Geschichte des Tages: Anna Osowski – Möbelkauf

Geschichte des Tages: Anna Osowski – Möbelkauf

15.08.2017

Möbelkauf

Anlässlich des verkaufsoffenen Sonntags bat mich kürzlich mein schwuler Freund Heinrich, ihn ins Möbelhaus zu begleiten. Ihm stand der Sinn nach einer neuen Schlafstelle. Hilfsbereit willigte ich ein und schlenderte mit ihm durch die Bettenabteilung. Hier und da legten wir uns kichernd zur Probe hin und erregten zügig Aufsehen wegen der obszönen Geräusche, die wir im Zuge der Recherche absonderten.

Bald eilte ein junger Verkäufer herbei. Er führte einen sperrigen Ordner mit sich sowie hektische rote Flecken im Gesicht. Tänzelnd bot er seine fachkundige Beratung an und mich beschlich spontan der Verdacht, dass er unter einer Blasenschwäche litt.

Von einem Standbein aufs andere wackelnd, schob er uns von einer Abteilung in die nächste. Um den Stress ein wenig herunterzufahren, fragte ich beflissen nach Informationen zu Wasserbetten. Ob es auch solche mit Whirlpoolfunktion gäbe und man Kois darin halten könne. Der Verkäufer blätterte daraufhin hektisch in seinen Unterlagen und empfahl ein Futon. Ob die nicht seit Fukoshima alle radioaktiv verseucht wären, wollte ich sogleich wissen. Woraufhin er in Richtung Personaltoiletten verschwand.

Heinrich und ich wälzten uns wohlig in einem Boxspringbett mit voluminösem Kopfteil, als der Blasenschwache mit unübersehbaren Schweißperlen im Gesicht wieder auftauchte. Ein Hüsler-Nest sei auch recht komfortabel, behauptete er und schaute uns erwartungsfroh an. Heinrich erklärte: „ Wissen Sie, meine Frau und ich wollen doch lediglich eine angenehme Nachtruhe …“

Ich legte die Stirn in abgrundtiefe Falten und entgegnete konsterniert: „Oh. Ich wusste gar nicht, dass Du verheiratet bist?!“

Die roten Flecken des Verkäufers breiteten sich instantan auf seinem Gesicht aus. Heinrich quittierte meine kecke Intervention mit einer beeindruckenden Gesangseinlage.

Kaufverträge wurden an diesem Tag schlussendlich nicht abgewickelt …

© 2017 Anna Osowski

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