Geschichte des Tages: Walter Zeis – Ein perfekter Streich

Geschichte des Tages: Walter Zeis – Ein perfekter Streich

19.08.2017

Ein perfekter Streich

Die Handlung dieser Kurzgeschichte verlangt nach ein paar Erläuterungen. Der Große
Krieg war zu Ende. Es gibt die sowjetische Besatzungszone. Lehrer der Kriegsgeneration
sind entweder umgekommen oder befinden sich in Gefangenschaft. Ältere und /oder nicht
kriegsverwendungsfähige (so hieß das damals, wenn ein Mann für das Gemetzel nicht taugte) Männer wurden, wenn sie ausgemachte Nazis waren, von den Sowjets aus den Schulen entfernt. Der Lehrermarkt war also ziemlich lehrgefegt. Was blieb da übrig, als ziemlich alte einigermaßen nazifreie pensionierte Lehrer und Lehrerinnen an die Schulen zu holen. Darunter waren ziemlich kauzige Typen. Und um so einen Kauz soll es jetzt gehen.

Da saß ich doch kürzlich – es war in der verschwenderischen Ferienzeit seines Standes – mit einem Studienrat bei ein paar Schoppen Mosel in einem Cochemer Weinstübchen beisammen. Er hatte alles, was seinen Stand im Augenschein der Schülerschaft kennzeichnet, hinter sich gelassen und glitt mit jedem Schluck, den er genüsslich zwischen Zunge und Gaumen wog, in seine eigene Schulzeit zurück und berichtete mir von einem – wie er es nannte – perfekten Verbrechen, an dem er nicht unmaßgeblich beteiligt gewesen, aber straffrei davongekommen war.
Er nahm noch einen Schluck, sah über den Rand des Glases hinweg und, indem er das Glas behutsam vor sich hinstellte, begann er zu erzählen:
Wieder einmal stand uns eine Klassenarbeit bevor, gerade während der Tanzstundenzeit. Deshalb musste ich mit meinem Nachbarn nach einer Möglichkeit suchen, eine schlechte Zensur zu vermeiden. Der beste Weg, nämlich zu lernen, erschien uns dazumal suspekt. Wir hatten zwar schon manche Stunde über das bevorstehende Thema gehört, aber mindestens ich hatte nichts als dieses behalten. Alle Erläuterungen über die Kräfte, die eine Veränderung der Erdoberfläche verursachen können, hatte ich wie eine unerwünschte Bedrängnis und Ablenkung beiseite geschoben. Galt doch meine ganze Mühe seit Wochen der Verfertigung unserer Tanzstundenzeitung. Der Anblick der mittanzenden Klassenkameraden und –kameradinnen war mir die beste Inspiration.
Ich muss zugeben, dass nicht jede Stunde dafür geeignet war, aber die Deutsch- und Geographielektionen unseres dünnbeinigen, zerbrechlichen Dr. Stephan durften nicht ungenutzt bleiben. Seine unbegrenzte Güte, die er in den verzweifeltsten Augenblicken übte, indem er nur den Zeigefinger erhob und sagte: „Aber Kinderchen, wir wollen hübsch artig sein“, hatten wir bis zur Neige erprobt, so lange, bis wir ihrer ganz sicher waren. Wenn ich seine Stunden in dieser Weise nutzte, so wollte ich ihn gewiss nicht reizen.
Er schien sogar meine Tätigkeit zu dulden, so wie ich mich mit dem abgefunden hatte, was er an Tafel und Katheder tat. Er war offenbar zufrieden, wenn Nachbar und Vordermann meine Mitarbeit ersetzten. Als gütiges Entgegenkommen werteten wir auch den Umstand, dass Dr. Stephan die Klassenarbeit rechtzeitig ansagte, rechtzeitig für einen Plan, der schlechten Zensur mit etwas anderem als mit Lernen zu entgehen.
„Ich mach das schon!“ sagte mein Nachbar, ein kleines schmalbrüstiges, bebrilltes, aber einfallsreiches Männchen.
„Gut“, sagte ich und war sicher, dass er den ganzen Nachmittag damit verbringen würde, einen entsprechenden Plan auszuarbeiten.
Ich wusste, dass dieser Klaus ein findiger Bastler war, und ich erwartete von ihm eine technische Vorrichtung, die ein verborgenes und ungestörtes Abschreiben ermöglichen würde. Ich traute ihm das einfallsreichste System zu. Dass er sich jedoch nicht auf die Technik, sondern auf das Material jener grenzenlosen Güte uneres Dr. Stephan verließ, erfuhr ich erst am nächsten Tag.
Als mein Nachbar die Klasse betrat, fiel mir sogleich seine prall gefüllte Tasche auf. Da wir aber nicht in der ersten Stunde schrieben und er Sorge hatte, verraten zu werden, bezähmte ich meine Neugier und war zufrieden, als er sagte: „Alles in Ordnung“, und dabei auf seine Tasche schlug.
Noch einen Umstand außer der Güte des Dr. Stephan hatte er einkalkuliert: Wir saßen ganz hinten zu zweit an einem einzelnen Tisch, und es war ein weiter Weg für die Augen und die zerbrechlichen Beine unseres Doktors.
Als die Geographiestunde herangekommen war, begann mein Nachbar das Geheimnis allmählich zu lüften, jedoch immer noch nicht so hinlänglich, dass ich es hätte durchschauen können. Er hatte alles so vorbereitet, dass ich zunächst fast nichts zu tun hatte.
Mit der linken Hand, in kleinen zierlichen Buchstaben hatte Dr. Stephan das Thema an die Wandtafel geschrieben, aus dem mich das Wort „Erosion“ feindselig anstarrte. Der Gleichmut meines Nachbarn vermochte etwas von der Spannung zu mildern, in die ich in Anbetracht dieser Stunde geraten war.
Der Mann vorne, der nun seinem Ansinnen Gestalt gegeben hatte, schwang sich – wie mein Nachbar vorausberechnet hatte – mit einer ungewöhnlichen Behendheit auf das hohe Katheder und thronte nun so hoch über uns, dass wir bei dem Gedanken, er müsste herunterspringen, Sorge um seine dünnen Beine hatten. Dass mein Nachbar mit der Gefahr gerechnet hatte, die unserem Dr. Stephan drohte, wenn er öfter auf- und niedersteigen musste, wurde mir erst später klar.
Nun, da Dr. Stephan seinen Späherposten eingenommen hatte, zog mein Nachbar ein Buch aus der Tasche, legte es auf die Mitte des Tisches und wies mich an, gleich ihm mit gespieltem Interesse darin zu lesen und dann und wann etwas auf ein Blatt Papier zu schreiben.
Ich weiß es nicht mehr, aber es mochte eine Abhandlung über Seidenraupenzucht (die sein Vater betrieb) oder über das unterirdische Ziehen von Champignons (was sein Vater hin- wiederum nicht betrieb) gewesen sein, gleichgültig – mit der Erosion hatte es jedenfalls nichts zu tun. Dann und wann blätterte mein Nachbar demonstrativ in dem Buch und sah unseren Dr. Stephan mit einem Blick gemischt aus Herausforderung und bestem Gewissen wiederholt an.
Bald glitt der so Herausgeforderte von seinem Beobachtungspunkt herab und näherte sich unserem Tisch. Dass dabei den Anderen ein Austauschen von Kenntnissen und ein Abschreiben ermöglicht wurde, sei nur am Rande vermerkt zum Ruhme meines Nachbarn. Bei uns angekommen, starrte er auf das aufgeschlagene Buch, stutzte, klappte es zusammen, schob es unter den Arm, erhob seinen Zeigefinger und sagte, sich rückwärts entfernend, sein „Aber Kinderchen, wir wollen doch hübsch artig sein“.
Wie es weiterging? Nun, wie berechnet. Das Gleiche geschah noch mehrere Male, bis ein Querschnitt durch die Bibliothek meines Nachbarn auf dem Katheder lag und, was wichtiger war, unser Dr. Stephan aufgegeben hatte, sich gefahrvoll von seinem Platz herabgleiten zu lassen.
Zum Ruhme meines Nachbarn sei gesagt: Als wir ungestört blieben, nutzten wir die Zeit für eine, freilich nicht wortwörtliche, Abschrift aus dem einschlägigen Kapitel unseres Geographiebuches , die ihre Wirkung nicht verfehlte.
Hier nahm mein Freund beim Wein einen kräftigen Schluck, der ihm den Mund reichlich füllte.
„Wahrhaft ein perfektes Verbrechen“, sagte ich und erhob staunend über die Unergründlichkeit des Lehrerstandes mein Glas.

©  Walter Zeis 

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