!

(c) Tina Wolff

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