Geschichte des Tages: Tina Wolff – Unterwäsche

Geschichte des Tages: Tina Wolff – Unterwäsche

27.08.2017

Unterwäsche

Meine Oma nannte es Leibwäsche und wenn diese dreckig war, wurde sie in einem Topf auf dem Herd gekocht. Der Geruch von kochendem Waschpulver zog durch das ganze Haus. War die Leibwäsche keimfrei sauber, kam in das milchig brodelnde Wasser Scheuerlappen, Feudel und Schuhputzlumpen. Der daraufhin entstandene Geruch tötete zuverlässig alle Heim-Insekten ab, selbst die Kellerassel-Familie hinter der Fußbodenleiste in der Speisekammer.
Sorgfältig geordnet wurde dann diese Leibwäsche draußen auf die Leine gehängt. Erst Opas Doppelripp mit Eingriff, dann Omas Doppelripp fein, dann die Unterhemden. Dort wehten sie wie strahlend weiße Kapitulatiosfähnchen im Winde. Waren sie trocken, wurden sie gebügelt und im Wäscheschrank in weiß ausgelegten Fächern auf Kante gelegt.
War eine Unterbüx haltlos geworden, suchte Oma aus dem Nähschrank das Gummiband mit dem beigen Zickzackmuster, nahm einmal um die Taille Maß und zog dann das elastische Band mittels einer großen Sicherheitsnadel neu ein. Wir klauten es heimlich meterweise für Gummitwist.
Wir Enkelkinder waren pflegeleichter, wir hatten Schlüpfer. Meistens aus Frottee und nett bedruckt mit kleinen Blümchen oder auch mal ganz frech mit Herzchen. Die Bündchen waren nie unter zehn Zentimetern breit, so dass die Schlüppis bis über den Bauchnabel gezogen werden konnte, was sehr wichtig war, weil das Unterhemd guten Halt haben musste, damit man nichts an den Nieren kriegte.
Gedanken über Unterwäsche machte ich mir erst, als meine Mutter mich mitnahm in einen Laden, dessen Sortiment alles an Trikotagen beheimatete, was eine Familie brauchte, nebst Haushaltskittel in geblümt.
Dort wurde ich einer älteren Verkäuferin zugeteilt, die mir meinen ersten BH verpasste. Weil ich mich weigerte vermessen zu lassen, gab es nur eine einzige sportliche Alternative. So kam ich nach und nach zu einer beachtlichen Sammlung von Bustiers jeglicher Art. Dazu gab es grundsätzlich nie eine passende Hose, also hatte ich immer die Unterwäsche wenigstens zweifarbig, aber immer noch möglichst aus Baumwolle. Gekocht wurde diese Art der Leibwäsche nicht, aber sechzig Grad im alten Toplader ohne Schleuderfunktion konnte sie aushalten.
Ein paar Jahre später bekam Unterwäsche fast eine heilige Bedeutung. Wenn man untenrum nicht gut angezogen war, war man ein Niemand. Ganz gefährlich war die Zeit in den Achtzigern, als Bodys aufkamen. Eigentlich hießen sie Body-Stocking, man sagte aber ganz salopp „Boddi“. Das waren sozusagen Badeanzüge aus Unterwäschestoff mit kleinen Haken im Schritt.
Meine Oma konnte mit „Boddi“ nichts anfangen, bis meine Mutter ihr erklärte, das es die moderne Form eines Korseletts war. Das fand meine Oma sehr vernünftig, dass wir jungen Dinger uns für solch ein sinnvolles, fleischfarbenes Stück Unterwäsche entschieden hatten.
Einen solchen Boddi auf einer der klassischen Knutsch- und Fummelparties zu tragen, die grundsätzlich in schummrigen Kellern, oder auf Dachböden gefeiert wurden, war ein Fehler.
Wenn ein testosterongeschwängerter Jüngling mit aller Kraft versuchte dem angeknutschten Mädchen das vermeintliche Hemd hinten aus der Hose zu reißen und dabei die blöden Häkchen in den Schließmuskel griffen, war sofort Schluss mit lustig. Auf diese Unannehmlichkeiten hätten wir alle getrost verzichten können.
Danach spaltete sich das Teenager-Mädchen-Lager auf. Die einen trugen Tangas, die anderen Mädels Boxershorts, gerne zu zerrissenen Jeans. Was hatten unsere Eltern es schwer mit der völlig verrohten Brut.
Für die heutigen Kids gibt es keine Schlüppis, die tragen Pantys. Ist genau das Gleiche, nur nicht mehr aus Frottee, aber auch mit Zehn-Zentimeter-Bündchen. Allerdings so tief auf den Beckenknochen sitzend, das die meisten Unterhemdchen zu knapp werden. Wenn in zwanzig Jahren die Dialysestation aus allen Nähten platzt, wissen Sie jetzt schon warum.
Die Grundschulkinder von heute haben – nicht nur was die Unterwäsche anbelangt – eine ganz eigene Meinung, die sie auch sehr intensiv umzusetzen wissen. Denen braucht man mit Blümchen und Herzchen auf Frottee und Hemd-in-die-Hose nicht kommen. Wie es sich bei denen wohl weiter entwickelt?
Wie alles im Leben unterliegt auch die Unterwäsche gewissen Phasen, die überwunden wollen sein. Je älter und unförmiger man wird, umso unwichtiger wird das Untendrunter. Ab vierzig tendiert man ganz automatisch wieder zum guten alten Schlüpfer. Aus Korseletts sind Boddis und nun Spanx geworden und irgendwann sind es eben wieder Korseletts. Und später kaufen wir selber im Laden mit der ausgezeichneten Trikotagenabteilung die Schinkenbüddel und Sturmbomber, die man so schön sauber kochen kann in einem Topf auf dem Herd, mit dem typischen Geruch des brodelnden Waschmittels.

(c) Tina Wolff

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Tina Wolff – Unterwäsche

  1. Petra Weise sagt:

    Den Beitrag fand ich sehr lustig – bei mir wäre er wohl eher sarkastisch ausgefallen. Auf jeden Fall lohnt sich die literarische Betrachtung des Untendrunter. Vielen Dank.

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